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Anlaufstelle für Schulschwänzer: Saar-Projekte wollen Blaumacher zurückgewinnen

Saarbrücken. Jessica ist 14 und läuft seit Wochen jeden Morgen an der Schule vorbei zum Altarm der Saar. Während ihre Mitschüler morgens über Mathe und Erdkunde brüten, zieht es sie magisch zu ihrer Ersatzfamilie, die sie "brothers und sisters" nennt. Die Gruppe teilt Alkohol und Drogen und vermittelt ihr das Gefühl der Geborgenheit: "Meine mother passt auf mich auf", beteuert das Mädchen. Die "mother" ist 17, und dass Jessica die Schule schwänzt, stört sie nicht.

Als Jessica dem Pädagogen Norbert Preuß von der "Anlaufstelle Schulverweigerung" im Landkreis Saarlouis gemeldet wird, hat sie schon mehr als 40 Fehltage. Der Schulalltag ist ganz an den Rand ihrer Welt geraten. Mit verschobenen Realitäten von Jugendlichen und aus den Fugen geratenen Lebensläufen haben Reuß und die anderen Mitarbeiter der zwei saarländischen Schulverweigerungsprojekte unter dem Dach der Diakonie immer wieder zu tun. Mit Schülern, die ganze Vormittage gemeinsam durch Kaufhäuser und Parks ziehen oder an der Bushaltestelle "abhängen", mit denen, die nicht aus dem Bett kommen, weil sie die Nächte mit Computerspielen verbringen. Wieder andere entwickeln schon beim Gedanken an den Unterricht Krankheiten oder Phobien.

Zwischen 300 000 und 500 000 Schulverweigerer soll es in Deutschland geben. Wie viele es im Saarland sind, werde statistisch nicht erfasst, so ein Sprecher des Bildungsministeriums. Nach Erfahrungen von Schulleitern sei die Zahl jedoch eher gering. Die meisten Schulschwänzer sind zwischen 14 und 16 Jahre alt und kommen aus allen Schultypen. Fast alle Bundesländer haben Programme dagegen aufgelegt. Im Saarland zählen dazu etwa als "präventive Maßnahme" die fünf "Werkstattschulen" an den Technisch-Gewerblichen Berufsbildungszentren. Hier versucht man Schüler, die sonst kaum Aussicht auf einen regulären Schulabschluss haben, doch zu einem Abschluss zu führen. Mit starker Orientierung an der beruflichen Praxis, Stärkung der sozialen Kompetenzen und individueller Förderung. In den ersten beiden Jahrgängen von 2007 bis 2009 haben von 150 Schülern immerhin 103 den Hauptschulabschluss gemacht. Parallel dazu droht aber auch Bußgeld: Im Saarland kostet es etwa 100 Euro, wenn ein Schüler von der Polizei abgeholt wird.

"Eine richtig harte Schulverweigerung kündigt sich an, so was kommt nie aus heiterem Himmel", sagt Marina Horstmann, Sozialarbeiterin beim Diakonischen Werk an der Saar und Koordinatorin der Projekte. Zu den Auffälligkeiten gehören Konflikte mit Lehrern oder Mitschülern, dazu kommen meist Schwierigkeiten zu Hause. Dort sei das häufigste Problem eine zerrüttete Familie, aber es kann auch um Krankheit, Armut und Arbeitslosigkeit gehen.

Wenig Zeit zum Eingreifen

"Wenn bis zur 9. Klasse nichts passiert ist, wird es kritisch", so die Erfahrung aus den saarländischen Schulverweigerungsprojekten. Mit 15 oder 16 sei es für eine schulische Re-Integration oft schon zu spät. "Wenn ich es schaffe, eine verlässliche Bezugsperson für einen Schulverweigerer zu werden, habe ich eine Chance", stellt eine Projektmitarbeiterin fest. Ziehen auch die Eltern mit, sind die Perspektiven noch besser. Doch laut Marina Horstmann verfolgen Eltern und Schule im Umgang mit den Schulverweigerern selten eine konsequente Strategie. "Die Jugendlichen erleben immer, dass sie bei ihrer Suche nach Freiräumen unbehelligt bleiben und niemand einschreitet", sagt Horstmann. In den Projekten gegen Schulverweigerung heiße die Devise dagegen "dranbleiben".

Wenn die Probleme in der Familie liegen, organisieren sie Hilfe zur Erziehung übers Jugendamt. Gibt es Konflikte mit Mitschülern oder Lehrern, begleiten sie Schulschwänzer in den Unterricht. Die Projektmitarbeiter bahnen therapeutische Unterstützung an, organisieren Nachhilfe. Nicht immer gelingt die Re-Integration der Schützlinge in den bisherigen Schulbetrieb. Oft ist ein Wechsel zum Neustart nötig. Die Frage nach dem Erfolg der Arbeit beantwortet Norbert Preuß mit der Statistik: Bis zu 100 Schulschwänzer pro Jahr betreut allein das Saarlouiser Projekt, etwa die Hälfte davon hält auf Sicht den Unterricht durch.

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