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Bahnhofstraße: Millionenteure Platten kommen weg

Vielversprechendes Chaos: Wenn die Stadtwerke in der Bahnhofstraße fertig sind, bekommt die Fußgängerzone ein neues Gesicht.

Vielversprechendes Chaos: Wenn die Stadtwerke in der Bahnhofstraße fertig sind, bekommt die Fußgängerzone ein neues Gesicht.

Die guten Nachrichten zuerst: Diesmal soll alles in der Bahnhofstraße preisgünstig, stabil und pflegeleicht werden. Und diesmal bezahlen die Stadt und ihre Stadtwerke (SWS) auch alles selbst. Alles, was nötig ist, um die Gas- und Wasserleitungen in der Bahnhofstraße zu sanieren. Und alles, was sie brauchen, um die Fußgängerzone anschließend wieder fein zu machen. Diesmal bleiben die Eigentümer der Immobilien in der Bahnhofstraße ungeschoren – denn die Stadt will diesmal kein Geld gemäß „Straßenausbaubeitragssatzung“ (Strabs) kassieren.

Aus Brasilien an die Saar

All das war nicht immer so: Als die Bahnhofstraße 1994 bis 1997 für rund 14 Millionen DM zur Fußgängerzone umgebaut wurde, mussten die Anlieger etwa 5,5 Millionen (40 Prozent) davon übernehmen. Allein 8,3 Millionen gingen fürs Pflaster drauf.
In der Mitte liegen simple graue Beton-Verbundsteine. Links und rechts davon sind Beton-Verbundsteine mit einer drei Zentimeter dicken Oberschicht aus brasilianischem Granit, genannt Rosa Tupin. Unter den Kolonnaden ist der Betonsockel unterm Tupin sechs Zentimeter dick, vor den Kolonnaden elf Zentimeter. Unter den Verbundsteinen vor den Kolonnaden ruhen 70 Zentimeter Schotter.

Der Kaugummi-Schock

Saarbrückens damaliger Baudezernent Horst Wagner hatte die Platten ausgesucht; Quadratmeterpreis zwischen Viktoria- und Dudweilerstraße 620 DM – davon 550 DM allein für den Tupin. Der Verband der Baustoffindustrie im Saarland (VBS) kritisierte Tupin als zu teuer und empfindlich. Um das Gegenteil zu beweisen, ließ Wagner am 5. Dezember 1995 einen Löschzug der Berufsfeuerwehr mit vier Autos, darunter Drehleiter und ein 18-Tonnen-Großtanklöschfahrzeug, von der Viktoriastraße durch die Bahnhofstraße zur Sulzbachstraße rollen. Das Pflaster hielt.

Minus 80 Grad

Schon im Dezember 1994 – als gerade mal die Kolonnaden fertig waren – kritisierten Bürger, dass der Tupin schnell fleckig wurde und Kaugummis dort außerordentlich gut hafteten. Dazu erklärte Wagner: „Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, in der gehenderweise so viel gegessen wird wie in Saarbrücken.“ Er empfahl der Bevölkerung, „mehr Sensibilität für den öffentlichen Raum zu entwickeln“. 1998 ließ die Stadt von Spezialisten demonstrieren, dass man die Kaugummis durchaus entfernen kann – mit Trockeneis (minus 80 Grad kalt), das auf die Gummis gestrahlt wird; einmal Bahnhofstraße sauber machen mit dieser Technik hätte damals 200000 DM gekostet. Viermal wären pro Jahr nötig gewesen.
 2010 erklärte die Stadt, dass sie jährlich 90000 Euro für die Kaugummis in der Bahnhofstraße lockermachte. Bei den jetzigen Bauarbeiten will die Stadt die Fehler der 90er Jahre nicht wiederholen.
Erst reparieren die SWS ihre Gas- und Wasserleitungen. Parallel dazu verschwinden die Tupin-Platten, die derzeit noch auf der „Fahrbahn“ liegen – also zwischen den Kolonnaden und den grauen Betonplatten in der Straßenmitte. Dann wird der Tupin erst mal durch Asphalt ersetzt.

Letzte Ruhe auf dem Bauhof

Und wenn 2015 alles andere fertig ist, kommt über den Asphalt ein neuer Boden. Wie der aussieht, ist noch nicht klar. Entscheiden soll diesmal aber nicht das Baudezernat, sondern der Stadtrat – versichert die Stadt. Fest steht: Nach den Erfahrungen mit dem Tupin werden es keine Platten mehr sein – zu zerbrechlich.
Im Gespräch ist unter anderem das Material, das auch auf dem Rabbiner-Rülf-Platz liegt, es heißt Possehl. Es gilt als sehr robust, rutschfest und kostet gerade mal etwa 45 Euro pro Quadratmeter. Nur in Sachen Kaugummi ist Possehl fast genauso problematisch wie Tupin. In der Mitte der Bahnhofstraße bleibt der graue Beton. Und unter den Kolonnaden bleibt der Tupin, dort fahren ja keine Autos. Wenn doch was kaputtgeht, lässt es sich künftig preisgünstig ersetzen.

Denn die Stadt wirft den Tupin, den sie auf der Fahrbahn ausbaut, nicht weg, sondern lagert ihn im Bauhof Mitte in der Fichtestraße und im Bauhof West in Gersweiler. Dort liegen bereits einige hundert Platten.

HINTERGRUND
Die Stadtwerke (SWS) versichern, dass sie in den 90er Jahren keine ernsthaften Schäden an ihren Leitungen unter der Bahnhofstraße hatten. Die wurden erst 2010/11 entdeckt. Und weil die Stadt – nach Abschluss der Arbeiten an der Berliner Promenade und der Schifferstraße – ohnehin den Tupin ersetzen wollte, entschlossen sich die SWS dazu, vorher noch ihre Rohre auf Zack zu bringen. fitz


  Saarbrücken wollte Brezel-Buden, die zum Pflaster passten Saarbrücken. Für Empörung – aber auch für Gelächter – im ganzen Land sorgte 1996 eine weitere Begleiterscheinung des neuen Pflasters: die sogenannte Saarbrücker Brezel-Posse.
Auch sie hatte damit zu tun, dass in Saarbrücken „gehenderweise so viel gegessen wird“ (wie es der damalige Baudezernent Horst Wagner formulierte). Nach eigenen Angaben hatte die Stadt bereits 1994 Folgendes festgestellt: Sechs Menschen hatten von der Stadt eine Konzession zum Verkauf von Brezeln in mobilen Brezelständen in der Bahnhofstraße. Die sechs arbeiteten hart bei Wind und Wetter und verdienten wenig. Alle hatten sich ihre Bude selbst gezimmert. Jede war anders.
Dazu Wagner: „Die bisherigen Stände sehen aus wie Kraut und Rüben. Die Bahnhofstraße ist so schön gestaltet, da muss man sich anpassen.“
Im Oktober 1996 erfuhr die SZ: Erstens, die Konzessionen für den Brezelverkauf mussten jährlich erneuert werden. Zweitens, die Stadt wollte, dass alle Verkäufer sich schriftlich verpflichten, einheitliche Buden zu kaufen, die den Vorstellungen der Stadt entsprachen; Stückpreis: rund 4600 DM. Für die Brezelverkäufer unerschwinglich. Die SZ berichtete. Daraufhin erklärten sich Sponsoren bereit, die Buden zu bezahlen, wenn sie dafür an deren Wänden werben dürften. So wurde es auch gemacht. Nach einigen Verbesserungen kosteten die Buden schließlich 6000 DM pro Stück. Das Hochbauamt inspizierte sie. Im Juni 1997 rollten sie an den Start. Zum Wintereinbruch hatten sie bereits ernste Schäden. Im Lauf der Jahre gaben die Brezelverkäufer auf – nicht wegen der Buden, sondern weil das Geschäft nicht mehr lief.fitz
 
MEINUNG
Die Stadt hat dazugelernt
Von SZ-Redakteur Jörg Laskowski

 
Eine der peinlichsten Episoden der Saarbrücker Stadtgeschichte ist untrennbar verbunden mit dem Pflaster in der Bahnhofstraße. Denn als dieses Pflaster 1994 kam, versetzte der damalige Baudezernent sechs arme Leute in Existenzangst. Die sechs verkauften Brezeln in der Bahnhofstraße und hatten sich ihre Verkaufsbuden selbst gezimmert. Auf Betreiben des Baudezernenten zwang die Stadt den Brezelfrauen und -männern neue Verkaufsstände auf, die zum Pflaster passen sollten. Es gab ein langes Hin und Her. Schließlich bezahlten Sponsoren die Stände, und die Brezelverkäufer arbeiteten danach in designten, genormten aber leider auch unzweckmäßigen Ständen. Unvergesslich ist mir die Geschichte einer herzkranken 73-Jährigen, die sich im Winter 98/99 in einem der designten Stände Nieren und Blase erkältete.
Und heute? Ja, heute ist das Pflaster (hin)fällig. Da mussten damals also sechs arme Leute und ihre Angehörigen bangen und bibbern wegen eines Steinhaufens, der heute zu nichts mehr nutze ist, schon gar nicht als Denkmal für einen Baudezernenten. Das vergessen wir nicht. Umso erfreulicher ist es, dass Saarbrücken heute weiter ist. Diesmal entscheidet der Stadtrat, wie das Pflaster an Saarbrückens öffentlichster Stelle aussehen soll – und nicht mehr ein einsamer Baudezernent kraft souveräner Willkür im stillen Kämmerlein. Und vieles spricht dafür, dass die Stadtverwaltung diesmal die Straße den Menschen anpassen will – und nicht wieder umgekehrt.

 
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