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Burbach: Trauern um tote Kinder



Saarbrücken. Sie treten die Tür ein. Beißender Rauch und Hitze schlagen ihnen entgegen. Kaum etwas zu sehen, nicht einmal die Flammen. Zu dicht ist der schwarze Qualm. Keine Chance für die beiden Männer, weiter vorzudringen. Der Rauch brennt bereits in ihren Lungen. Nach wenigen Sekunden müssen sie sich zurückziehen – können der Familie nicht helfen, die in der brennenden Dachgeschoss-Wohnung eingeschlossen ist. Kurze Zeit später ist die Feuerwehr da. Die Flammen lecken schon meterhoch aus den Fenstern in den Nachthimmel. Vier Kinder sterben an diesem frühen Freitagmorgen in dem verheerenden Feuer in einem Eckhaus in der Burbacher Von-der-Heydt-Straße. Die Eltern und ein elf Monate altes Baby überleben. Verzweifelte Hilfeschreie haben die Nachbarn geweckt. Um 4.38 Uhr geht der erste Notruf ein.

„In dieser Straße gibt es immer viel Lärm und Geschrei, aber diesmal war es anders“, wird ein Mann aus dem Haus schräg gegenüber später sagen. Er sieht das Feuer und wählt den Notruf – wie viele andere auch. Was sich dann abspielt, schockiert die Nachbarn, die teilweise in Bademänteln über den Schlafanzügen aus ihren Häusern laufen, zutiefst. An zwei Fenstern der Wohnung in dem beigefarbenen Klinker-Altbau stehen der Familienvater (28) und die Mutter (27) und schreien um Hilfe. Die Frau hat ein Baby auf dem Arm. In der Wohnung wüten die Flammen. Nur wenige Minuten dauert es, bis die Feuerwehr da ist, die Wache liegt in unmittelbarer Nähe in der Weißenburger Straße. Über Drehleitern retten die Feuerwehrleute die Eltern und das kleine Mädchen.

Doch für Vanessa (7), Pamela (5) und die dreijährigen Zwillinge Ricardo und Ronaldo kommt die Hilfe zu spät. Der Schock über die Tragödie sitzt auch bei den Rettern tief. Der Saarbrücker Feuerwehrchef Josef Schun berichtet in einer Pressekonferenz: „Wir haben wirklich alles getan, was wir tun konnten.“ Rund 60 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Zeitgleich zur Rettung über die Drehleitern arbeiteten sich mehrere Trupps mit Atemschutz- Masken in der Wohnung vor. In dem Zimmer, in dem die Mutter am Fenster gestanden hatte, fanden die Männer die Leichen von drei Kindern. Ein weiteres wurde über eine Drehleiter geborgen. Doch es starb noch vor Ort. Die Feuerwehr habe nach der gewohnten Einsatztaktik bei einem Wohnungsbrand gehandelt, sagt Schun.

Die Angehörigen der Opfer erheben jedoch schwere Vorwürfe. Sie haben Strafanzeige gegen die Feuerwehr erstattet. „Meine Mandantschaft gehört zu einer Roma-Großfamilie“, sagt Rechtsanwalt Wolfgang Köhl. Die Familie wirft den Rettern vor, eindringliche Hinweise der Mutter ignoriert zu haben, in dem Raum, aus dem sie und ihr Baby gerettet wurden, seien noch vier Kinder. Oliver Nix – einer der beiden Nachbarn, die die Familie retten wollten – erfährt erst später vom Tod der Kinder. Er hatte eine Rauchvergiftung und musste ins Krankenhaus. „Ich dachte, sie hätten alle rausgeholt“, sagt er fassungslos. Er hat Tränen in den Augen, als er erzählt, wie er und ein Bewohner aus dem Erdgeschoss des Hauses versuchten, in die Wohnung zu gelangen.

Von außen ist außer verrußten Giebeln und gesplitterten Fenstern später nicht mehr viel von der Tragödie zu sehen. Innen ist die Wohnung völlig ausgebrannt. Vielen Anwohnern ist der Schock Stunden später noch in den Gesichtern abzulesen. Sie stehen in kleinen Gruppen an der Straße, andere sehen aus ihren Fenstern. „Unfassbar“, „furchtbar“, „mein Gott, die Kinder“ – diese Worte fallen immer wieder. Sie spekulieren über die Brandursache. Die Familie soll seit Tagen keinen Strom mehr gehabt haben – die Ermittlungen bestätigen das. Ein Mann sah abends mehrfach flackerndes Licht. Vielleicht haben Kerzen das Feuer ausgelöst.

Es könnte aber auch eine Zigarette gewesen sein. Ein Verbrechen, also vorsätzliche Brandstiftung, schließt die Polizei aus. Ein Nachbar hat die Geschehnisse mit seiner Video-Kamera gefilmt. Die Bilder sind später im Internet und im Fernsehen zu sehen. „Ich habe von der ersten Sekunde alles mitbekommen“, sagt er. Auch er war durch die Schreie wach geworden und rief Hilfe herbei. Dass er das Drama festgehalten hat, stößt bei anderen Anwohnern auf Unverständnis. „Da fehlen einem die Worte“, sagt eine Frau. „Es gibt so Bekloppte, die haben nichts Besseres zu tun“, sagt ein Mann. „Ich habe das Mädchen morgens immer zur Schule gehen sehen“, sagt eine Frau. Auch sie hat rote Augen. Die kleine Vanessa besuchte die Weyersbergschule nur wenige hundert Meter entfernt. Die Schulleitung verteilt an die Schüler Zettel, die über die Tragödie informieren. Ein Drittklässler, der mit seinem Opa vor dem Brandhaus steht, zieht ihn aus seinem Schulranzen. Ein schwarzer Rand ist darum gezogen. „Wir wissen nicht, warum dies so passiert ist“, steht darauf. „Wir werden sie alle sehr vermissen!“


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