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Chillen und Schmökern - mitten auf dem Saarbrücker St. Johanner Markt

Für Sebastian Mettler gehören die Saarbrücker auf die Couch. Sie müssen therapiert werden. Dabei ist der Tiroler kein Psychotherapeut, sondern Unternehmensberater. Mettler entwickelt in seiner Firma Innovationswerkstatt Produkte und spürt Trends nach. Ein Trend, den er ausgemacht hat, ist Lesen. Sebastian Mettler glaubt, dass die Menschen bald immer weniger Erfüllung im Internet finden werden und sich wieder den reellen Dingen zuwenden. Lesen als Retro-Trend quasi. Die Menschen würden nicht mehr hetzen wollen, sondern Ruhe und Muße suchen. Dabei will Mettler ihnen mit Büchern helfen.

Eines seiner Konzepte ist das sogenannte „Stadtlesen“. Hierzu karrt er Sessel, Hängematten und Bücherschränke in die Innenstädte und animiert Passanten, in einem der dreitausend mitgebrachten Bücher zu schmökern. Am Abend lesen dann Autoren aus ihren Werken. In 134 Städten in Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien war Mettler in den vergangenen sechs Jahren mit seinem Projekt unterwegs. In Saarbrücken ist er jetzt das dritte Mal. Sebastian Mettler betreibt in seinem Unternehmen in Salzburg auch Forschung. Die Erfahrungen aus Studien hätten ihm gezeigt, dass es vielen Menschen heute nicht mehr möglich sei, in Phantasiewelten einzutauchen. „Wir leben in einer Welt der schnellen Schnitte – und haben diese in weiten Teilen konditioniert“, bilanziert Mettler.

Das führe zu Konzentrationsdefiziten, zu Nervosität, zu Burnout. „Ein Buch zu lesen bedingt, sich über einen längeren Zeitraum auf ein Medium zu konzentrieren – anders funktioniert es nicht. Das wiederum bringt Ruhe und ein Spiel der Kreativität in den Geist. Das logische Ergebnis: Buchlesende Menschen sind kreativere Menschen, buchlesende Menschen sind glücklichere Menschen“, sagt der Unternehmensberater. Nun steckt hinter seinem Leseprojekt nicht nur selbstloses Handeln. Der Firmenchef verdient mit seinem Projekt Geld. Das versucht der 58-Jährige gar nicht zu verheimlichen. Sein Projekt wird unterstützt von einem großen Netzwerk aus Unternehmen und Städten. „Große Unternehmen wie Mercedes Benz haben verstanden, dass Mitarbeiter, die nicht lesen, irgendwann auch schlechter schreiben, weniger aufmerksam und kreativ sind“, sagt Mettler.

Daher haben Unternehmen ein rein ökonomisches Interesse, dass die Menschen wieder mehr lesen. „Menschen, die auf Dauer der Schnellschnittigkeit frönen, verkümmern zu kognitiven Analphabeten. Wenn ein Konzernchef nicht mehr in der Lage ist, sich länger als zwei Buchseiten zu konzentrieren, wird er nicht in der Lage sein, seine eigene Bilanz zu lesen“, sagt Mettler. Die Bücher werden kostenlos von Verlagen bereitgestellt. Die haben wiederum das Interesse, dass Passanten beim Schmökern auf den Geschmack kommen und dann Bücher kaufen.

Und wie viele Bücher fehlen nach so einer Veranstaltung? „Zu Beginn haben mich Freunde gewarnt, dass ich schnell ohne Bücher dastehen werde. Aber tatsächlich fehlen nur zwei bis drei Prozent des Bestandes. Ich bin halt ein Tiroler Bub und glaube an die Ehrlichkeit der Menschen“, sagt Sebastian Mettler. Wer nach dem Schmökern sein Buch nicht mehr aus der Hand geben mag, der könne es gegen eine Pauschale mitnehmen. Der Erlös kommt der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, zugute.

Die Leseecke mitten in Saarbrücken gibt es noch bis kommenden Sonntag, täglich von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit.

AUF EINEN BLICK

Freitag: Führung durch die Stadtbibliothek. Wie suche ich nach Medien? Wo finde ich was? Wie leihe ich aus? Und wie geht das eigentlich mit dem Rückgabeautomaten? Treffpunkt ist um 16 Uhr an der Info im Erdgeschoss. Barbara Salesch, bekannt als TV-Richterin, erzählt ab 20 Uhr in einer Lesung aus ihrem Buch „Ich liebe die Anfänge!“, wie sie ihre Fernsehkarriere beendet und einen Neuanfang als Kunststudentin gewagt hat.

Samstag: Christian Bauer lässt ab 18 Uhr in „Zwei dicke Möpse“ seinen Kommissar Robert Simarek in der Saarbrücker Theaterszene ermitteln.

Sonntag: Der Blattlaus-Verlag präsentiert live ab 18 Uhr seine „Big-Trouble“-Trilogie mit Geschichten aus dem Nauwieser Viertel. Es lesen die Autoren Bernd Rausch, Joachim Puma Schmitt und Ruth Santos. fab

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