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Alt-Saarbrücken braucht einen Ideenwettbewerb

Ach, so viel Papier. Ach, so viele gute Ansätze. 172 Seiten dick ist das Stadtentwicklungskonzept für Saarbrücken von 2009; das Ende 2011 vom Stadtrat beschlossene „städtebauliche Entwicklungskonzept Gesamtstadt“ bringt es gar auf 297 Seiten. Alles erstellt zu Zeiten der von der rot-rot-grünen Stadtregierung im vergangenen Dezember würdelos aus dem Amt bugsierten Baudezernentin Rena Wandel-Hoefer. Insbesondere die 300-Seiten-Schwarte liefert eine detaillierte Anamnese des Patienten Stadt und umreißt anhand diverser Handlungsfelder (Wohnen, Arbeitsmarkt, Bildung, Infrastruktur oder Tourismus) Wege zu seiner Genesung oder gar Verjüngung.

Über die städtebaulichen Entwicklungspotenziale der Landeshauptstadt lässt sich ohne Kenntnis dieser umfassenden Bestandsaufnahme künftig nicht mehr diskutieren. Allerdings zeigt sie auch, wie sehr Stadtplanung unter Wandel-Hoefers Ägide auf das zwischenzeitlich beerdigte Projekt „Stadtmitte am Fluss“ konzentriert war. Was nicht heißt, dass nicht viel passiert wäre in ihren acht Amtsjahren (Ausbau der Berliner Promenade und des Eurobahnhof-Distrikts; Anlage des Rabbiner Rülf Platzes; Aufwertung von Futter-, Faktorei- und Eisenbahnstraße; Einsetzen eines Gestaltungsbeirats). Doch dokumentiert das Konzept von 2011, wie sehr das Stadtmitte-Projekt alles andere überlagerte. Für Wandel-Hoefers designierten Nachfolger, den Präsidenten der Saar-Architektenkammer und HTW-Professor Heiko Lukas, bleiben also genügend Baustellen, um sich, vor allem aber die Landeshauptstadt zu profilieren.

Eines der Projekte, das für Lukas Priorität haben soll, ist das seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigte Alt-Saarbrücken – genauer gesagt das Areal rund um den Pingusson-Bau (Ex-Kultusministerium), die Handwerkskammer, die HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft), die Saarbrücker Stadtwerke und das Busdepot. Aus guten Gründen forderte die Architektenkammer unter Lukas schon Mitte 2015 einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für das Quartier. Dafür gab und gibt es einen akuten Anlass: die Pläne der Handwerkskammer für einen Erweiterungsbau vis à vis des „schmalen Handtuchs“, wie der Bau Pingussons im Volksmund heißt.

Wer hier wohnt oder je zu Fuß oder per Rad auf und zwischen den drei parallel verlaufenen, unwirtlichen Hauptverkehrsadern Alt-Saarbrückens (Hohenzollern-, Heuduck- und Deutschherrn-Straße) unterwegs war, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass hier seit der Nachkriegszeit keinerlei ernsthafte Stadtplanung betrieben worden ist (die HTW ausgenommen). Städtebaulich ist der Zustand Alt-Saarbrückens eine einzige Bankrotterklärung. Dabei ist das hier nicht Peripherie, sondern Innen(-Landeshaupt-)stadtlage. Selbst ein so konzilianter, besonnener Mann wie Heiko Lukas hält bei einer Ortsbesichtigung mit dem Rad nichts davon, etwas schön reden zu wollen. Auch wenn er zu Vorsicht neigt, da er bald die Seiten wechseln wird. Lukas radelt durch ein innerstädtisches, zubetoniertes, parkplatzversessenes Entwicklungsgebiet, das im landeshauptstädtischen Konzeptpapier von 2011 nicht einmal als B-Lage definiert worden ist. Man kann nur hoffen, dass es bald zu einer seiner zentralen Aktionsbühnen wird.

Der Westen Alt-Saarbrückens zeigt in einem geradezu irrsinnigen Ausmaß die bedingungslose Autofixiertheit dieser Stadt. Die Schaffung von Parkplätzen hat über Jahrzehnte hinweg uneingeschränkte Priorität genossen – ersichtlich zu Lasten der Lebens- und Wohnqualität. Bei 120 000 Berufs- und Ausbildungspendlern pro Tag kein Wunder. Doch unterstreicht dies nur, dass eine nachhaltige städteplanerische Aufwertung der Kernstadt zwingend mit einem veränderten Verkehrskonzept kombiniert werden muss, sprich einem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Dabei dürfte auch ein Rückbau von Verkehrsflächen kein Tabu sein (die an der Staatskanzlei vorbeiführende vierspurige Heuduckstraße etwa gewänne sehr, fiele je eine Fahrbahn zugunsten begrünter Fuß- und Radwege weg).

Zwei Defizite des gesamten Quarrees zwischen Eisenbahnstraße und Malstatter Brücke stechen ins Auge: 1. Die vorherrschende 50er Jahre-Wohnbebauung ist von keiner nennenswerten Grünfläche unterbrochen. Die insulären Restbestände an Grün sind bloße Alibi-Tupfer ohne Aufenthaltswert. Der einzige Park (des Ex-Kultusministeriums) ist seit Jahr und Tag eingezäunt und verweigert durch einen grotesken Sichtschutz aus grünem Plastik selbst dem Auge einen Erholungsraum. Auch ein Park der Stadtwerke ist Verschlusssache.

2. Jeder Nichtverkehrsraum wird als Parkzone okkupiert. Selbst Kirchhöfe (St. Jacob) missbraucht man dazu. Nimmt man den Ludwigsplatz aus, gibt es keinen Platz, nirgends. Dafür fußballfeldgroße Autoflächen in bester Lage: etwa den Großparkplatz zwischen Ludwigsgymnasium und Ex-Verwaltungsschule. „Am Tummelplatz“ heißt dort eine Straße. Der reine Hohn. Ließe sich nicht ein Großteil der benötigten Flächen mit einem mehrgeschossigen Parkhausturm (etwa in der Roonstraße) befriedigen? Würde nur ein Bruchteil der großen Abstellplatzherrlichkeit Bauland, könnte innerstädtischer Wohnraum für Studenten und Familien entstehen, der Läden und Restaurants nachziehen könnte. Ein erster Schritt dazu ist das private Bauherrenprojekt „Im Wittum“. Sicher, die Eigentumsverhältnisse sind wie so oft komplex und verhindern manches. Doch ein paar Stücke vom großen Asphaltkuchen müssten für innovatives Wohnen abzuschneiden sein.

Nicht von ungefähr propagiert Lukas studentisches Wohnen in Alt-Saarbrücken, wo mit der expandierenden HTW und der Kunsthochschule genügend studentische Wohnklientel zur Verfügung stünde. Gewänne das Viertel an Lebensqualität, würden manche vielleicht ihr Hotel Mama aufgeben. Langfristig könnte hier ein zweites Nauwieser Viertel entstehen (aber ohne Gentrifizierung!).

Zu den ersten Amtshandlungen von Lukas sollte die Ausschreibung des Ideenwettbewerbs gehören, den er bislang erfolglos forderte. Einen Steinwurf entfernt vom „Technikum“ der HTW, einem der wenigen architektonisch gelungenen Bauten und ermutigenden Aufbruchsignale in Alt-Saarbrücken, heißt ein Lokal „Die konkrete Utopie“. Besser lässt sich das Potenzial Alt-Saarbrückens nicht in Worte fassen. Oder, wie es Heiko Lukas formuliert: „Die Bewohner Alt-Saarbrückens sollten ein attraktiveres Wohnumfeld bekommen. Davon würde die gesamte Innenstadt profitieren.“
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