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Angst vorm Zahnarzt? Hypnose kann helfen...

Saarbrücken. Gleich entscheidet sich, ob ich mich wie in einem Folterstuhl oder wie in einem Liegestuhl fühlen werde. Entweder frisst sich der Bohrer in meine Ohren, in meinen Zahn und in meinen Schädel. Leise und langsam, tief und unaufhaltsam. Als würde der Bohrer meine Hirnhaut und das Nervengewebe durchstechen. Und ich fange an, auf dem Stuhl hinund herzurutschen, ein kalter Schweißfilm bildet sich auf meiner Haut. Und am liebsten würde ich aufspringen und dem Zahnarzt alles heimzahlen. Oder ich lehne mich zurück und genieße die Zeit. Ich werde behandelt, bin aber eigentlich gar nicht da. Ich bin im Pariser Parc des Buttes-Chaumont, auf dem Hügel des Arbeiterviertels Belleville, wo ich mich ins Gras setze und meinen Blick über die Stadt schweifen lasse. Der Zahnarzt hat mich hergeführt. Millionen Deutschen graut es vor dem Zahnarztbesuch. Ich kann mich zusammenreißen und Reparaturen über mich ergehen lassen, aber seit geraumer Zeit bin auch ich ein Zahnarzt- Angsthase. Deshalb will ich mich vor der Behandlung hypnotisieren lassen, um der Angst zu entfliehen.

Die Flucht muss gelingen. In einem meiner Zähne klafft ein großes Loch, eine Wurzelbehandlung droht. Eine Betäubung lehne ich aber ab, ich will erfahren, ob die Hypnose funktioniert – obwohl es mir sehr schwer fällt, die Kontrolle abzugeben. Im Vorgespräch hatte Dr. Eric Bahr gesagt: „Ich werde Ihr Bergführer sein, Ihnen dabei helfen, in einen sanften Trance- Zustand zu wandern – wie in einem Tagtraum. Mit Show-Hypnose hat das nichts zu tun. Sie bleiben ansprechbar. Wir werden nur Ihre Konzentration von der Außen- auf die Innenwahrnehmung verlagern.“ Ob es klappt, „hängt davon ab, wie gut Sie sich konzentrieren und fallen lassen können. Bei 80 Prozent der Patienten funktioniert die Hypnose.“ Beim Rest nicht. Bahr wird es niemals schaffen, mich zu hypnotisieren, denke ich. Niemals.

Wenn du nicht kooperierst, wird es verdammt weh tun

Flötenklänge strömen aus den Lautsprecherboxen, ein breiter, tiefer Klangteppich. Ich liege auf dem Stuhl. Heute habe ich mir extra einen Kaschmir-Pullover und eine Stoffhose angezogen, in der Hoffnung, mich leichter entspannen zu können.

Um Bahrs Anweisungen blind zu folgen und mich fallen zu lassen, trichtere ich mir ein: Wenn du nicht kooperierst, wird es verdammt weh tun. Also versuche ich, meine Konzentration mit aller Kraft in die Richtung zu lenken, die der Zahnarzt anzeigt. Und nicht zu lachen – so wie sonst, wenn ich Hypnotiseure im Fernsehen sehe. Eric Bahr – sanfte Stimme und Gesichtszüge – beginnt, mit einer kleinen Taschenlampe vor meinen Augen zu kreisen: „Ich bitte Sie, dieses Licht zu fixieren. Lassen Sie sich überraschen. Lassen Sie die Augen müder und müder werden. Und in dem Moment, in dem ich von eins bis drei zähle, schließen Sie die Augen ganz fest. Eins. . . zwei. . . drei. . . Und dann folgen Sie dem Licht. Gehen hinein in den Entspannungszustand. Tiefer und tiefer. Sehr gut.“

Meine Furcht wurzelt wohl in einer Behandlung vor drei Jahren. Es war das erste Mal seit 16 Jahren, dass der Arzt bohren musste. Damals war ich noch so klein, dass ich einen kleinen Hubschrauber fürs Durchhalten bekam. In der Zwischenzeit hatte sich viel verändert: Ich wollte die Behandlung mit der Taktik „Augen zu und durch“ durchstehen. Doch dann schob der Arzt eine Mini-Kamera in meinen Mund, deren Bild auf einem riesigen Schirm über mir erschien.

Der Schmerz und alles, was damit zusammenhing, brannten sich ein

Ich sah ein riesiges Loch. Und bekam es erstmals mit der Angst zu tun. Ich ließ mir eine Betäubungsspritze geben – doch sie wirkte nicht wie gewünscht, im Gegenteil. Ich hatte den Eindruck, alles noch stärker zu spüren. Als hätte die Spritze mich hypersensibilisiert. Weil ich mir keine Blöße geben wollte, hielt ich still – und der Schmerz und alles, was damit zusammenhing, brannten sich ein: der klinische Geruch, der metallische Geschmack im Mund, der konzentriert-kühle Blick des Arztes – und vor allem der riesige Schmerz, den dieser winzige Bohrer verursachte. Doch daran denke ich jetzt nicht. Als gäbe es nur noch dieses Licht, in das ich hineinschaue.

Bald sehe ich nichts mehr, außer einem Flimmern. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Ich kann gar nicht anders, als sie zu schließen, und höre: „Mit den Augen werden auch die Muskeln immer entspannter. Die Muskeln ganz locker lassen. Sehr gut.“ Meine Speicheldrüsen arbeiten auf Hochtouren. Ständig muss ich schlucken. Die Flötentöne, die gehauchten lang gezogenen Worte lullen mich ein.

Herzschlag wird gedrosselt, Muskeln erschlaffen

Sprache und Musik vermengen sich zu einem warmen, vergesslich machenden Sirup, der mein Hirn umspült. Mein Herzschlag wird gedrosselt, meine Muskeln erschlaffen. „Jetzt ganz tief einatmen. Und die Luft anhalten. Ihr Arm wird ganz steif. Wie ein Rohr. . . Und wieder langsam ausatmen. Und so, wie der Arm immer steifer wird, wird das Gefühl in den Fingern immer kälter. Die Hand fühlt sich wie abgespalten an.

Unempfindlich. Und jetzt gestatten Sie Ihrer Hand, zu der Stelle am Mund zu gehen, die taub werden soll. Uuund Ihr Muuund wird gaaanz tauuub. Sehr gut, Hand. Du kannst dich jetzt bequem ablegen. Und wenn ein Gefühl aufkommt, als Blitzableiter fungieren. Und das Gefühl beim Ausatmen durch die Fingerspitzen nach außen ableiten.“ Mein Arm und meine Hand folgen ferngesteuert den Anweisungen. Danach zucke ich unfreiwillig, wie vor dem Einschlafen, werde kurz wach, sinke aber wieder zusammen.

„Jetzt bitte ich Sie, mit mir noch einen kleinen Weg zu gehen, in eine Stadt, wo viele Treppen sind. Treppen nach uuunten. Und je tiefer Sie gehen, desto tauber wird das Gefühl im Mund. Was können Sie um sich herum sehen? Hören? Riechen? Und einige Schritte vor mir sehe ich eine Tür. Und gehe hindurch. Dann sehe ich eine Stelle, die ich gut kenne. Hier geht’s mir gut. Ich weiß, dass die Stelle, die zur Reparatur abgegeben ist, nicht zu mir gehört. Weil ich mich abgespalten habe.“

Zahnarzt Bahr setzt mir Kopfhörer auf, welche die Flötenklänge in meine Ohren transportieren und das Bohrer-Geräusch übertönen. Die Außenwelt nehme ich nur gedämpft wahr, stattdessen bin ich Regisseur, Kameramann, Hauptdarsteller in meinem Kopfkino. Spaziere durch den Parc Buttes- Chaumont. Sehe die Grotten, die Hängebrücke. Höre Stimmengewirr. Rieche Gras, Abgase, Kirschblüten, Hundekot.

Der Schmerz lässt nach

Dann passiert es doch: Der Schmerz klopft an die Tür meines Kopfkinos. Er hämmert nicht, aber ich nehme ihn wahr. Da erinnere ich mich daran, dass meine taube Hand ein Blitzableiter ist. Und lenke meine Konzentration in ihre Richtung.

Es hilft. Der Schmerz lässt nach, der Bohrer scheint einen weicheren Aufsatz zu haben. Wenn man Angst hat, sind die Gedanken und Gefühle in einem Schnellzug gefangen, der permanent gegen die Wand rast. Wenn man in Trance ist, gleiten sie in einem Luxus-Bummelzug an ihr Lieblingsziel.

„Herr Haschnik, ich bitte Sie, langsam von Ihrem schönen Ort wieder zurückzukommen. Das Gefühl in der Wange wieder normal werden zu lassen. Die Augen aufzumachen. Und entspannt und erholt wach zu sein.“ Ich ziehe meine verklebten Augen auf. Und fühle mich wie nach einem Nickerchen. Erholt, aber noch tranig. „Hat kaum wehgetan. Haben Sie mir eine Spritze gegeben?“, frage ich. „Nein. Es hat einfach gut geklappt. Sie haben gut geatmet.“ Ich schaue auf die Uhr und erschrecke: Eine Stunde hat die Behandlung gedauert, gefühlt ein paar Minuten. In einem Anflug von Überheblichkeit spreche ich mir Fakir-Fähigkeiten zu. Nächstes Mal werde ich ans Hamburger Elbufer reisen.

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