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Bildung statt Bomben: Saar-Uni bringt Flüchtlinge in den Hörsaal

Durch die Fenster der holzvertäfelten Einliegerwohnung im Mandelbachtal geht der Blick auf Obstbäume und eine hügelige Landschaft. Krieg und Schrecken scheinen hier sehr weit weg. Seit August ist der syrisch-palästinensische Informatikstudent Alaa Aldden Sharshara hier zuhause. Doch wenn Aladin, wie ihn hier alle in freundlichem Singsang rufen, in brüchigem Deutsch, immer wieder ins Englische wechselnd, zu erzählen beginnt, ist man plötzlich mittendrin in einem Road Movie des Grauens.

Im Januar ist Aladin in Deutschland angekommen, erst vor zwei Tagen hat der 25-Jährige seinen Pass bei der Ausländerbehörde abgeholt – staatenlos steht darin. „Wir sind 14 Millionen, aber uns gibt es nicht", lacht er, der als Palästinenser auch in Syrien als Flüchtling galt. „Wir kommen aus dem All.” Aladin lacht viel. Er muss lachen um zu leben, sagt er.

Aladin kommt aus Jarmuk, einem Viertel von Damaskus, das vom Bürgerkrieg so heftig getroffen wurde, wie kaum ein anderer Ort in Syrien. Vor zwei Jahren hat das syrische Regime eine Blockade über das Viertel verhängt, das ursprünglich ein palästinensisches Flüchtlingslager war. Seither ist die Bevölkerung weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Trotz der Blockade bestand Aladins Mutter darauf, dass der Informatikstudent für ein wichtiges Examen Jarmuk verlässt. Doch als Aladin nach einem Monat an der Uni von Damaskus wieder zu seiner Familie wollte, gab es kein Zurück mehr – die Regierung hatte das Viertel komplett abgeriegelt.

„Abends hat meine Familie zwei Stunden Strom, dann kann ich mit meiner Mutter telefonieren“, erzählt Aladin. Wenn er von der Mutter spricht, glänzen seine Augen so seltsam. Seit April ist Jarmuk, wo seine Mutter mit Aladins vier Geschwistern immer noch lebt, in der Hand von IS-Extremisten. Von ursprünglich 150 000 Bewohnern leben dort nach UN-Angaben heute nur noch 16 000 Menschen. Nicht nur die palästinensische Bevölkerung, auch die syrische Regierung will die IS-Milizen vertreiben. Doch dafür feuert Präsident Assads Artillerie und die Armee wirft Fassbomben – Aladins Bruder wurde von einer Bombe am Rücken verletzt. „Beim ersten Ramadan-Fest allein, ohne meine Familie, war klar – ich muss hier weg“, sagt Aladin.

Seit seiner Flucht im August 2014 hat Aladin viele Hürden genommen. Hat gemeinsam mit seiner Cousine und drei kleinen Kindern im Bus, Auto, Boot, zu Fuß und einmal sogar schwimmend, fast 5000 Kilometer zurückgelegt, sieben Grenzen überwunden. Einmal überließen bewaffnete Uniformierte sie mitten im Mittelmeer dem Schicksal, versenkten den Motor des Schlauchboots, in dem er mit 50 weiteren Flüchtlingen saß. Einmal erfror er fast im serbischen Grenzgebiet. Immer wieder wurden die Flüchtlinge festgenommen und in überfüllte Lager gesteckt. Und immer wieder überließen die Behörden ihn seinem Schicksal.

Heute ist Aladins größte Hürde die deutsche Sprache. Seine Zeugnisse hat er nur unvollständig hierher gerettet, doch er will Informatik studieren. Im Juli diesen Jahres, nach fünf Monaten der Ungewissheit, wurde Aladin in Deutschland als Flüchtling anerkannt. In Damaskus hatte er neben dem Studium einen Job in der IT-Abteilung einer Öl-Firma. „Mein großer Wunsch ist, auch hier nebenbei arbeiten zu können“, sagt Aladin. Um all das zu erreichen, lernt er fleißig Deutsch.

Gleich nach seiner Ankunft im Aufnahmelager Lebach hat er mit einem Deutschkurs auf Youtube begonnen, seit ein paar Wochen besucht er jeden Vormittag einen Integrationskurs in Saarbrücken . Er fühlt sich hier aufgenommen – nicht zuletzt von seiner Vermieterin Maria Vermeulen. Er nennt sie „Sister“. Sie war es auch, die ihm von einem Eignungstest für Flüchtlinge der Saar-Uni erzählte. In den setzt er nun seine ganze Hoffnung.

Um aus der Warteschleife, in der viele stecken, herauszukommen, und das Potenzial begabter Flüchtlinge zu nutzen, hat die Saar-Uni unbürokratische Voraussetzungen zum Studium geschaffen. Für Flüchtlinge wie Aladin, die ihre Zeugnisse nicht retten konnten, findet diese Woche ein Eingangstest statt. Vor allem Mathe-Kenntnisse werden abgefragt, die Teilnehmer sollen gezielt in technische und naturwissenschaftliche Studiengänge gebracht werden. Wer den Test besteht, kann an Deutschkursen teilnehmen. In zwei Semestern sollen die Teilnehmer so gut Deutsch lernen, dass sie studieren können. 50 Plätze stehen nach Uni-Angaben bisher in Sprachkursen bereit, finanziert vor allem über Spenden. Insgesamt rechnet die Uni für den Test mit etwa 100 Teilnehmern.

Aladin kann den Test kaum erwarten. Ob er sich vorbereitet? Ich kann Mathe, sagt Aladin. Ob er weiß, welche Ansprüche deutsche Abiturienten erfüllen müssen? Kein Problem, sagt er und zeichnet mit fliegender Hand Formeln auf ein Blatt Papier.

Als anerkannter Flüchtling dürfte er nun nicht nur studieren, er dürfte auch seine Familie nachholen. Zu riskant, sagt Aladin. Es sei leichter, von Syrien nach Deutschland zu kommen, als aus Jarmuk heraus, sagt er, wieder mit diesen schimmernden Augen. Aladin weiß, wovon er spricht. Flüchtlinge , die den Eingangstest an der Saar-Uni bestehen, können schon ab November in dem Programm „International Engineering“ Uni-Vorlesungen auf Englisch besuchen. Die Idee stammt unter anderem vom Saarbrücker Professor Andreas Zeller. „Einerseits herrscht enormer Fachkräftemangel, andererseits gibt es sehr viele Flüchtlinge “, sagt Zeller. „So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.“

Zeller bietet dieses Semester die Vorlesung „Programmieren für Ingenieure“ auch auf Englisch an, in der Studenten lernen, wie man Assistenzsysteme programmiert, die dann zum Beispiel in der Industrie eingesetzt werden können. Schon ab dem Sommersemester sollen Teilnehmer, unterstützt von englisch- oder arabischsprachigen Tutoren, auch Veranstaltungen auf Deutsch besuchen.

Die Zuwanderung sieht Zeller auch als gesellschaftlichen Gewinn. „Das Land spart zwölf Jahre Schule und bekommt Fachkräfte .“ Deshalb müsse nun auch das Studienkolleg wieder ausgebaut werden.

Auch IHK-Geschäftsführer Matthias Hafner sieht in dem Flüchtlingsstrom für die regionale Wirtschaft eine „Riesenchance“. Denn wenn der bisherige Trend sich fortsetze, fehlten in 15 Jahren im Saarland 100 000 Fachkräfte .
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