Der Pop der Alleskönner

Von Andreas Lüschen-Heimer Veröffentlicht: Montag, 27. Juli 2015, 14:55 Uhr
Die schillernden, überschwänglichen Melodien von Ezra Furman und Friska Viljor versüßen den restlichen Sommer

Jene aufsehenerregende letzte Single „Restless Year“ eröffnet „Perpetual Motion People“ ( Bella Union/Cooperative) wie ein kleiner Pop-Tornado: „Uhh-la-uhh“ jubiliert der Chorus, der Rhythmus poltert minimal, aber offensiv, eine Orgel schlingert trunken, zwischendurch fährt ein Bass in die Magengrube – und Ezra Furman singt und schreit sich die Seele aus dem Leib. Exakt so klingt ein klares Statement in Sachen Pop – gleichwohl man auch deutliche Neunziger-Indie-Rock-Einflüsse, Achtziger-New Wave und reichlich Siebziger-Punk-Attitüde heraushört. Soviel ist also an dieser Stelle schon mal klar: der Kerl kennt sich aus in der Geschichte. Und so verwundert es keineswegs, wenn der unwiderstehliche Charme des nachfolgenden „Lousy Connection“ sogar bis in die Sixties zurückreicht – zu Phil Spector und Girlie-Pop. Girlie-Pop?? Aber ja, Ezra präsentiert sich (nicht nur auf dem Cover) explizit als zweigeschlechtlich. „Ich neige nicht dazu, allzu lange an einer Stelle zu bleiben. Die Art, wie ich mit meinem Geschlecht umgehe, wechselt ständig“, gesteht der gebürtige Chicagoer. Dieses Album ist also nicht nur ein Manifest der Retro-Manie sondern auch der schillernden Exzentrik. Weitere substantielle Song-Kracher kommen mit dem saftigen Quasi-Reggae „Haunted Head“ und seinen schwindelerregenden Saxophon-Blitzen und Ezra's tiefer gelegten Vocals sowie dem sehnsüchtigen, unverhohlen an den legendären Robyn Hitchcock gemahnenden „Hour Of Deepest Need“. Ein meisterlich lässig getupftes Piano sorgt hier für die Extra-Portion Gänsehaut. Wunderbar überdreht zuckt „Wobbly“ durch die Boxen, das herrlich erschöpfte, melodisch opulente „Watch You Go By“ greift wiederum direkt ans Herz. Ja, zwischen all diesen Polen changiert das Repertoire dieses Respekt einflößenden, erfrischend uncoolen Alleskönners.

Mit einem überschwänglichen „Intro“ empfangen uns die Schweden von Friska Viljor, deren überbordende Opulenz auf „My Name Is Friska Viljor“ ( Crying Bob/Cargo) eigentlich überhaupt keine Auszeit nimmt. Dass die Band vor schier unfassbar eingängigen Melodien und Arrangements nicht zurück schreckt, könnte man ihr gewiss vorhalten, doch sollte der umwerfend Laune machende Gesamteindruck dieses Werkes auch dem Skeptiker für diese 41 ungemein vergnüglichen Minuten fünf gerade sein lassen.

Wer beispielsweise während des Augenzwinkernden „In My Sofa I'm Safe“ nicht sofort vom selbigen aufspringt, freut sich wahrscheinlich auch darauf, dass der Sommer endlich vorbei ist. „Danger In Front“ ist ebenfalls der pure Überschwang, ein formidabler Sommer-Hit, wie auch der kleine, folkig-schrägcharmante Ausreißer „Laundry“ oder das mit Bläser-Wucht raffiniert versetzte „A Brand New Morning“. Fraglos sind die Skandinavier mit ebenso viel Energie, Sendungsbewusstsein und stilistischen Möglichkeiten ausgestattet wie der amerikanische Kollege Furman. Man lasse sich den Rest des Sommers davon bezaubern.
 

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