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Anfänge des Frauenfußballs im Saarland – Wie Spielerinnen Widerstände überwanden

Saarbrücken. Auf dem Bolzplatz herrscht ein einfaches Prinzip: Die guten Fußballer werden als Erstes in die Mannschaften gewählt, während die schlechteren bis zum Schluss „auf dem Markt“ bleiben. Margret Kratz musste nie lange warten, obwohl sie als Mädchen überwiegend mit Jungs spielte. „Ich habe fünf ältere Brüder. Mit unseren Freunden haben wir fast täglich auf der Straße Fußball gespielt, und ich wurde immer als Zweite in eine Mannschaft gewählt“, erinnert sich die 49-Jährige. Als aber im Sportverein ihres Heimatorts Rissenthal eine Mannschaft für Fußballer zwischen elf und 13 Jahren gegründet wurde, fand sich Kratz plötzlich selbst im Abseits. Denn Anfang der 1970er Jahre war im Verein die entscheidende Frage: Mädchen oder Junge?

„Es gab damals einfach Dinge, die Mädchen nicht machten. Dazu gehörte auch Fußballspielen. Und auf keinen Fall durften Jungen und Mädchen in einer Mannschaft spielen“, sagt Kratz, die heute Verbandstrainerin beim Saarländischen Fußballverband (SFV) und treibende Kraft im Frauenfußball ist. Und so durften ihre beiden ein Jahr älteren Brüder im Verein spielen – sie aber nicht. „Einer der beiden war eine Sportskanone, aber den anderen habe ich um Längen hinter mir gelassen. Trotzdem bekam er ein Trikot, Fußballschuhe und einen Spielerpass, während ich nur zuschauen durfte. Wie soll man das als junges Mädchen verstehen?“



Seit den Anfängen Ende des 19.  Jahrhunderts kämpfte der Frauenfußball mit ein und demselben Vorurteil: Fußball ist nichts für Frauen. 1955 verbot der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Frauenfußball sogar: Er sei unschicklich, schade Körper und Seele und gefährde die Gebärfähigkeit. Erst 1970 hob der Verband das Verbot auf, obwohl sich die fußballbegeisterten Frauen davon nie hatten abhalten lassen. Es fanden sogar Länderspiele statt. Einer Chronik des SVF zufolge richtete 1965 auch Viktoria 09 Neunkirchen eine Partie aus: Deutschland gegen Holland. Insgesamt habe sich der Frauenfußball an der Saar jedoch langsamer entwickelt als in anderen Bundesländern.

Als das Verbot aufgehoben wurde, kam die Sache ins Rollen. Ende 1970 gab es der Chronik zufolge im Saarland bereits 40 Frauenmannschaften, die ersten Saarlandmeisterschaften gewann 1971 Viktoria Neunkirchen. Heute gibt es im SFV rund 90 Frauen- und 110 Mädchenmannschaften. Letztere wurden jedoch erst ab Mitte der 70er gegründet.

Margret Kratz erhielt den lang ersehnten Spielerpass mit 15 Jahren – erneut nicht ohne Widerstände. „Vor allem meine Mutter war dagegen, dass ich Fußball spiele. Also habe ich es heimlich getan – genauso wie ich heimlich mit den Mopeds meiner Brüder gefahren bin“, erinnert sich die 49-Jährige lachend. Walter Ahrends, der beim SV Weiskirchen eine Frauenmannschaft trainierte, wurde auf Kratz aufmerksam und lud sie zum Training ein. „Weil ich keine Fußballschuhe hatte, habe ich die von meinem Bruder geklaut. Der Trainer hat mich ein Stück von unserem Haus entfernt abgeholt, damit meine Eltern es nicht mitbekamen.“ Doch die gaben sich bald einen Ruck, sodass Margret Kratz ohne Heimlichtuerei spielen konnte. In Weiskirchen traf sie auf Marion Zapp, die bis heute ihre Wegbegleiterin im Fußball ist. „Ich hatte mit Ballett angefangen, aber meine Eltern haben schnell erkannt, dass das nichts für mich ist und ich beim Fußball besser aufgehoben bin“, erzählt die 52- Jährige, die im Tor spielte. Amüsant findet Zapp rückblickend vor allem die Regeln, die für die Frauen anfangs galten: „Man hat uns nicht allzu viel zugetraut. Die Spielzeit betrug nur zweimal 25 Minuten. Außerdem mussten wir die Ecken vom 16-Meter-Raum aus treten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

Das Ende des Verbots bedeutete also noch lange keine Anerkennung für den Frauenfußball. „Wenn ich in der Disco Jungs kennengelernt habe, habe ich mich nicht getraut zu sagen, dass ich Fußball spiele, aus Angst, dass die Jungs dann Abstand halten“, sagt Margret Kratz, die in ihrer aktiven Karriere mit dem VfR Saarbrücken in der Bundesliga spielte, zweimal für die Nationalmannschaft auflief und später den FCS trainierte. „Wir mussten uns auch immer wieder dumme Sprüche anhören, zum Beispiel: Wir kommen nur zu eurem Spiel, wenn ihr die Trikots tauscht.“ Marion Zapp, die für den FC Marpingen, für den VfR und den FCS spielte, ergänzt: „Viele sahen in uns etwas Exotisches. Wir wurden als Attraktion zu Sportfesten eingeladen.  Aber so richtig ernst genommen hat man uns nicht.“



Seit dieser Zeit hat sich im saarländischen Frauenfußball viel getan. Nach frühen Erfolgen – der FC Marpingen wurde 1978 deutscher Vizemeister – ging es stetig aufwärts. Der VfR Saarbrücken und später der FCS etablierten sich auf nationaler Ebene. Erfolgreichste Spielerin aus dem Saarland ist Patricia Brocker, die 46 Mal das Deutschland-Trikot überstreifte und 1995 Europameisterin und Vize-Weltmeisterin wurde. Aus der heutigen Generation schafften Nadine Keßler, deren WM-Traum in diesem Jahr wegen einer Knieverletzung platzte, sowie Josephine Henning und Dzsenifer Marozsan, die im erweiterten WM-Kader standen, den Sprung ins National-Team.

Die positive Entwicklung ist zum großen Teil dem unermüdlichen Einsatz von Margret Kratz zu verdanken. „Nach meinen eigenen Erfahrungen habe ich mir fest vorgenommen, etwas zu verändern, wenn ich es kann“, sagt sie. Seit 1987 ist sie für den SFV tätig. Als Verbandstrainerin ist sie heute für die Aus- und Weiterbildung von Trainern zuständig – wobei übrigens auch die Männer nach ihrer Pfeife tanzen müssen. Zudem ist sie in der Talentförderung federführend. Mit den Auswahlmannschaften des SFV und der Eliteschule des Mädchenfußballs in Saarbrücken sieht Kratz die Bedingungen fast auf einer Ebene mit denen der Jungen. Ab August bekommt sie erstmals feste Co- Trainerinnen auf Honorarbasis für ihre Mannschaften – eine ist Marion Zapp. Über die große Aufmerksamkeit, die der Frauenfußball im WM-Jahr genießt, freuen sich die beiden. „Hoffentlich hält das auch danach an“, sagt Zapp.
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