Saarland / Luxemburg: Landesgrenze BAB 8 (D) / A 13 (Lux.), Tunnel Markusbierg in Luxemburg ist wegen Feuerübung bis zum Ende des 21.10.17 gesperrt, Verkehr wird an der AS Schengen abgeleitet. (20.10.2017, 23:07)

Priorität: Normal

11°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
11°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

"Chez Jérôme“ ist Treffpunkt für Saarbrücker Nachtschwärmer

Die Nase vermutet Bäckerei, die Ohren eindeutig Nachtclub. Die Augen bringen belegte Baguette und brummende Musik in Einklang. Die verwirrten Sinne befinden sich im „Chez Jérôme“ in der Mainzerstraße in Saarbrücken. Hinter der Theke steht Inhaber Jérôme Foucat (41). Es ist morgens halb drei. Obwohl es draußen stockfinster ist, trägt er eine Sonnenbrille in den Haaren. „Moin Moin. Hast du geknutscht, du bis ja voller Glitzer“, wirft er einem der Gäste verschmitzt entgegen. Währenddessen koordiniert er die Menschen, die sich vor der Auslage drängen, mit Gesten wie ein Dirigent sein Orchester. Den ein oder anderen Spruch packt er zu Croissants und belegten Baguettes gratis dazu. Eben deshalb verbinden die Gäste mit ihm mehr als nur Essen nach einer durchzechten Nacht: „Wir fühlen uns willkommen“, sagt Tabea (20), die mit ihrer Freundin hier eine lange Nacht zu Ende gehen lässt. „Außerdem gibt es sonst um diese Zeit woanders nur Fastfood, aber nichts Frisches.“ Ihre Freundin Kathy (20) fügt hinzu: „Egal, wo man abends hingeht, irgendwann kommt immer die Frage: Und später Jérôme?“ Das Nachtcafé sei einzigartig. Auch in anderen Städten haben die beiden so etwas nie gesehen.

Jérôme ist gelernter Bäcker und bedient hier seit Jahren ein Publikum, das sonst in den frühen Morgenstunden hungrig an Bahnhöfen und Tankstellen einfällt: Nachtschwärmer, Türsteher oder Taxifahrer. „Jérôme hat sich mit seiner Idee einen Namen gemacht“, fasst es Thomas Laque (36) zusammen, der unter den anderen Gästen in Hemd, Krawatte und Anzughose hervorsticht. Er ist selbst Gastronom, betreibt das Eurohotel in Saarbrücken-Klarenthal und kommt quasi gerade von der Arbeit. Jérôme begrüßt ihn mit einem Handschlag. Laque ist heute Morgen hier, um frische Croissants für seine Hotelgäste zu kaufen. „Ich habe gerade noch Restaurant-Gäste heimgefahren, da war ich in der Nähe.“ So spare er später die Fahrt nach Frankreich und könne ausschlafen.

Ausschlafen – für Jérôme eher ein Fremdwort. Schließlich muss er seine Brötchen auch noch backen, bevor er sie verkaufen kann. „Manchmal arbeite ich 18 Stunden am Stück“, erzählt der Franzose. Drei Stunden Schlaf pro Tag seien keine Seltenheit. Was bei ihm so locker wirkt, ist in Wahrheit ein wahrer Knochenjob. Doch mit seinem Konzept hat er neben dem normalen Tagesgeschäft eine Nische gefunden, die Discounter nicht erreichen.

Denn Backautomaten und Selbstbedienungsbäckereien machen dem Bäckerhandwerk heute das Leben schwer: „Die Lage ist angespannt“, sagt der Vorstand der Bäckerinnung im Saarland, Roland Schäfer. „1980 gab es noch 800 Handwerksbetriebe im Saarland, heute ungefähr noch 170. Materialkosten und Energie werden immer teurer, kleine Betriebe sterben aus. Die Discounter stehlen dem Handwerk zehn bis 15 Prozent Umsatz.“ Die Backwaren, die dort angeboten würden, kämen größtenteils aus Polen oder Tschechien. „Die produzieren so billig, damit können wir nicht konkurrieren“, sagt Schäfer.

Auch Jérôme hat die Konkurrenz im Blick: „Brot verkaufe ich keins. Das gibt's beim Supermarkt um die Ecke.“ Schließlich ist das Café während der Woche auch tagsüber geöffnet, Samstag und Sonntag schließt er um 13 Uhr. Dann verkauft er seine Backwaren hauptsächlich nachts. Doch sein Geschäft lief nicht immer so gut. Vor allem der Anfang sei schwer gewesen, erzählt er. Damals vor fast 15 Jahren fing er mit einer kleinen Bäckerei ein paar Häuser weiter an. „Irgendwann musste ich dann vergrößern.“ Denn bereits damals kannten die Nachtschwärmer seine Adresse und klopften früh morgens an die geschlossenen Türen. Hotelbesitzer Laque erinnert sich: „Schon vor Jahren habe ich dort morgens Weck mit warmem Fleischkäse gegessen.“ Nach sieben Jahren kam dann der Umzug ins Nachtcafé.

Bäckerinnungsmeister Schäfer stellt dem Bäckerhandwerk keine rosige Zukunft in Aussicht: „In 20 Jahren wird es im Saarland vermutlich nur noch rund 50 Betriebe geben.“ In diesem Zusammenhang kritisiert er vor allem das Konsumverhalten der Menschen, denn für Salat und Brot wolle niemand viel ausgeben, doch in manche Autos kippe man massenweise teures Benzin. Trotz allem hat Jérôme es bisher geschafft, sich zu behaupten und zu vergrößern, so dass er Anfang nächsten Jahres sein 15-jähriges Jubiläum feiern kann.

Der Eingang neben der Theke ist mittlerweile verstopft. Jérôme dreht Hip-Hop-Klänge und elektronische Melodien noch lauter. Vier Uhr. Im hinteren Teil des Cafés stehen ein paar Stehtische in dämmriger Atmosphäre. Obwohl es dort eher wie in einer Kneipe anmutet, gibt es zu dieser Stunde keinen Alkohol mehr. „Nur bis zwei Uhr. Dann ist Schluss“, erklärt Jérômes Mutter Marie Foucat. Da macht sie auch keine Ausnahme mehr. Dann gibt's nur noch Kaffee und Nichtalkoholisches. Deshalb seien Streithähne auch eher die Ausnahme. Wie Jérômes Schwester steht ihm auch seine Mutter im Laden zur Seite.

Je später die Nacht, desto klarer wird, wer noch vom Konzept des französischen Bäckers profitiert: Ein paar Taxifahrer lauern auf der anderen Straßenseite in den frühen Morgenstunden auf müde, satte Kundschaft, die nur noch ins Bett will. „Es ist bequem“, sagt einer der Fahrer durch die runtergelassene Scheibe. Als ein weiteres Taxi hält, steigen ein paar junge Leuten aus. Der Taxifahrer folgt ihnen. „Du hast wohl auch noch Hunger?“, ruft ihm einer aus der Gruppe zu. „Ich hätte eben beinahe gejubelt, als ich gehört habe, wo es hingeht“, antwortet Taxifahrer Stefan (53) aus Saarbrücken.

Während Jérôme auch noch um fünf Uhr voller Energie seine Kundschaft unterhält, genießt Musa (26) aus Dudweiler kauend sein Baguette. „Das ist immer die letzte Station vorm Nachhausegehen.“ Und wenn er dann erst früh morgens zurückkommt und den ganzen Tag verschläft, wird es ihm seine Freundin noch nicht mal übelnehmen. Denn sie findet dann wenigstens Jérômes frische Croissants auf dem Küchentisch.



Hintergrund


Die Zahl der Handwerksbäckereien im alten Bundesgebiet ist nach Informationen des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks in den letzten 60 Jahren von rund 55 000 auf 13 666 gesunken (Stand: Dezember 2012). Bei sinkender Zahl der Betriebe und nahezu unveränderter Zahl der Verkaufsstellen erhöhte sich die Zahl der Filialen pro Betrieb. Konsequenterweise stieg dadurch die Betriebsgröße. Die durchschnittliche Mitarbeiteranzahl liegt mittlerweile bei 21,2.Der Brotverbrauch der Deutschen ist vergangenen Jahr etwas zurückgegangen. Die Abnahme von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr lässt sich mit den Preiserhöhungen und dem demographischen Wandel erklären. Sinkt die Zahl der Konsumenten, hat das auch Auswirkungen auf den Umsatz. nkl
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein