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Ärzte offen für Gesundheits-Apps

Sie zählen Schritte, messen den Blutdruck und die Schlafdauer und erinnern den Besitzer daran, regelmäßig zu trinken. Längst sind Smartphones aber auch im Einsatz, wenn es um die Behandlung komplexer Krankheitsbilder wie Diabetes oder Tinnitus geht. Die Anwendungen auf den internetfähigen Handys, die Apps , erobern die Medizin. Welche Auswirkungen hat das auf den Gesundheitssektor und auf das Verhältnis von Patient und Arzt? „Gesundheit aus dem Smartphone – schafft die Doktor-App den Doktor ab?“ lautete das Thema des zehnten Fachärztetags am Samstag in Saarbrücken .

Programme für Smartphones und Tablets oder Fitness-Armbänder seien ein Megatrend, bis zu 150 000 Medizin-Apps gebe es weltweit auf dem Markt, schätzt der Rechtsanwalt Hans-Hermann Dirksen, Professor für Medizin- und Gesundheitswirtschaftsrecht an der Hochschule Fresenius in Frankfurt. 29 Prozent der Deutschen hätten eine Gesundheits-App auf ihrem Mobiltelefon installiert. Allerdings: „Das Thema ist noch nicht bei den Ärzten angekommen“, diagnostizierte der Jurist.

Viele Mediziner seien durch das Chaos um die elektronische Gesundheitskarte traumatisiert, dabei biete die „E-Health“, also die elektronische Gesundheit, viele Chancen. So könnten durch die Telemedizin ältere Menschen länger im eigenen Zuhause bleiben. Misst ein Patient zu Hause den Blutzucker mit dem Smartphone, könne dieses die Daten direkt an den Arzt schicken. Durch Online-Sprechstunden könne auch in ländlichen Gebieten die Versorgung gesichert werden. Aber auch der Arzt profitiere: Über weltweite Datenbanken könne er tausende von Krankheitsbildern vergleichen.

Die Sorge um die Sicherheit der Daten hält Dirksen für berechtigt: „Natürlich haben wir ein gewaltiges Datenschutzproblem.“ Doch könne jeder Nutzer selbst entscheiden, welche Daten er von sich preisgibt. Auch Haftungsfragen gelte es zu klären. In der großen Masse der Apps gebe es auch unseriöse Angebote. „Noch fehlen Leitlinien und Qualitätsmerkmale“, sagte Dirksen.

Individualisierten Tarifen in der gesetzlichen Krankenversicherung, bei denen gesundheitsbewusst lebende Versicherte weniger Beitrag zahlen als etwa Raucher, erteilten die Ärzte eine Absage. „Das torpediert das Grundwesen des Sozialstaatsprinzips. Als Folge würde der Patient stigmatisiert, der seine Daten nicht teilen will“, sagte auch der Leiter der Techniker Krankenkasse (TK) im Saarland, Jörn Simon.

Diese Entwicklung der Gesundheits-Apps finde auf dem zweiten Gesundheitsmarkt statt – außerhalb der Ärzte und Kassen, erklärte Hans-Hermann Dirksen. „Es besteht die Gefahr, dass Ärzte vom Fortschritt überholt werden und den Anschluss verpassen“, warnte Dirksen. Dabei wünsche sich mehr als die Hälfte der Patienten die digitale Kommunikation mit dem Arzt.

Die saarländischen Ärzte signalisierten Bereitschaft, die Medizin-Apps eher als Chance denn als Risiko begreifen zu wollen. „Es ist die Realität der Gegenwart, ob wir das gut oder schlecht finden. Wir müssen es in das ärztliche Handeln einbinden und schauen, wo es uns bei der Beratung hilft“, sagte der Vorsitzende des Facharztforums Saar, Dr. Dirk Jesinghaus. Angesichts der großen Fülle der Apps müsse der Arzt die Deutungshoheit erlangen und seriöse Angebote empfehlen können, plädierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Gunter Hauptmann.

Der Saarbrücker Neurologe Dr. Friedhelm Jungmann erläuterte, wie er eine App bereits heute in der Behandlung von Parkinson-Patienten einsetzt. Das Smartphone messe dabei die Stärke des Tremors, also des Zitterns. „Vielleicht hat der Patient den Schub um sechs Uhr morgens, wenn die Praxis noch geschlossen hat“, sagte der Mediziner. Im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie habe er bislang jedoch wenig gute Apps gesichtet, sagte der Psychiater Dr. Wolfgang Engelhardt.

Der Vorsitzende der Saarländischen Ärztekammer, Dr. Josef Mischo, warnte vor einer zu großen Technikgläubigkeit. „Vielen ist das Gespür für den eigenen Körper schon verloren gegangen.“ Deutschland sei bei Telematik und E-Health im Vergleich zu anderen Ländern weit abgeschlagen, sagte Gesundheits-Staatssekretär Stephan Kolling ( CDU ). Die Politik müsse gemeinsam mit Ärzten geeignete Systeme entwickeln.

Die Angst, dass die Doktor-App den Doktor abschafft, hielt Anwalt Dirksen für unbegründet. Die Apps könnten den Arzt unterstützen, aber keine Diagnose stellen. Mobile Gesundheitsangebote seien auch eine Chance, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu steigern. Daher sein Fazit: „Nur der Doktor, der die App ablehnt, wird früher oder später abgeschafft.“



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