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25 Jahre Flugkatastrophe Ramstein: Eine Betroffene erzählt

„Schauen Sie mal, wie braun ich am Oberschenkel geworden bin“, sagt Tatjana Lismann und lacht. Sie streicht über ihre Haut. Die ist tatsächlich von der Sonne geküsst. Nur ist es nicht der Oberschenkel, über den die Finger der 64-Jährigen gleiten. Es ist ihr linker Unterarm. Und doch stimmt die Aussage – irgendwie. Die Haut wurde transplantiert. Vor 25 Jahren. Brennendes Kerosin hatte sich über Tatjana Lismann ergossen – an jenem Tag, als ein fröhliches Volksfest mit atemberaubender Flugkunst in einer Katastrophe endete.

Dass die Wiebelskircherin über die Narben, mit denen das Unglück bei der Flugschau in Ramstein ihren Körper gezeichnet hat, Witze macht, ist kaum zu glauben. Aber nur im ersten Moment. Denn wer länger mit ihr spricht, der erkennt: Es ist Ausdruck der inneren Stärke, mit der Tatjana Lismann diesen Schicksalsschlag wegstecken konnte und das Geschenk des Lebens annahm. „Ich hatte Glück“, sagt sie schlicht. „Ich ? darf leben.“ 70 Menschen starben am 28. August 1988, als nach einer Kollision mehrerer Kunstflugmaschinen eines der Flugzeuge in die Zuschauer raste. Tatjana Lis? mann und ihr Mann Hans-Heinrich waren nicht unter den Todesopfern. Deshalb ist für die Familie der Jahrestag ein Datum, um das Leben zu feiern. „Es ist wie ein zweiter Geburtstag.“

„Ich hatte Glück.“ Diesen Satz sagt Tatjana Lismann oft, wenn sie von den Geschehnissen vor 25 Jahren erzählt. Als Glück empfindet sie es, dass sie und ihr Mann die damals 21-jährige Tochter Heike nicht mitnehmen, als sie sich spontan entscheiden, zu der Flugschau in die Pfalz zu fahren. So bleibt es ihr erspart, den Horror selbst mitzuerleben. „Es war ein sehr verregneter Sommer“, erinnert sich Tatjana Lismann. „Aber an diesem Tag war es wunderschön. Das wollten wir ausnutzen.“ Die Familie betreibt seit 1972 in Neunkirchen ein Geschäft für Modelflugzeuge und fühlt sich der Fliegerei verbunden.

Auch deshalb kämpft sich das Ehepaar zusammen mit Freunden in der Menge von rund 350?000 Menschen, die an diesem Tag die Air Base bevölkern, so weit wie möglich nach vorne. „Wir wollten alles aus der Nähe mitbekommen“, sagt Tatjana Lismann. Aber ganz in die erste Reihe schaffen sie es dann doch nicht. Und auch das – eine so grausame Wahrheit – ist ihr Glück. Denn so trifft die kleine Gruppe aus dem Saarland nicht die volle Wucht des Aufpralls, als um 15.44 Uhr die Maschine der italienischen Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ in einem Feuerball in die Menschenmenge stürzt. Tatjana Lismann lässt sich instinktiv auf den Boden fallen und entgeht so den Trümmern der Unglücksmaschine, die durch die Luft schießen. Doch der herabregnende Treibstoff trifft sie an Armen und Füßen und verbrennt ihre Haut in Sekunden. Den Rest ihres Körpers schützen der dicke Stoff ihrer Jeans und ihr Baumwollpullover. „Das war mein Glück. Sonst wäre noch viel mehr Haut verbrannt.“

Nach bangen Minuten des Wartens rappelt sich Tatjana Lismann auf und findet sich in einer schwarzen Rauchwolke wieder. Sie stolpert durch ein Szenario des Schreckens. „Das Schlimmste waren die Schreie.“ Und sie, die ihre eigene Leidensgeschichte mit so großer Kontenance erzählt, hat plötzlich Tränen in den Augen, als sie diese Erinnerungen wachruft. „Überall waren Tote und Verletzte. Ich habe einem jungen Mann, der in Flammen stand, geholfen, sich zu wälzen, damit das Feuer ausgeht.“ Dann macht sie sich auf die Suche nach ihrem Mann und den Freunden.

Sie alle sind am Leben. „Sie haben mich zu einer Sammelstelle auf einer Wiese gebracht“, erinnert sich Tatjana Lismann. Sanitäter legen nasse Tücher auf ihre verbrannten Arme und Beine. Bis dahin hat sie die Verletzungen kaum wahrgenommen. „Es war gerötet wie ein Sonnenbrand und spannte. Aber die Schmerzen waren auszuhalten.“ Und wieder hat die Wiebelskircherin Glück. In dem Chaos, das die Versorgung von 1000 Verletzten mit sich bringt, wird sie als eine der Ersten mit dem Hubschrauber ausgeflogen und landet schließlich im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz.

Ein erlösender Anruf

Der neue Tag ist bereits angebrochen, als Heike Lismann endlich ihre Eltern gefunden hat. Den Vater in der Klinik in Kusel. Er wird später nach Neunkirchen verlegt, wo er nicht nur seine Verbrennungen, sondern auch eine schwere Infektion auskuriert. Drei Wochen darf er seine Frau nicht sehen. Die will Tochter Heike gerade mit einem Foto in allen Krankenhäusern der Umgebung suchen, als der erlösende Anruf aus Koblenz kommt.

In den kommenden Wochen werden Tatjana Lismann mehrere Hautstücke von Bauch und Oberschenkeln an ihre Arme und Füße transplantiert. „Meine Arme waren in weißem Verband, meine Füße sogar eingegipst. Wie ein Engel bin ich im Krankenhaus durch die Flure gelaufen“, sagt sie lachend. Wie ein Engel mag sie auch manchem Arzt und den Pflegern vorgekommen sein. Die merken schnell, wie positiv die Saarländerin mit den schrecklichen Erlebnissen umgeht. Sie bitten sie, mit anderen Patienten zu sprechen, denen die Katastrophe schwere Traumata zugefügt hat. „In meinem Krankenzimmer herrschte immer Betrieb.“

Obwohl es rund zwei Jahre dauert, bis wieder Normalität in ihr Leben einkehrt, die Reha langwierig, anstrengend und schmerzhaft ist, hadert Tatjana Lismann nicht mit ihrem Schicksal. „Ich habe es einfach angenommen“, sagt sie. „Ich bin am Leben, ich kann arbeiten und bin auch nicht entstellt. Andere hat es viel schlimmer getroffen.“ Die Narben zu zeigen – die von helleren Flecken durchzogene, unregelmäßige Haut –, damit hat sie kein Problem. „Wenn mich die Leute darauf ansprechen, vor allem Kinder, dann erzähle ich ihnen, was passiert ist.“ Darüber zu sprechen, hat ihr geholfen aufzuarbeiten.

Tatjana Lismann wird nicht vom Unglück in Ramstein verfolgt. „Anfangs ist mir oft der Atem weggeblieben, wenn ich im Fernsehen einen Feuerball gesehen habe. Aber ich hatte keine Albträume, bin nicht nachts schweißgebadet aufgewacht.“ Mit ihrer positiven Einstellung, dem unerschütterlichen Beistand ihrer Familie und der Hilfe vieler Nachbarn und Freunde hat sie die schrecklichen Erlebnisse und die Verletzungen überstanden. „Alle haben zusammengehalten. Es hat uns zusammengeschweißt.“ Und dann fällt er wieder, dieser eine Satz, den Tatjana Lismann so oft sagt: „Ich hatte Glück.“

Hintergrund

Das Flugschau-Unglück: Während einer Flugschau auf der Ramstein Air Base prallten am 28. August 1988 beim Auftritt der italienische Kunststaffel Frecce Tricolori drei Militärflugzeuge in zirka 50 Meter Flughöhe zusammen. Einer der Jets stürzte brennend ins Publikum. Das Unglück forderte 70 Tote und 1000 Verletzte. Die Gesamtzahl der Besucher wurde auf 350?000 geschätzt.

Das Unglück ging auch wegen schwerwiegender Pannen in die Geschichte ein. So gab es Probleme mit der Erstversorgung von Verletzten, unter anderem wurden Rettungskräfte nicht sofort auf den Flughafen gelassen. Stefanie Marsch

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