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Angst an der Saar-Uni: Wissenschaftler bangen um ihre Zukunft

An der Saar-Universität blieb der große Andrang studierwilliger Flüchtlinge bisher aus.

An der Saar-Universität blieb der große Andrang studierwilliger Flüchtlinge bisher aus.

Der Personalrat des wissenschaftlichen Personals der Saar-Universität, Patrik Zeimetz, übt scharfe Kritik am Hochschulentwicklungsplan der Landesregierung. Er sieht ein „immenses Missverhältnis“ zwischen den Anforderungen des Landes und dem Finanzrahmen der Universität. Am meisten werde darunter der Bereich leiden, „der sich ohnehin anerkannterweise in einer Schieflage befindet“: das wissenschaftliche Personal. Den Mitarbeitern drohe nun eine extreme Arbeitsverdichtung und noch unsicherere, prekäre Arbeitsverhältnisse. „Ich fürchte, dass immer mehr reguläre Stellen durch Lehraufträge und wissenschaftliche Hilfskräfte ersetzt werden“, sagt Zeimetz. „Für begabte junge Wissenschaftler wird das Saarland dadurch unattraktiv.“

Trotz unsicherer Zeiten hat sich die Lage des wissenschaftlichen Personals seit Anfang März allerdings etwas entspannt. Dafür sorgt ein von Personalrat und Unipräsidium unterzeichnetes Papier, das betriebsbedingte Kündigungen ausschließt und Wissenschaftler über den sogenannten Vertrauensschutz absichert. Durch ihn können Stellen im Rahmen von Promotionen oder Habilitationen nicht gekündigt werden, bis die Qualifikation abgeschlossen ist. Ein längst überfälliger Schritt, sagt Zeimetz. „Es war nicht zumutbar, die Mitarbeiter in dieser unsicheren Situation weiter auf die Folter zu spannen.“ Der Landesregierung sei zugute zu halten, dass sie sich „durchaus Gedanken um den Mittelbau“ gemacht habe, so Zeimetz: Sie habe der Forderung nach mehr Sicherheit für Wissenschaftler schon deutlich früher entsprochen, als das Präsidium der Saar-Uni.

Die Doktorandinnen Lisa Sumski und Claudia Heß können seither ein wenig aufatmen. Nun wissen sie, dass sie ihre Promotion abschließen können. „Es ist gut, nicht mehr völlig in der Schwebe zu hängen“, sagt Heß. Die 29-Jährige macht eine Doppelpromotion in Romanischer Kulturwissenschaft an der Saar-Uni und der Uni Metz, für die sie extra ins Saarland gekommen ist. Die 32-jährige Sumski promoviert in Romanischer Sprachwissenschaft. Beide haben im Rahmen ihrer Doktorarbeit befristete Stellen. „Der Vertrauensschutz ist für uns so wichtig, da es praktisch unmöglich ist, mitten in der Promotion Uni und Betreuer zu wechseln“, so Sumski.

„Prekäre Bedingungen gehören zu unserem Job dazu, aber durch die Spardebatte hat sich das noch verschlimmert“, sagt Heß. „Vor Weihnachten konnte ich meinen Studenten keine Antwort auf die Frage geben, ob ich im Januar noch hier stehe.“ Nun wurden ihre befristeten Verträge verlängert, für Heß um ein Jahr, für Sumski auf zwei Jahre.

Zurücklehnen könne man sich deshalb jedoch nicht, warnt Zeimetz. Knapp 1700 wissenschaftliche Mitarbeiter sind derzeit an der Saar-Uni angestellt, 83 Prozent von ihnen mit befristeten Verträgen. Angesichts der Sparauflagen werde sich ihre Zahl insgesamt verringern, für unbefristete Stellen gebe es bereits seit zwei Jahren einen Einstellungsstopp an der Saar-Uni, so Zeimetz. „Für die, die bleiben, wird das zu einer extremen Arbeitsverdichtung führen.“ Immer mehr Zeit müssten die Wissenschaftler auf administrative Aufgaben verwenden. „Für mich persönlich hat diese Verschiebung den Impuls gegeben, in den Personalrat zu gehen“, sagt der Informatiker Zeimetz. „Das war nicht mehr das, was ich mir als Forscher vorgestellt habe.“

Andrea Wurm, die einen unbefristeten Vertrag als Lehrkraft am Institut für Dolmetschen und Übersetzungswissenschaft hat, weiß, wovon Zeimetz spricht. Stellen an ihrem Institut blieben teils monatelang unbesetzt, ständig müssten neue Mitarbeiter eingearbeitet werden, berichtet Wurm. Sorgen um ihre Stelle muss sie sich zwar nicht machen, doch könnte ihr Tätigkeitsfeld wegbrechen: Der Studiengang Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Translation (VSLT), den Wurm unterrichtet, soll abgeschafft werden. Laufe ein Fach aus, müssten die unbefristeten Mitarbeiter in anderen Bereichen der Uni eingesetzt werden. „Dadurch, dass wir so hoch spezialisiert sind, ist das natürlich problematisch“, sagt Wurm. „Und ich frage mich, ob man problemlos einen Physiker in der Chemie einsetzen kann.“

Ihren Vertrag hat Wurm seit knapp 15 Jahren, ein Wechsel an eine andere Uni kommt für sie nicht infrage. „Bevor ich anderswo einen Jahresvertrag annehme, mache ich hier lieber etwas, für das ich gar nicht ausgebildet bin.“

„Wenn man sparen will, werden zwangsläufig Fächer wegbrechen“, warnt der Personalrat . „Das hat natürlich extreme Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeiter.“ Wurm empfindet die Unsicherheit in der langen Spardiskussion als „unglaublich zermürbend“: „Ständig wird alles wieder eingestampft, und wir müssen etwas Neues konzipieren. Das erfordert enorm viel Kraft und man kommt sich irgendwann angeschmiert vor“, sagt Wurm.

„Die ständigen Hiobsbotschaften drücken schon sehr auf die Stimmung“, sagen auch Claudia Heß und Lisa Sumski. Auch der gute Ruf der Uni leide darunter. Heß fürchtet, dass die Uni langsam kaputtgespart wird. Bereits jetzt gebe es Engpässe, Bibliotheken nähmen kaum Neuanschaffungen vor, die Öffnungszeiten ließen zu wünschen übrig. „Man weiß ja immer noch nicht, was genau wo eingespart werden muss. Die Studenten fragen uns: ,Wie geht's weiter?‘, und wir haben keine Antwort“, sagt Sumski.

Dass man sich zu diesem Zeitpunkt dazu durchgerungen hat, das wissenschaftliche Personal stärker abzusichern, hinge nicht zuletzt mit der Zusage der Bundesmittel durch die Landesregierung und dem neuen Sparszenario von 7,5 Prozent zusammen, sagt Unipräsident Volker Linneweber . Angesichts der hohen Sparlast kann Personalrat Zeimetz die Zurückhaltung des Präsidiums allerdings nachvollziehen: „Es gibt natürlich andere Möglichkeiten, beim Personal zu sparen. Nun wird es für viele Stellen keine Neubesetzungen mehr geben. All das führt zu Strukturen an der Uni, die keinerlei strategischen Hintergrund haben.“
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