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Begegnung mit dem zukünftigen Saarbrücker Theaterchef - Was sind seine Pläne?

Die Saarländische Landeshauptstadt Saarbrücken am Donnerstag (26.5.2016). Hier das Saarländische Staatstheater.

Die Saarländische Landeshauptstadt Saarbrücken am Donnerstag (26.5.2016). Hier das Saarländische Staatstheater.

Trau keinem im grauen Flanellanzug? – Der designierte Saarbrücker Theaterchef ginge zweifelsohne als Idealbesetzung für Mammis Liebling, für Banker und Buchhalter durch. Das macht die Chef-Sache nicht leichter in einem Milieu, das sich gerne in die lässig-verrumpelte Bohemien-Ecke zurückzieht. Doch Vorsicht: Theaterwolf im Schafspelz? „Ich mag keine Angeberei. Ich löse lieber ein“, sagt Bodo Busse beim ersten längeren Treffen in Saarbrücken und meint damit seinen nicht nur durch Feuilleton-Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) gefestigten Ruf, ein durchaus unkonventioneller Programmmacher zu sein. Ausgerechnet in der Coburger Provinz, wo er seit 2010 das Stadttheater leitet, frönte und frönt Busse seinem Hang zu exotischen Stücken, ungewöhnlichen Spielorten und unerprobten Spielformen. Sprengungen von Genre- und Spartengrenzen sind die Spezialität seines Teams.

 

Beispiele? Die Purcell-Oper „King Arthur“ kam als Amalgam aus Schauspiel, Musiktheater, Ballett und Videokunst heraus. Outdoor-Events in einem Steinbruch, ein „Politischer Salon“ in einer Buchhandlung, eine Filmkritikerschlacht in einem Kino, all das steht im Kleingedruckten des Coburger Spielplans, unter einem kecken „Sonst noch?“ Freilich versteckt sich diese umtriebige, progressive Linie unter viel Altbewährtem wie „Norma“ oder „Aschenbrödel“ und hinter dem Etikett, Coburg sei Operetten- und Musical-Hochburg. „Ich stülpe Saarbrücken nicht einfach das Coburger Modell über“, sagt Bodo Busse. Der erste Eindruck, den er vor wenigen Wochen vermittelte, als ihn Minister Ulrich Commerçon (SPD) als Dagmar-Schlingmann-Nachfolger vorstellte, bestätigt sich: Busse hat das Visier hoch geklappt. Er gestikuliert temperamentvoll, wirkt vital, ungekünstelt und geradlinig. Ein frohgemuter Vorwärts-Typ, keine Grübeleintrübungen? Das schon. Zugleich berichtet Busse über sein Faible für die Schwierigeren unter den Literaten, für Proust und Hölderlin, auch imponierte ihm einst die nicht selten mit Buhs umtoste Regie-Dame der großen Rätsel: Ruth Berghaus.

 

„Das Mystische, das letzte Geheimnis, das erwarte ich von der Kunst“, sagt Busse mit einer unvermutet fordernden Klarheit. Er betont, welch großen Wert er auf die Ausstattung legt und dass er dieses Feld am SST für steigerungsbedürftig hält. Bühnenbilder dürften die Aussagen nicht verdoppeln, sondern müssten neue Gedankenräume öffnen. Am Wiesbadener Staatstheater arbeitete er mit der Installationskünstlerin Rebecca Horn zusammen, deren Werke von giftig-abweisender Schönheit sind. Busses Strategie: „Ich bringe kein fertiges Theatermodell mit, sondern entwickele es im Kontext mit dem Ort.“ Und der soll ja angeblich so europäisch sein. „Wenn da Europabahnhof steht, genügt mir das nicht. Wenn ich Europatheater sage, werde ich das inhaltlich einlösen.“

 

Doch noch sagt Busse das nicht. Denn die „DNA des SST“, wie er das nennt, habe er noch nicht entschlüsselt. Jedoch weiß Busse, was für ihn dazu gehört: „auch das Publikum, das nicht kommt“. Eine erfreulich andere Perspektive. Doch nicht immer entgeht Busse dem lackierten Jargon der Intendanten-Zunft. Eine „Theateroffensive Saar“ soll es 2017 geben. Ensemblemitglieder dienen dann als „Satelliten“, die in die Gesellschaft ausschwärmen. In Coburg etwa jagt Busse seine Leute zu Lese-Auftritten raus in die Privathäuser der Bürger. Und umgekehrt: Die Bürger rein ins Theater, auf die große Bühne, mit Märchen und Mythen der Region. Partizipatorische Formate wie diese hält Busse für die Erfolgskonzepte der Zukunft.

 

Ein idealer Theaterabend müsse ihn „intellektuell, ästhetisch und emotional“ packen, meint Busse. Blieben jedoch „alle drei Türen geschlossen, dann gehe ich lieber nachhause und trinke Rotwein“. Außer Zweifel steht, dass er mit dem Klassiker-Zertrümmerungs-Stil vieler Kollegen fremdelt. Gleichwohl mag er Frank Castorfs Bayreuther „Ring“. Doch über persönliche Vorlieben will der neue Mann gar nicht so viel erzählen: „Das Schlimmste ist, bei der Spielplangestaltung geschmäcklerisch zu werden.“ Er hält viel von Impulsen durch sein „Kreativteam“, besonders im Schauspiel. Aus Eigennutz und -schutz wird Busse hier Gas geben, um den Vorwurf auszuhebeln, das Schauspiel werde unter ihm, dem Musiktheater-Intendanten, abstürzen. Seine Rolle sieht er als Ermöglicher, nicht als stilprägender Oberspielleiter, der den „ersten Sendeplatz“ für sich beansprucht.

 

An die dicken Brocken im Musiktheater lässt er andere ran, er selbst mag Fragmentarisches und Collagen. Seine nächste Inszenierung im Mai 2017? „The Raven/Der Rabe“, ein Monodrama von Toshio Hosokawa, er kombiniert es mit Poulencs „Die menschliche Stimme“, inszeniert von Tobias Materna. Na, wenn das nicht nach Umwälzungen fürs hiesige Opernpublikum klingt. Letzteres will Busse aus dem Großen Haus locken. Er wird in der Sparte 4 wie auch in der Alten Feuerwache experimentelles Musiktheater anbieten. Bei den Stammkunden der Oper, die Opulenz mögen, dürfte das keine helle Freude auslösen. Das schreckt Busse nicht: „Es ist unsere Aufgabe, Überzeugungsarbeit für zeitgemäße Spielformen zu leisten“, sagt er und weiß: „Heutiges Musiktheater funktioniert nirgendwo auf Anhieb. Aber als Intendant darf man ja wohl noch Ehrgeiz und Träume haben.“ Gerne doch.

 

 

Zum Thema:

 

Zur Person: Bodo Busse, privat Sein Großvater war Profimusiker, Busse selbst steuerte eine Solokarriere an (Querflöte). Seine erste Schallplatte, als er acht Jahre alt war: Bachs „Brandenburgische Konzerte“. Busse (46) mag guten Wein, gutes Essen, gute Gespräche. „Gemeinschaft pflegen“, nennt er sein Hobby. Seit Jahren fährt er jeden Sommer mit Freunden nach La-Garde-Freinet (Provence). Er mag Gartenarbeit und sucht deshalb in Saarbrücken nach einem „Häuschen im Grünen“. Busses Lieblingsheld auf der Bühne? Sandmännchen in „Hänsel und Gretel“. Sein Lieblings-Filmheld? Yentl. Sein Motto: „Großes Verstehen kommt mit großer Liebe“ (Zen-Buddhismus). Busse lebt seit 25 Jahren mit seinem Lebenspartner, einem Pianisten, zusammen. Geboren in Stuttgart, Studium der Literatur- und Musikwissenschaft und Rhetorik (bei Walter Jens) in Tübingen. Praktika/Assistenzen an der Staatsoper Stuttgart und am Opernhaus Zürich, Musikdramaturg am Staatstheater Mainz, später Mitglied der Opernleitung in Wiesbaden. ce
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