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Cyber-Mobbing: So kann man sich schützen

Saarbrücken. Ariane Friedrich ist der Kragen geplatzt. Mehrfach schon sei sie im Internet Opfer sexueller Belästigungen geworden. Vor wenigen Wochen wehrte sich die 28-jährige deutsche Rekordhalterin im Hochsprung, indem sie auf ihrer Facebook-Fanseite den vollständigen Namen und den Wohnort eines mutmaßlichen Belästigers nannte. Der Mann habe ihr per E-Mail im Anhang ein Foto seines Geschlechtsteils geschickt. Das Foto habe sie jedoch nicht geöffnet, erklärt Friedrich, die von Beruf Polizeikommissarin ist.

Solche Web-Attacken seien ein Massenphänomen, sagt Veit Schiemann von der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“. Betroffen seien nicht nur Prominente, sondern auch Schüler und Erwachsene: „Studien belegen, dass Belästigungen dieser Art in der digitalen Kommunikation bei den unter 29-Jährigen schon jedem, Frauen wie Männern, passiert sind.“ Die Kölner Psychologin Catarina Katzer, die auch Vorsitzende des „Bündnisses gegen Cybermobbing e.V.“ ist, geht bei Jugendlichen bis 18 Jahren von einem Drittel aus, das Opfer von Cybermobbing wurde, also im Internet verunglimpft und beleidigt wurde.

Beide haben Verständnis für die Reaktion von Ariane Friedrich. Allerdings seien die durch die Gegenwehr eingetreten Folgen höchst problematisch, meint Schiemann: „In dem von ihr genannten Ort soll es mindestens zwei Männer mit diesem Namen geben, wenigstens einer wurde verunglimpft.“

Durfte Ariane Friedrich sich gegen Webattacken zur Wehr setzen, indem sie den Namen und Adresse des Stalkers veröffentlichte? Diese Frage wird unter Juristen sehr kontrovers diskutiert, erklärt der Saarbrücker Fachanwalt für Internetrecht Wolfgang Kuntz. Denn hier gehe es nicht nur um eine komplizierte Abwägung des Rechts auf Meinungsfreiheit gegenüber dem individuellen Persönlichkeitsrecht. Der Fall sei auch deshalb extrem kompliziert, da es bei der Bloßstellung eines angeblichen Täters ohne weitere Prüfung nicht klar sein könne, ob dessen Name und Adresse echt sind. Möglicherweise habe der Mann die Identität einer anderen Person angenommen – es könnten sich wegen einer zufälligen Namensgleichheit aber auch andere, völlig unschuldige Personen an den Pranger gestellt fühlen, so Kuntz. Und schließlich sei es problematisch, wenn künftig diese Form der Selbstjustiz massenhaft im Internet praktiziert werde.

Wie sich Opfer am besten verhalten sollen, da gehen die Meinungen der Experten auseinander: „Auf solche Mails zu antworten bringt nichts, denn das ist genau, was der Absender beabsichtigt“, rät Schiemann von Gegenattacken ab. Die beste Reaktion sei es, Kommunikation dieser Art zu ignorieren, ungelesen zu löschen oder aber die Beweise zu dokumentieren und anzuzeigen. „Selbst wenn die E-Mail anonym kommt, haben die Ermittlungsbehörden Ansatzpunkte zur Strafverfolgung.“

Nichts zu tun, sei für viele unbefriedigend, findet hingegen Catarina Katzer, die auch zur Anzeige rät: „Den Tätern müssen klare Grenzen gesetzt werden und gesagt werden: ‚Das will ich nicht!'.“ Angegriffene sollten sich aktiv wehren und auch nach Verbündeten in den Netzwerken suchen. Dabei spiele natürlich auch die Persönlichkeit des Opfers eine Rolle. Manche seien stark und könnten sich wehren, doch viele sprächen aus Scham mit niemandem über das Thema. Das betreffe Erwachsene genauso wie Jugendliche. „Wir gehen davon aus, dass 20 Prozent der Betroffenen psychisch dauerhaft extrem belastet sind. Viele leiden unter Angstzuständen, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück und ihre Leistung im Beruf und in der Schule fällt ab.“ Manche verarbeiteten das Geschehene auch nie, besonders dann, wenn sie bereits in der Vergangenheit Opfer geworden seien, sagt Schiemann.

Einen eigenen Straftatbestand „Cybermobbing“ gibt es in Deutschland noch nicht. Hier müssten die Juristen vorankommen, finden Schiemann und Katzer. Oftmals wüssten Polizei und Anwälte bei Vorfällen im Internet nicht, ab wann eine Straftat vorliegt.

Cybermobbing gehe von Männern und Frauen etwa zu gleichen Teilen aus, wobei in den Fällen sexueller Belästigung die Männer die Überhand hätten – allerdings seien die Frauen am Aufholen.

„Prominente sind nicht auf Facebook und soziale Netzwerke angewiesen, sie können auch über eine eigene Homepage Kontakt mit Fans halten, bei Schülern sieht das anders aus“, sagt Catarina Katzer, „sie laufen Gefahr, sich zu einem Außenseiter zu machen, wenn sie kein Profil haben.“

Ariane Friedrich hat aus dem Rummel um ihre Reaktion die Konsequenz gezogen und ihre Fanseite bei Facebook abgeschaltet.
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