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30-Jähriger aus der Eifel kämpfte sieben Monate in Syrien gegen Terror-Organisation IS

In Syrien nannten sie den jungen Deutschen aus der Eifel (r.) „Agit“, übersetzt „Held“ – hier im Bild mit einem Kampfgenossen.

In Syrien nannten sie den jungen Deutschen aus der Eifel (r.) „Agit“, übersetzt „Held“ – hier im Bild mit einem Kampfgenossen.

Die schweren Maschinengewehre auf den Lastwagen brüllen und schleudern ihre Explosivgeschosse durch die Nacht. Das Pfeifen von einschlagenden Raketen überdeckt die „Allahu-Akbar“-(Gott ist groß)-Rufe der Angreifer. Wenn Christian Haller von Momenten wie diesen berichtet, ist er ruhig und distanziert. „Der Körper verfällt in einen einzigen Adrenalinrausch, der Kopf schaltet auf Autopilot.“ Haller greift zu seinem Gewehr, einem AK-47, schießt, geht in Deckung, schießt erneut. Seltsam verzerrt, in einer Art Zeitlupenmodus, sieht er die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) gegen seine Stellung anrennen, sieht, wie sie von Kugeln gestoppt werden und zu Boden stürzen.

Bei dem Gefecht um das nordsyrische Dorf Tel Hansir (etwa 25 Kilometer von der Stadt Serê Kaniyê entfernt) kämpft Haller, der eigentlich anders heißt, bereits mehrere Monate als Freiwilliger auf der Seite der kurdischen Milizen in Syrien, der YPG. Dabei ist er nach eigener Aussage kein Militärfreak oder stumpfer Patriot. Nach der Schule sei er nicht zur Bundeswehr gegangen, sondern habe Zivildienst geleistet. Allerdings hätten ihn die Massaker des IS an der christlichen Minderheit der Jesiden irgendwann nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. „Ich musste doch irgendetwas tun, gegen all die Vergewaltigungen, enthaupteten Menschen, gegen dieses unfassbare Leid.“

Hinzu komme seine unbändige Lust am Abenteuer. Die habe er bereits während seiner Schulzeit gehabt. Als er im Fernsehen einen Bericht über einen niederländischen Motorrad-Club entdeckt, der die kurdischen Milizen in Syrien unterstützt, sieht er deshalb eine Chance, aus seiner Routine auszubrechen. Er beschließt, Kontakt mit einer Organisation aufzunehmen, die ausländische Freiwillige als Kämpfer gegen den IS rekrutiert. „Denn der Islamische Staat ist ein Parasit, der sich immer weiter ausbreitet.“

An einem tristen, grauen Novembertag im Jahr 2014 ist es dann so weit: Haller zieht in den Krieg. Der 30-Jährige hat alles schon Monate im Voraus geplant. Seinen Job als Leiter einer kleinen Sportanlage in der Eifel hat er bereits im Oktober gekündigt und das Flugticket in den Nordirak ist schon lange gebucht. Nur seiner Freundin hat er nichts von seinem Entschluss mitgeteilt.

Vor seinem Abflug aus München schreibt er ihr einen Abschiedsbrief, in dem er um Verständnis bittet, aber keine Angaben dazu macht, wohin er geht oder wie lange er wegbleiben will. Erst Wochen später wird er sich wieder bei seinen Angehörigen melden. Als diese erfahren, dass er in Syrien kämpft, kommt es zum Bruch. Nur noch zu seinem älteren Bruder habe er Kontakt. Seine Ex-Freundin und der Rest seiner Familie konnten ihm nicht verzeihen, dass er einfach ohne Vorankündigung verschwunden sei. „Wenn man für eine Sache kämpft, dann muss man auch bereit sein, Opfer zu bringen. Dieser Bruch macht mich unendlich traurig, aber ich bin bereit, den Preis zu zahlen.“

Seit Juni ist Haller zurück in Deutschland. Seine Erfahrungen in Syrien hat er in einem Buch verarbeitet. Es heißt „Sie nannten mich Held“. Abgeleitet ist das von seinem kurdischen Kampfnamen Agit (Held). Dabei ist das Quatsch, findet Haller. „Der Krieg macht einen nicht zum Helden. Es gibt nur Verlierer.“

Wenn er über seine Kriegserfahrungen spricht, bilanziert der 30-Jährige, als ob diese Zeit schon Jahre zurückliegen würde. „Die Gefechte haben mich nicht traumatisiert, schließlich bin ich dorthin gegangen, um zu kämpfen.“ Er habe gesehen, wie einige Kameraden gestorben seien oder schwer verletzt wurden. Dadurch bekomme man automatisch ein anderes Verhältnis zum Tod. „Allerdings wundere ich mich selbst, dass ich so gut schlafen kann.“

Den größten Teil seiner Zeit in Syrien hätte er allerdings mit Warten zugebracht, in Lagern oder kleinen Camps. Dort gab es zumeist kein fließendes Wasser, verdreckte Toiletten und keine Zahnpasta. Obwohl 95 Prozent der Kämpfer in Ordnung seien, gebe es bei ausländischen Freiwilligen etliche lebensmüde Selbstdarsteller. Die hätten die meiste Zeit Fotos von sich in Kampfmontur gemacht, die sie dann in sozialen Netzwerken veröffentlicht hätten.

„Die wenigsten Ausländer , die für die YPG kämpfen, halten es dort länger als zwei Monate aus“, sagt Haller. Andere sterben im Gefecht, wie etwa die Duisburgerin Ivana H.. Haller kannte die 19-jährige Deutsche, die sich den kurdischen Frauenverteidigungseinheiten angeschlossen hatte. Haller überlebte am Ende alle Gefechte und blieb mehr als sieben Monate.

Dennoch gibt es auch Augenblicke, an die der 30-Jährige gern zurückdenkt: an die Dankbarkeit und Freundlichkeit der Menschen in den von der YPG kontrollierten Gebieten; an das gemeinsame Singen kurdischer Lieder am abendlichen Lagerfeuer oder das Gefühl, gleichzeitig unendlich müde und doch ganz leicht zu sein, wie „man es nur haben kann, wenn man eine anstrengende Nachtwache ohne Schaden überstanden hat“.

Zurück in Deutschland ist Haller ein Getriebener. Viele seiner sozialen Kontakte hat er nach seiner Zeit in Syrien verloren, ebenso wie seinen Besitz, seinen Hund, seinen Job. „Ich bedauere, was ich verloren habe, meine Entscheidungen bereue ich aber nicht.“ Seinen Namen will er nicht nennen, um seine Familie nicht zu gefährden und auch „weil ich nicht als Youtube-Video enden möchte“. Immerhin habe der IS auf ausländische Kämpfer der Gegenseite ein Kopfgeld ausgesetzt.

An seinem neuen Wohnort will Haller nun sein Leben wieder in geordnetere Bahnen lenken und von vorn anfangen. Mit einem Teil der Einnahmen aus seinem Buch möchte er zurück nach Syrien reisen, um dort persönlich Kleidung zu verteilen. Wieder zur Waffe zu greifen, schließt Haller aber aus. „Meinen Beitrag habe ich bereits geleistet. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.“
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