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Besuch der „größten Tankstelle der Welt“ bei Berchem an der A 3 in Luxemburg

Anton Rasskazov steht vor seinem 40-Tonner und putzt sich die Zähne. Weißer Zahnpasta-Schaum tropft auf den schwarzen Asphalt. Der Ukrainer legt den Kopf nach hinten, gurgelt und mustert den grauen Morgenhimmel. Vielleicht wird es heute noch regnen. Mit Wasser aus einem Kanister spült Anton den Mund aus. Vor drei Tagen hat er in Neapel Lebensmittelkonserven geladen. Morgen früh muss er in London sein. An der Shell-Tankstelle an der A 3 in Luxemburg hat er gerade vollgetankt. Knapp 1300 Liter. Jetzt will er sich noch einen Kaffee holen, dann geht's weiter. Dass die Tankstelle nahe des Dorfes Berchem die größte der Welt sein soll, überrascht ihn. Verdutzt schaut sich Anton auf dem Tankstellen-Parkplatz um. „Ich hätte gedacht, dass die größte in den USA ist“, sagt Anton in gebrochenem Englisch.

 

Es mag räumlich größere Tankstellen geben, sagt Shell-Sprecherin Karen Hofkens. Aber mit rund 260 Millionen Litern Kraftstoff, die hier pro Jahr verkauft würden, sei es vom Volumen her die größte der Welt. Es ist schwer, das zu überprüfen: Andere Mineralölkonzerne behalten die Menge des Kraftstoff-Verkaufs an ihren Tankstellen gerne für sich, um Rückschlüsse auf den Umsatz zu verhindern. Stimmen die Shell-Angaben, wäre der Absatz in Berchem nach Expertenmeinung jedoch in der Tat enorm. Zum Vergleich: An einer gewöhnlichen Tankstelle im Großherzogtum werden nach Angaben des luxemburgischen Tankstellenverbands durchschnittlich rund zehn Millionen Liter pro Jahr verbraucht. Und das sei bereits drei Mal so viel wie an einer deutschen Tankstelle.

 

Das 800-Seelen-Dorf Berchem nahe der A 3 ist eher beschaulich. Hier und da ein paar Neubauten, im einzigen Restaurant des Ortes wird das Sauerkraut gerühmt, auf den umliegenden Wiesen grasen Kühe. Ein Feldweg führt zu der Tankstelle an der Autobahn. Wieso steht ausgerechnet hier die angeblich größte der Welt? „Weil hier das Zentrum Europas ist“, sagt Shell-Sprecherin Hofkens. Vor allem der Lkw-Verkehr zwischen Südeuropa, England und Skandinavien führe über die A 3 in Luxemburg, und der Sprit im Großherzogtum ist wegen der geringen Steuersätze der günstigste in nahezu ganz Europa. An der kürzlich renovierten und erweiterten Tankstelle in Fahrtrichtung Luxemburg-Stadt können 24 Lkw und 27 Pkw gleichzeitig tanken. Und rund 1500 Lkw und 7500 Pkw tun dies täglich, sagt Hofkens. Einmalig sei auch: Jeder Lkw kann mit drei Zapfpistolen gleichzeitig betankt werden. Das verkürze die Tankzeit. In der Zwischenzeit kann sich der Lkw-Fahrer über Bildschirme an den Zapfsäulen in 13 Sprachen über aktuelle Verkehrs- und Wettermeldungen informieren.

 

Zwischen zwei Lkw-Zapfsäulen sitzt Dorota Morawska in einem Kassenhäuschen. Die Mitvierzigerin trägt ein gelb-rotes Shell-T-Shirt und blass-rosa Lippenstift. „Fast zwei Drittel der Lkw-Fahrer kommen aus Osteuropa“, sagt sie. Sie selbst kommt aus Polen. Drüben, an den Pkw-Zapfsäulen, tankten dagegen vor allem Franzosen, Holländer und Deutsche. Dorotas Haar ist blondiert, ihre Fingernägel leuchten rot. Sie bekommt sicher viele Komplimente von den Lkw-Fahrern. „Oh ja“, sagt sie erfreut. „Weil ich so schön lächle.“

 

100 Meter weiter, auf dem Lkw-Parkplatz, wischt sich Anton mit dem Handrücken über den Mund und verstaut seine Zahnbürste sorgsam in einem Kulturbeutel. Der Beutel steht auf dem Lkw-Tank. Der 30-Jährige fährt für eine litauische Spedition. Jeweils zwei Monate lang tourt er durch ganz Europa. Pausen macht er nur nachts und am Wochenende. Dann hat er jeweils einen Monat frei, und ist „endlich bei der Familie“, wie er sagt. Seine Frau und die drei Kinder leben in Rivne in der Westukraine. Sie teilen sich eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung, für mehr reicht das Geld nicht, sagt Anton. Er schließt den Lkw ab und zeigt auf das Tankstellen-Gebäude. „I must go now.“ Kaffee holen.

 

„Shop“ werden Tankstellen-Verkaufsräume heute neudeutsch genannt. In Berchem ist der „Shop“ zweistöckig. Unten das Übliche, von Schokoriegel bis Scheibenwischer. Und natürlich Tabak, wegen der niedrigen Steuersätze ebenfalls besonders günstig und ebenso wie in deutschen Tankstellen-Shops umsatzstärkstes Produkt. Oben, über eine Rolltreppe zu erreichen: McDonalds, Starbucks und das Shell-eigene Bonbon-Geschäft „Le Paradis Sucré“, angeordnet um einen Lounge-ähnlichen Speisesaal und flankiert von einem breiten Balkon. An Spitzentagen kämen bis zu 5000 Besucher in den „Shop“, heißt es bei Shell.

 

„Am meisten ist nachmittags los“, sagt Audrey. Die 20-jährige Französin ist Verkäuferin in dem Bonbon-Laden und bläst gerade Luftballons auf. Seit McDonalds und die Kaffeehaus-Kette Starbucks Ende vergangenen Jahres ihre Filialen eröffnet haben, kämen einige Besucher auch nur deshalb. „Die tanken gar nicht“, sagt Audrey und zuckt mit den Schultern. Fast die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet eine Tankstelle heute über ihren Shop. In Berchem seien es – wegen des überdurchschnittlich hohen Spritverkaufs – etwa 30 Prozent, sagt Shell-Sprecherin Hofkens. Als Restaurants seien internationale Ketten gefragt, wie Umfragen belegten. „Die Leute wollen kennen, was sie bekommen“, erklärt Hofkens. Das alte Tankstellen-Restaurant hat ausgedient. Außerdem sei heute die Devise: Mehr Auswahl, mehr Service. „In naher Zukunft werden Kunden womöglich ihre Kauf-Bestellungen für den Shop bereits an der Zapfsäule auf einem Touch-screen abgeben“, sagt Hofkens.

 

Dass die moderne Tankstelle heute auch ein „Ort des Erlebens“ sein soll, dämmert dem Besucher spätestens auf der Toilette im Untergeschoss. Als Anton von dort die Treppe herauf kommt, deutet er mit dem Daumen über seine Schulter. „Affe“, sagt er und grinst. Die Toilettenkabinen hinter der inzwischen üblichen Bezahlschranke sind mit bunten Fototapeten ausgestattet. Und die sind mitunter kurios. Der Ukrainer hatte neben dem Bild eines Schimpansen Platz genommen.

 

„Bye, bye“, sagt Anton draußen auf dem Parkplatz, den Kaffee in der Hand. Morgen früh muss er in London sein.
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