Mit leiser innerer Kraft

Von Martin Schwickert Veröffentlicht: Donnerstag, 9. April 2015, 00:00 Uhr
Neu im Kino: „Elser“ von Oliver Hirschbiegel mit Christian Friedel und Katharina Schüttler

Nur dreizehn Minuten haben gefehlt und die Weltgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Als die Bombe am 8. November 1939 zündete, hatte Adolf Hitler die Veranstaltung im Münchner Bürgerbräukeller bereits früher als geplant verlassen. Der Attentäter Georg Elser wurde noch in derselben Nacht beim Fluchtversuch an der Schweizer Grenze verhaftet.

Im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli rückte die Tat Elsers erst in den 90er-Jahren in den Blick der offiziellen Gedenkkultur. Der schwäbische Tischlergeselle war ein Einzeltäter. Gerüchte er habe im Auftrag der Briten oder sogar der Nazis selbst gehandelt haben, hielten sich nach dem Krieg hartnäckig, obwohl es keine stichhaltigen Beweise für diese Thesen gab. Das Beachtliche an Elsers Tat ist, dass er schon sehr früh die verheerenden Folgen des nationalsozialistischen Größenwahns vorhersah.

Oliver Hirschbiegel hat sich nun mit seinem Film „Elser“ der Biografie des Attentäters angenommen. Es ist nicht der erste Film über Elser. 1989 hatte sich Klaus Maria Brandauer auf die Vorbereitung und Ausführung des Anschlags konzentriert. Hirschbiegel beginnt mit der Detonation der Bombe und der Verhaftung Elsers in Konstanz, um dann mithilfe von Rückblenden aus den Verhörräumen der Gestapo heraus die Herkunft und allmähliche Politisierung des Widerständlers zu erforschen. Wirklich großes Kino entsteht innerhalb dieser konventionellen Erzählform nicht, aber der Film zeigt, wie sich ohne ideologische oder religiöse Zuhilfenahme politisches Gewissen und moralische Tatkraft konstituieren. Denn das Besondere an Elser ist, dass er zwar in katholischen Familienverhältnissen aufgewachsen und mit dem örtlichen Rotfrontkämpferbund geliebäugelt hat, aber selbst nie einer Partei angehört hat und seiner Tat allein eine individuelle Entscheidung ohne kollektive Rückendeckung zugrunde liegt.

Christian Friedel, der gerade als Heinrich von Kleist in „Amour Fou“ im Kino war, spielt Elser mit einer leisen inneren Kraft fernab von jeglichem Heldenpathos als Mann, der die Frauen, unkonventionelle Lebensentwürfe und die eigene Freiheit mehr liebte als Volk und Vaterland. Aber Hirschbiegels „Elser“ vermittelt auf konventionelle Weise ein Gefühl dafür, wie aus einer freigeistigen Haltung politisches Verantwortungsgefühl und Zivilcourage entsteht.



Deutschland 2014, 113 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Oliver Hirschbiegel ; Buch: Fred und Leonie-Claire Breinersdorfer; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: David Holmes; Darsteller: Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner .
 

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