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Blondi hat keinen Bock: Besuch bei der Südwest-Rinderschau in Webenheim

Irgendwie ist das heute nicht Blondis Tag. In ihren großen Augen meint man so etwas wie Trübsal auszumachen, gepaart mit einer Spur von Unbill. Vielleicht ist sie heute mit dem falschen Huf aufgestanden, man kennt das ja von sich selbst. Man fühlt sich lustlos, nichts will so richtig klappen. Und ihr Frühstück scheint auch nicht so recht zu schmecken. Okay, das ist jetzt nicht wirklich verwunderlich: Immerhin wird eine Mahlzeit fünf bis sechs Stunden wiedergekäut, wie Experten wissen.

 

Vielleicht ist Blondi aber auch einfach noch müde. Sie musste verdammt früh raus. Landwirt Patrick Becker hat Blondi heute früh vom Stall in Breitfurt zur Südwest-Rinderschau nach Webenheim gebracht. Und er hat Blondi für den großen Tag hübsch gemacht. Sie war schon beim Friseur (frisch geschoren), hat sich die Klauen machen lassen und trägt jetzt sogar dezentes Makeup. Das kommt aus einer Spraydose und heißt entsprechend stylisch „Muh Fitter“. Damit werden unschöne Stellen abgedeckt. Und, ehrlich, Blondi sieht jetzt echt gut aus. Richtig schnuckelig. Wenn nur nicht dieser Unbill in ihren Augen wäre. „Nee wirklich“, sagt Becker, „sie ist heute nicht die Allerliebste und ziemlich bockig.“ Blondi gibt ein ziemlich entschieden klingendes „Muuuhhh“ von sich, so als wolle sie das Gesagte ausdrücklich bestätigen. Damit auch unmissverständlich klar ist: Blondi hat heute keinen Bock! Punktum. Und das wird noch Folgen haben. Aber davon später.

 

Rund um den Rennplatz, einen Steinwurf vom Webenheimer Bauernfest entfernt, stehen an diesem Sonntagmorgen über 100 Kühe und werden von ihren Besitzern geschrubbt, gebürstet, schamponiert und gestreichelt. Euter werden mit Johnson's Babyöl eingerieben, damit sie glänzen, an buschige Schwanzenden werden „Schwanztoupets“ geflochten, damit sie adretter aussehen. Und immer wieder ist das Klackern von geschüttelten Spraydosen zu hören: „Muh Fitter.“ Zuschauer schlendern umher, an einem Zelt gibt's Milchshakes, aus einem Lautsprecher tönt „Be my lover“. Zwei Mädchen verkaufen Lose, zu gewinnen gibt's ein Kalb und – zur munteren Überraschung von Laien: Sperma-Gutscheine. Auf Nachfrage erläutern hilfsbereite Landwirte lächelnd, dass sich damit Bullenergüsse zur künstlichen Befruchtung von Kühen ergattern lassen.

 

Auf dem Rennplatz werden die ersten Kühe vorgeführt. Der Preisrichter geht um die Tiere herum, geht in die Hocke, geht einen Schritt zurück, blickt abschätzend, macht sich Notizen auf einem Klemmbord. Bewertet wird unter anderem die Festigkeit des Euters, das Fundament (die Klauen), die Hinterbeinstellung, der Brustkorb und natürlich das Fell. Auf dem Hinterteil trägt jede Kuh eine Nummer. In einem Katalog findet man ihre Namen: Sie heißen Tiger, Lola, Grace, Amelie, Nuckl oder einfach gutbürgerlich Elsa. Dass Blondi wie Hitlers Hündin heißt, habe bei der Namenswahl keine Rolle gespielt, betont Landwirt Becker. „Die Oma hieß schon so“, sagt er – und meint damit Blondis Oma. Blondi selbst, knapp drei Jahre alt, hat die Nummer 22 – und inzwischen erst recht keinen Bock mehr. Störrisch zerrt sie an dem Strick, mit dem sie Becker auf den Platz führen will.

 

Was in Blondi vor sich geht, man weiß es nicht. „Es gibt Leute, die haben ihr ganzes Leben lang über Kühe geforscht und verstehen sie trotzdem nicht“, sagt Christian Koch. Der Agrarwissenschaftler von der Lehr- und Versuchsanstalt Hofgut Neumühle bei Kaiserslautern ist ein ausgewiesener Kuh-Kenner. Angesprochen auf die Kritik an „Hochleistungskühen“, deren Zucht- und Haltungsziel vor allem ein maximaler Milchertrag ist, sagt Koch: „Jeder plädiert für das Tierwohl, aber im Supermarkt entscheidet dann nur der günstigste Preis. Beides geht nicht zusammen.“ Die derzeit extrem niedrigen Milchpreise von 20 bis 25 Cent pro Liter (bei Produktionskosten von 40 bis 45 Cent pro Liter) trieben viele Milchbauern in den Ruin. Allein im ersten Halbjahr 2016 hätten in Rheinland-Pfalz und dem Saarland rund 120 Milchbauern ihre Betriebe aufgegeben. Dabei gehe es den Kühen in der Regel gut. In den Ställen werde viel wert auf den sogenannten „Kuhkomfort“ gelegt: etwa mit Kuhbürsten, an denen sich die Tiere schubbern können, oder mit Kuhduschen und natürlich genügend Platz. „Wenn es der Kuh gut geht, geht es auch dem Bauern gut“, resümiert Koch.

 

Bei Blondi und Becker ist das heute allerdings nicht so: Bei der Wettbewerbsvorführung kam es zum Eklat zwischen beiden. Als Becker vom Vorführplatz zurückkommt, ist er völlig verschwitzt und niedergeschlagen. „Blondi hat sich direkt vor dem Preisrichter einfach zum schlafen hingelegt und nicht mehr gerührt“, berichtet er. In ihrer Klasse hat sie den letzten Platz belegt. Den Titel „Miss Webenheim “, wie die Gesamtsiegerin des Wettbewerbs genannt wird, holte sich eine andere: die Kuh Zandorra. Nicht Blondi. Denn Blondi hatte heute keinen Bock.
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