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Buchautor nach Überfall im Drogenrausch zu Haftstrafe verurteilt

Symbolfoto

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Nach dem Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft in Homburg hat das Landgericht Saarbrücken jetzt einen angehenden Schriftsteller aus dem Saarland zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Zudem ordneten die Strafrichter die Unterbringung des drogenabhängigen und mehrfach vorbestraften Angeklagten in einer Entziehungsanstalt an.

Der 27-Jährige hatte am 19. August 2015 im Drogenrausch mit einer Maske über dem Kopf und einer Art Machete in der Hand ein Juweliers-Geschäft in der Homburger City überfallen, die Anwesenden bedroht und Juwelen im Wert von etwa 10 000 Euro aus dem Schaufenster eingepackt. Dann war er geflüchtet – verfolgt von Passanten und Polizisten. Schließlich lag der 27-Jährige verletzt am Boden und wurde festgenommen.

Erst in diesem Moment sei ihm klar geworden, was da gerade passiert war – so der Angeklagte vor Gericht. Die Stunden, die Tage vor seiner Festnahme seien ein einziger Absturz gewesen. Drogen zum Wachwerden, Tabletten zum Einschlafen und immer tiefer nach unten. Und warum das Ganze? Antwort des 27-Jährigen, der als zur Tatzeit vermindert schuldfähig eingestuft wurde: Er sei damals mit dem Stress nicht fertig geworden. Er sei Schriftsteller – und sein erstes Buch stehe unmittelbar vor der Veröffentlichung. Damals, im August 2015, habe er die Schlusskorrektur machen müssen. Er habe Angst gehabt, zu versagen und die Abgabefrist nicht einhalten zu können. Deshalb sein erneuter Drogenkonsum und der Überfall.

„Ich habe die Kontrolle verloren“, sagte der Mann über sein Leben. „Schon meine Mutter war drogenabhängig.“ Sie habe immer das Geld für ihre Sucht ausgegeben. Bei ihr in der Wohnung habe er drei Jahre lang gelebt. Dann sei er zu seiner Großmutter gekommen, die an Krebs starb. „Da war ich fünf Jahre alt.“ Anschließend sei er zu seinem leiblichen Vater und dessen neuer Familie gezogen. Aber dorthin habe er nicht gepasst. Also kam er in ein Heim. Dort sei er von einem älteren Jungen sexuell missbraucht worden und ins nächste Heim gekommen. „Da war ich acht.“ In der Folgezeit habe er mehrmals die Heime und sieben, acht Mal die Schulen in halb Deutschland gewechselt. Im Alter von 15 Jahren sei er erstmals als schwer heroinsüchtig eingestuft worden und in ein Methadon-Programm gekommen. In der Zeit habe er seinen Schulabschluss gemacht. Dann „war an meinem 16. Geburtstag Hausdurchsuchung“ und es kamen „zehn Jahre, in denen ich immer nur für kurze Zeit auf freiem Fuß war.“ Drogenbesitz , Drogenhandel, Beschaffungskriminalität, Diebstähle, Hehlerei und auch mal Bedrohung. Die Vorstrafenliste ist lang.

Schließlich suchte er Rückhalt in einer Rockergruppe. Mit der passenden Kleidung – halbe Lederjacke mit diversen Aufnähern – saß er im Alter von 26 Jahren in einem Fernzug. Eine Mitreisende interessierte sich für die Bedeutung der Rockerembleme. Er erzählte ihr davon und von seinem Tagebuch, das er in den Gefängnisjahren geschrieben hat. Und dann passierte das, was im wirklichen Leben eigentlich nie passiert. Motto: „Wenn der Mann so schreibt, wie er redet, dann ist er ein geborener Schriftsteller.“

Die Mitreisende entpuppte sich als Buchautorin, sie vermittelte den jungen Mann an ihren Agenten. Der ging mit ihm zur Frankfurter Buchmesse, fand einen Verlag und plötzlich war der Saarländer mit der traurigen Biografie ein angehender Schriftsteller. Insgesamt drei Bücher habe er in Arbeit – eines über sein Leben mit den Drogen, eines über das Rotlichtmilieu und eines über die Welt der Motorradclubs. Mit allen drei Welten wolle er in Zukunft persönlich und direkt nichts mehr zu tun haben. Auch nicht mit den Drogen, von denen er seit seiner Inhaftierung im August 2015 die Finger lasse. Denn es sei ihm klar: „Wenn ich Drogen nehme, stürze ich wieder ab.“ Aber das wolle er nicht mehr. „Ich will ein normales Leben. Nicht wieder abstürzen.“

Die Richter wollen diesen Weg mit ihrem Urteil unterstützen. Der Angeklagte soll nun für zwei Jahre in eine Entziehungsanstalt und von seiner Sucht loskommen. Dort dürfte er als Buchautor weiter schreiben können. Diese Therapie-Zeit und die bisherige Untersuchungshaft werden anschließend auf die verhängte Haftstrafe angerechnet. Wenn das Ganze ideal läuft, könnte der Mann deshalb in rund zwei Jahren vorzeitig auf Bewährung in Freiheit entlassen werden. Dazu die Richterin: „Das ist vielleicht die letzte Chance, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.“ Denn je älter man werde, desto schwerer werde das. Ganz wichtig sei dabei: „Glauben Sie an sich selbst.“ Das Urteil ist rechtskräftig.
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