L125 Neunkirchen Richtung Saarbrücken-Johannisbrücke Kreuzung Neunkirchen-Sinnerthal Vollsperrung, Bauarbeiten bis 01.05.2018, eine Umleitung ist eingerichtet Die Sperrung erfolgt aufgrund von Sanierungsarbeiten am Brückenbauwerk und der Fahrbahn im Bereich "Plättches Dohle" (18.04.2017, 10:58)

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Beckinger Schraubenfabrik kämpft gegen Übernahme

Rechts und links neben dem Rednerpult eine rote Fahne der IG Metall. Jörg Bosch tritt ans Mikrofon und sagt Sätze, als wäre er Gewerkschafter und nicht Werksleiter. Solch einen Schulterschluss zwischen Management, Betriebsrat und Gewerkschaft wie auf der Betriebsversammlung gestern in der Beckinger Schraubenfabrik hat hierzulande wohl noch niemand zuvor erlebt. „Es bringt uns alles nichts, wenn wir nachher Whitesell heißen, aber keine Kunden mehr haben. Es bleibt uns nicht anderes übrig als zu kämpfen“, sagte Bosch. Eine klare Absage an den US-Unternehmer Whitesell, der die insolvente Ruia-Global-Fasteners-Gruppe mit ihren vier Standorten in Beckingen, Neuwied, Schrozberg und Neuss 1. Januar übernehmen will.

Nachdem im Sommer der Kauf besiegelt schien, hat sich jetzt massiver Widerstand aufgebaut (wir berichteten). Auslöser des Aufbegehrens ist das Geschäftsgebaren des Investors, der Kunden mit astronomischen Preiserhöhungen verschreckt, wie die IG Metall formuliert. „Whitesell kommt mit einer Cowboy-Mentalität nach Europa und versucht eine Wildwest-Kultur einzuführen“, beschreibt Guido Lesch, zweiter Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Völklingen das Auftreten.

Unternehmensführung und Gewerkschaft haben bereits eine Resolution an den US-Unternehmer geschickt. Darin formulieren sie ein klares Nein zu der Übernahme, weil dadurch die „Existenz des Unternehmens erheblich gefährdet würde“. 1350 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, davon 358 in Beckingen, so laut Bosch die Zahl aus dem November. Auf der Betriebsversammlung haben laut Lesch alle anwesenden Mitarbeiter, rund 200, die Resolution unterschrieben. Die Unterschriftenlisten sollten noch gestern dem Insolvenzverwalter und damit Whitesell übersandt werden – alle mit dem Ziel, dass er die Übernahme abbläst.

Whitesell signalisierte aber, daran festhalten zu wollen. „So kurz vor dem Abschluss der Akquisition sind wir über diese Vorwürfe sehr überrascht und weisen diese auf das Schärfste zurück“, ließ Neil Whitesell, Vorstandschef des US-Unternehmens, verlauten. „Wir stehen natürlich zu den Ruia-Kunden“, erklärte er und versprach Investitionen in Höhe von 150 Millionen Euro.

Schriftliche Kundenreaktionen, die die SZ einsehen konnte, sprechen eine andere Sprache. Ein Autozulieferer teilt zum Beispiel mit: „Sie verlangen eine durchschnittliche Preiserhöhung von 40 Prozent (= 1,4 Millionen Euro). Ich kann Sie daher in dieser Angelegenheit nicht weiter unterstützen.“ Der letzte Satz umschreibt die Absicht, die Aufträge abzuziehen. Der Kunde bescheinigt Whitesell auch, „keine Ahnung von Europa, der Automobilindustrie und den damit verbundenen Märkten hierzulande“ zu haben. Ralf Beuse von der Ruia-Geschäftsführung nennt einen prominenten Namen: BMW, einer der Großkunden von Ruia, habe signalisiert, kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit Whitesell zu haben. Auch nicht, nachdem Whitesell einen Brief geschickt habe, in dem er die Preisfordeurngen relativierte.

Insider malen ein Schreckensszenario: Whitesell könnte trotz des Widerstands Ruia übernehmen, dann Preiserhöhungen durchdrücken, weil die Kunden nicht sofort andere Lieferanten finden. So könnte er in wenigen Monaten den Kaufpreis von angeblich weniger als 20 Millionen Euro herauszuholen und noch einen satten Gewinn einstreichen. Sobald die Kunden auf breiter Front abspringen, könnte er das Unternehmen, das laut Beuse derzeit eine gute Auftragslage hat und schwarze Zahlen schreibt, in den Ruin stürzen lassen.




MEINUNG

Nur noch Gegner

Von SZ-Redakteur Volker Meyer zu Tittingdorf

Der US-Unternehmer hat es sich durch sein Wildwest- Auftreten offenbar mit allen verscherzt: mit dem Management, den Mitarbeitern und der Gewerkschaft und vor allem mit den Kunden. Wenn er morgen den Vertrag unterschreibt und die vier Ruia- Schraubenfabriken übernimmt, hat er niemanden, der hinter ihm steht. Man sollte meinen, dass in dieser Lage nur eine Schlussfolgerung bleibt: den Kauf abzublasen. Warum Whitesell trotzdem an seinen Kaufplänen festhält, lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht ist er der irrigen Meinung, dass sich mit der Zeit schon alle beruhigen werden. Schlimmstenfalls wäre er skrupelloser Profiteur, der schnelles Geld machen will und dann das Unternehmen einfach fallen lässt.
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