A623 Friedrichsthal Richtung Saarbrücken Zwischen AS Saarbrücken-Herrensohr und Einmündung Rodenhof Bauarbeiten, linker Fahrstreifen gesperrt, Stau zu erwarten bis 19.10.2017 05:00 Uhr (17.10.2017, 16:49)

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10 000 Fans bei Electro Magnetic: Völklinger Hütte wurde zu gigantischer Tanzfläche

Partystimmung pur beim ausverkauften Electro Magnetic Festival im Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

Partystimmung pur beim ausverkauften Electro Magnetic Festival im Weltkulturerbe Völklinger Hütte.


Um 23 Uhr geht nichts mehr auf dem Weg vor der Bühne am Schrottgleis. Eingepfercht zwischen schwitzenden Körpern und in die Luft gestreckten Getränken ist man den Schwankungen der Masse unterworfen – vor allem, wenn man klein ist. Grüppchen von Besucherinnen fassen sich an den Händen, um sich und den Halt nicht zu verlieren. Doch einige der Besucher nutzen ihre Körpergröße, um sich ohne Rücksicht auf Verluste durch die Masse zu schieben. Es kommt zu verbalen Ruppigkeiten, weil nicht jeder die kostenlose Bierdusche und den drückenden Ellbogen im Rücken kommentarlos hinnimmt. Es dauert zehn Minuten bis man das Nadelöhr endlich passiert hat und seine Kleider wieder zurechtrücken kann.

Vor der Hauptbühne auf dem Erzplatz wogt ein Menschenmeer, das zu den vorwärts treibenden Rhythmen des aus dem Saarland stammenden DJs Karotte ausgelassen tanzt. Soweit es der Platz zulässt. Die Hauptbühne ist von einer imposanten und ausgeklügelten Lichtshow in Szene gesetzt, die in der Dunkelheit ihre enorme Strahlkraft entfaltet. Zum Rhythmus schwenkende Suchscheinwerfer durchmessen mit kalten blauen Lichtkegeln das Hütten-areal. Dazu frieren stroposkopierende Lichtfelder für Sekunden das Spektakel in grellem Weiß ein. Zum bassgesteuerten Höhepunkt entlädt sich eine gewaltige Nebelschwade in den Nachthimmel, und die gleichzeitig gezündete Konfettifontäne ergießt sich über dem tanzenden Rund.



Ein furioses Lichtspiel, das in der Tat „die Magie des Ortes“ aufleben lässt, wie es die sonore Männerstimme im eigens fürs Festival produzierten Imagefilm verkündet. Der läuft in den Spielpausen auf der Hauptbühne und schwört die Besucher auf den magischen Ort und den nächsten Künstler ein – professionelles Infotainment.

Was die Energie von tausenden ehemals arbeiteten Menschen mit der Leidenschaft zur Musik und dem Festival zu tun, ist nicht ganz nachvollziehbar. Vielleicht weil man hier schon immer Geld verdiente? Aber während man noch darüber sinniert, krachen am Ende des Filmchens Raketen in den Abendhimmel und lenken die Aufmerksamkeit auf die riesigen Wunderkerzen (oder auch das gezückte Smartphone, das alles dokumentiert).

Und schon geht es weiter mit dem Elektro-Duo Aka Aka, das zusammen mit dem Trompeter Thalstroem erst einmal langsam und minimalistisch loslegt, was der Stimmung keinen Abbruch tut. Der Saarländer Johannes Bergheim von Aka Aka schickt mit einen „Saarbrigge“-Aufruf seine Landsleute mit harten Beats aufs Parkett, begleitet von einer dieses Mal sehr bunten und fröhlich anmutenden Lichtkulisse.



Zeit für eine Verschnaufpause. Wer es sich leisten will, beobachtet das enge Treiben vom VIP-Bereich aus, der auf der Erzhalle angesiedelt ist und einen wunderbaren Blick auf die Hauptbühne gewährt. Doch auch hier geht es dieses Mal enger und hitziger zu als in den vergangenen Jahren. Einer der VIP-Besucher feiert buchstäblich bis zum Umfallen.

Dass 0,3 Liter Mineralwasser 2,80 Euro kosten, kritisieren viele Besucher; Wasser sollte bei diesen Temperaturen preisgünstiger sein. Dass man gezwungen war, Wertmarken für mindestens zehn Euro zu kaufen und es wegen der langen Schlangen kaum möglich war, vor dem Nachhauseweg die Marken in Geld zurückzutauschen, sorgte bei vielen Besuchern ebenso für Unmut. Doch das größte Problem war dieses Jahr die Überfüllung. Zwischen 22 und 2 Uhr war es kaum möglich, die Bühne zu wechseln, um andere Acts zu sehen – womit der Charakter eines Festivals leider litt. Geglückt ist sie, die Premiere des „Urban Art Hip-Hop-Festivals“. Auch dem Wettergott sei Dank. Als am Freitag kurz nach 22 Uhr die Saarbrücker Hip-Hop-Formation „Genetikk“ unter Jubel die Hauptbühne betritt, hängt eine große dunkle Regenwolke über der Völklinger Hütte, mächtige Blitze zucken durch die Dämmerung. Doch statt satten Regens verirren sich nur ein paar einzelne große Tropfen auf den Häuptern der Versammelten. So steht dem Höhepunkt nichts mehr im Wege. Die sechs mit Masken verkleideten Mannen von Genetikk starten mit schnellen Sprechgesangeinlagen und bedanken sich für den „krassen Empfang“. Dass sich ihr aktuelles, drittes Album „Achter Tag“ mehr als 60 000 Mal verkauft hat und direkt auf Platz 1 der deutschen Album-Charts eingestiegen ist, merkt man – die Fans kennen jede Zeile und legen sich beim Mitsingen vor allem beim Hit „Wünsch Dir was“ ins Zeug. Und das, obwohl viele von ihnen schon seit dem frühen Nachmittag auf dem Festival zugebracht haben.



Bei Sonnenschein startet das Festival mit „Rap Battles“, bei denen sich zwei Akteure sprachlich beharken – und dabei gerne unter die Gürtellinie schießen. Genau wie ihre Vorbilder, die sich im Anschluss die Ehre geben. So drehen sich die Texte von Rapper Haftbefehl und seinen Frankfurter Mitstreitern um den bewaffneten Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße. Dass man die Konkurrenz „Hurensöhne“ nennt, während man sich selbst als omnipotenten Julius Cäsar im Lamborghini feiert, gehört wohl dazu. Aber im Reigen der bewussten verbalen Entgleisungen wird das zur inhaltslosen Geste, die immerhin herrlich passt zur Jogginghose-Garderobe mit Badelatschen. Vielleicht ist es ja ein Glück, dass man hier nicht jedes Wort versteht, weil die Bässe und gesampelten Maschinengewehrsalven vieles übertönen. Doch der Erfolg gibt dem „Babo“ (Boss) von Haftbefehl recht. Seine Fans feiern ihren King of Flachsinn.



So verwundert es nicht, dass auch der Rapper „Kollegah“ genau in dieselbe Kerbe schlägt und dafür frenetisch gefeiert wird. Der muskelbepackte Sportsmann macht einen auf dicke Hose mit goldener Uhr und feinen Zwirn. Seinen Butler Frederik hat er auch gleich mitgebracht – der macht artig Männchen und versorgt im Namen vom Big Boss das Publikum mit Wasser. Dass der Jura-Student „Kollegah“ keine Konkurrenz außer seinem Spiegelbild kennt, versteht sich – ebenso seine Fitness-Regel Nummer 1: „Von Salat schrumpft der Bizeps.“

Während Kollegah seinen Fans ironisch und augenzwinkernd die Welt erklärt, improvisiert auf der kleinen Bühne der Kölner Rapper Retrogott eine kleine Geschichte über seine Hip-Hop-Sozialisation, in der es einmal mal nicht um Nutten, Waffen und Koks geht. Denn Retrogott bewundert die ernsthaften Klassiker mit politischen Aussagen – ebenso wie die Antilopen Gang, die vor ihm spielen. Nur vergleichsweise wenige Besucher lassen sich auf diese Künstler ein; die Masse feiert stattdessen lieber den sinnfreien Party-Hip-Hop.  
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