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Chatzimarkakis kämpft um seinen Doktortitel

Saarbrücken. Treffpunkt: St. Johanner Markt, noch mehr Öffentlichkeit gibt es im Saarland nicht. Dieser Interview-Ort ist symptomatisch: „Ich gehe anders mit den Plagiatsvorwürfen um als andere. Ich bin kein Plagiator“, sagt Jorgo Chatzimarkakis. Sprich: Der FDP-Mann duckt sich nicht weg, er fährt mit Vollgas eine Gegen-Offensive. Im Mai geriet er ins Visier der Internet-Plattform „VroniPlag Wiki“. Was danach geschah, hat zwar nicht die Wucht des „Tsunami“, der über die Familie zu Guttenberg hinwegtobte, wie es der Vater des zurückgetretenen CSU-Verteidigungsministers dieser Tage ausdrückte. Aber im Medien-Sturm steht der in Perl lebende Europa-Abgeordnete, von 2002 bis 2010 Generalsekretär der FDP Saar, durchaus. Er fühlt sich bewusst missdeutet. Die Nerven flattern ob jeder Zeitungs-Meldung. Mag sein, so ergeht es einem, der sich derart tollkühn-tapfer mitten hineinwirft in die Schlacht, die längst nicht mehr nur um Schlagzeilen läuft, sondern auch um Professoren-Eitelkeiten, wissenschaftliche Prinzipien und das Renommee der Universitäten.

Erst kürzlich, vor Millionenpublikum in der Talkrunde „Anne Will“, rannte Chatzimarkakis gegen eine Überzahl von Angreifern an. Dem Eindruck, er habe sich den Raubtieren zum Fraß vorgeworfen, widerspricht er: „Ich wollte das so – live und ohne die Möglichkeit, dass was weggeschnitten wird.  Ich konnte endlich zeigen: Es gibt Grauzonen, mein Fall ist mit den bisherigen nicht vergleichbar.“ Wieso nicht, hat Chatzimarkakis vielfach, nicht nur in der Talkrunde, dargelegt. Während Karl-Theodor zu Guttenberg und die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin bewusst getäuscht hätten, also fremdes geistiges Eigentum als ihr eigenes ausgaben, gelte für seine Doktorarbeit: „Keine Stelle ohne Quelle“. Kein einziger Text sei aus einem Werk übernommen worden, das nicht in einer Fußnote oder im Literaturverzeichnis auftauche. In seinen Dissertations-Regeln stehe lediglich, „fremdes Gedankengut ist kenntlich zu machen“. Eben dies habe er schriftlich erklärt – und sich dran gehalten. Seine Zitierweise sei vielleicht missverständlich, räumt Chatzimarkakis ein. Doch diese Methodenschwäche sei bereits bei der Prüfung seiner Dissertation benannt und bei der Notengebung berücksichtigt worden: Nur für eine Drei habe es gereicht. Zwischen 1993 und 1999 hatte der Deutsch-Grieche als Externer im Fach Politikwissenschaft an der Universität Bonn promoviert. Der Titel: „Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des elektronischen Geschäftsverkehrs“.

„Mein Fall liegt rechtlich sehr kompliziert“, sagt Chatzimarkakis. Spielt er damit an auf eine Indiskretion im Promotionsausschuss? Dessen Aberkennungs-Urteil machte die Zeitung „Welt“ publik, bevor der Fakultätsrat der Bonner Philosophischen Fakultät informiert war. Wollte da ein Professor Chatzimarkakis schaden? Liegt Befangenheit vor? Heute jedenfalls will Chatzimarkakis den Fakultätsrat-Mitgliedern neue juristische Argumente präsentieren. Einmal schon ist er mit einer Verteidigungs-Rede gescheitert, beim Promotionsausschuss. Der ließ sich nicht überzeugen, plädierte für Entzug des Titels. Bei „VroniPlag“ liegt die Quote der Seiten, auf denen bei Chatzimarkakis nicht exakt zuzuordnende Zitate auftauchen, bei über 70 Prozent. Nach dessen eigener Prüfung sind nur neun Prozent der Stellen kritisch, insgesamt basierten 47 Prozent des Textes auf wissenschaftlichen Arbeiten Dritter.

Egal, wie heute an der Uni entschieden wird, ein „Löwenherz“ wie Chatzimarkakis wird nicht aufgeben. Er kündigt an: Werden Mängel benannt, wird er, falls möglich, die Dissertation nachbessern. Verliert er den Titel, dann schreibt er eben eine zweite Dissertation: „Ich habe meinem Großvater versprochen, das durchzuziehen, dazu stehe ich.“ Rückeroberung – man spürt, diesem Mann mit griechischen Gastarbeiter-Wurzeln geht es um mehr als um einen geldwerten Karriere-Vorteil oder einen Augenhöhe-Gewinn in den richtigen Kreisen. Chatzimarkakis hatte sich selbst was zu beweisen, nachdem ihm zu hohe Mathe-Hürden den Traumjob – Agraringenieur – vermasselt hatten: Dass er mehr drauf hatte als einen Magister-Abschluss der Phil-Fak. Und natürlich, sagt er, fühle sich einer wie er durch einen Titel, auf den selbst Deutsche stolz seien, „integrierter“. So gehört der Doktor denn zu Chatzimarkakis’ Identität wie seine deutsche Staatsbürgerschaft.

Zusätzlich schürt sein verletztes Gerechtigkeitsgefühl seine Angriffslust. Der Politiker zieht gegen „Ehrabschneiderei“ und „Gleichmacherei“ zu Felde, sieht sich als ehrlicher Malocher unter den Blendern: „Ich habe meine Zeit an der Uni geliebt, ich habe den Doktortitel sechs Jahre lang selbst erarbeitet.“ Dass er nun denselben Preis zahlen soll wie ein zu Guttenberg, der auf Kosten der Steuerzahler andere schreiben ließ, ist für ihn inakzeptabel, empörend. Rücktritt komme nicht infrage.
Ob er freilich sein EU-Mandat noch mal wird erringen können, da ist er selbst skeptisch: „Das hängt davon ab, wie viel Wahrhaftigkeit sich in der Debatte durchsetzt.“ Vielleicht muss Chatzimarkakis heute erstmals erfahren, was es heißt, trotz größten eigenen Willens an Leistungs-Grenzen zu stoßen.


 
Hintergrund
Plagiats-Fälle der vergangenen Monate:
Die Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kommt am 16. Februar ins Rollen. Große Teile seiner Doktorarbeit sollen abgeschrieben sein. Zunächst bezeichnet der Verteidigungsminister die Vorwürfe als „abstrus“. Doch auf der Internetseite „GuttenPlag“ werden innerhalb kurzer Zeit hunderte Hinweise auf Plagiate veröffentlicht. Am 23. Februar entzieht die Universität Bayreuth Guttenberg den Titel, am 1. März tritt er als Minister zurück.
Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß verliert am 11. Mai nach Plagiatsvorwürfen ihren Titel. Sie will juristisch gegen die Entscheidung der Universität Konstanz vorgehen.
Die Europa-Politikerin Silvana Koch-Mehrin gerät Mitte April ins Visier der Plagiatsjäger. Wegen der Vorwürfe gibt sie ihre Ämter als FDP-Chefin im Europaparlament und Vizepräsidentin des Europaparlaments auf. Am 15. Mai entzieht ihr die Universität Heidelberg den Doktortitel. red
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