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Bier als Lohn für Arbeit? Projekt soll Leute von der Straße holen

Wie bekommt man Alkoholiker dazu, öffentliche Plätze zu reinigen? Mit Alkohol. Was kurios anmuten mag, ist in Amsterdam Realität. Dort erhalten Suchtkranke Bier, wenn sie als Putzkraft anpacken. Nun greift die Idee auch in Deutschland. Die Stadt Essen hat sich diesem Projekt als erste geöffnet. Im Mai geht es los. Ralph Seiler, Geschäftsbereichsleiter Soziales und Integration bei der Diakonie Rheinland- Westfalen-Lippe, befürwortet die Aktion dort. Er sieht darin eine Chance, den Abhängigen einen geregelten Tagesablauf zu vermitteln und sie besser zu erreichen – wichtige Schritte Richtung Unabhängigkeit. Vorbild ist das Pilotprojekt in Amsterdam.

In der niederländischen Metropole gibt es diese Entlohnung in Naturalien seit vergangenem Jahr. Die Stadt und die Regenbogen- Stiftung haben sich zu dem ungewöhnlichen Weg entschlossen, um eine Gruppe im Oosterpark in den Griff zu bekommen. Dort fielen die Suchtkranken mehrfach unangenehm auf, pöbelten Passanten an, prügelten sich untereinander.

Nun säubern sie drei Mal in der Woche zwischen neun und 15.30 Uhr Anlagen in der Stadt – gegen Bier. Zum Frühstück gibt es zwei Dosen unter Aufsicht. Ebenso zum Mittagessen. Und nach Feierabend darf sich jeder noch eine Dose mitnehmen. Hinzu kommen zehn Euro und ein halbes Päckchen Tabak. Insgesamt erhält ein Arbeiter einen Lohn von 19 Euro pro Tag. Willy, der seinen Nachnamen nicht nennen will, würde so ein Projekt in Saarbrücken begrüßen.

Der 38-jährige Arbeitslose sitzt täglich ab 12.30 Uhr an der Saarbrücker Johanneskirche und trinkt sein Bier. Er war früher selbstständig, arbeitete bis vor zwei Jahren bei Leiharbeiterfirmen. „Ich wäre sofort dabei, weil ich dann endlich wieder was zu tun hätte und nicht nur hier rumsitzen würde.“ Der Alkohol sei zwar ein Anreiz, „wäre für mich aber nicht ausschlaggebend“, sagt Willy. Einen ähnlichen Blickwinkel hat auch Markus, der sich ebenfalls tagsüber an der Saarbahn-Haltestelle aufhält. „Der Trick mit dem Bier ist vielleicht etwas verwerflich, aber wenn man die Leute dadurch von der Straße bekommt, finde ich es in Ordnung. So eine Beschäftigung würde mir helfen, auf andere Gedanken zu kommen“, erklärt der 34-Jährige.

Die Leute von der Straße bekommen. Das ist die Intention hinter dem Projekt, vermutet Wolfgang Bensel. „Das scheint mir doch eher einen ordnungspolitischen Hintergrund zu haben“, sagt der Suchttherapeut der AHG Klinik Münchwies. Er glaubt nicht, dass die Rationierung des Biers während der Arbeitszeit zu einer Reduzierung des Konsums beiträgt, wie es sein Essener Kollege Ralph Seiler hofft: „Das Mittel der Wahl bei der Bewältigung einer Suchterkrankung ist die Abstinenz. Sonst würde man ja versuchen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.“

Idee also gut, Umsetzung schlecht? Ja, meint Gaby Schäfer (CDU), Staatssekretärin im saarländischen Sozial-Ministerium. „Das Motto sollte nicht Arbeitsleistung gegen Alkohol sein“, unterstreicht Schäfer. Sie hält kleinere Beschäftigungen aber für sinnvoll, bei denen der Konsum von Alkohol unter Kontrolle möglich ist. Zwar befürwortet auch Thomas Braun, Streetworker beim Diakonischen Werk an der Saar, die Beschäftigung Obdachloser. Dies aber mit Alkohol zu erreichen, hält er für den falschen Ansatz: „Das ist menschenunwürdig und läuft auf eine Stigmatisierung hinaus.“

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