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Darum verliert der Weckmann seine Pfeife


Von Johannes Kloth (SZ)

Saarbrücken. Der Stein des Anstoßes ist aus Ton und misst nur wenige Zentimeter. Lange Zeit war die kleine Pfeife im Mundwinkel des Weckmanns fester Bestandteil des bekannten Adventsgebäcks. Weil sie Kinder zum Rauchen animieren könne, fordern jedoch neuerdings immer mehr Eltern und Kindergärten von den Bäckereien Weckmänner ohne Pfeife. In vielen Backstuben hat man reagiert und verzichtet auf das Qualm-Utensil.

Was es mit dem Ton-Utensil auf sich hat...

Doch was hat es mit der Pfeife eigentlich auf sich? Es lohnt ein Blick in die Heimatgeschichte. Eine gängige These behauptet, der Weckmann, der in Westfalen übrigens „Stutenkerl“, im westlichen Ruhrgebiet „Puhmann“ und in Lothringen „Jean Bonhomme“ heißt, verkörpere den Heiligen Nikolaus. Die Pfeife habe sich während der Reformation durchgesetzt und sei eine verweltlichte Darstellung des Bischof-Stabes.

Dem widerspricht jedoch der saarländische Volkskundler Gunter Altenkirch. Er zeichnet für die hier ansässigen Volksstämme der Moselfranken und Rheinfranken eine ganz andere Geschichte: Der Weckmann, der in der Tradition figürlicher Darstellungen von Opfergaben, sogenannten „Gebildbroten“ , steht, tauchte in der heutigen Form erstmals im späten 19. Jahrhundert auf. Er entstand in den protestantischen Dörfern der Hinterpfalz als Reaktion auf das katholische Gebildbrot des „Heiligen Nikolaus“, dessen Merkmal ein eingeritzter Krummstab war. Dem protestantischen Weckmann hingegen wurde ein Tabakpfeifchen aus Ton verpasst. Allerdings nur der männlichen Ausführung. Mädchen erhielten das Gebäck ohne Rauch-Objekt. Denn Buben, so berichtet Altenkrich, erhielten in früheren Tagen im Jahr ihrer Schulentlassung zu Neujahr von den Paten eine Tonpfeife, den so genannten Sauzahn. Sie gingen anschließend in eine Handwerkerlehre oder in die väterliche Landwirtschaft und galten als junge Männer. Dieser Brauch mischte sich mit dem Weckmannbrauch. Heraus kam der Weckmann mit Pfeife. Im Laufe der Zeit verlor sich freilich die Geschlechtertrennung. Das Männlichkeitssymbol wandelte sich in ein Spielzeug, das sich wunderbar zum Seifenblasen-Pusten eignete.



...und warum es aus der Bäckerei verschwindet

Nun also hat der Pfeife das letzte Stündlein geschlagen. Der Untergang eines Kulturguts? Im Kulturministerium will man sich mit so einer vermeintlich banalen Frage nicht beschäftigen. Man kenne die Geschichte des Weckmanns nicht, rate zu Gelassenheit und überlasse es den Bäckern, wie sie ihre Produkte anbieten wollen, heißt es süffisant aus dem Ministerium. Die Bäcker wiederum wollen sich dem Kundenwunsch beugen. Das sagt der Landesinnungsmeister der Bäcker, Roland Schaefer. Zumal der Verzicht auf die Pfeife die Produktion billiger mache. Doch wer außer Sigmund Freud auf die Idee kommen könne, dass eine kleine Tonpfeife sein Kind später zum Rauchen animiere, das sei ihm ein Rätsel, so der Innungsmeister.

Meinung: Ein Abschied von der Kindheit

Von Dietmar Klostermann (SZ)

Zwar ziert sich Kulturminister Karl Rauber, dem Weckmann die Pfeife zu retten. Doch auch Rauber muss der Verlust dieses fast 150-jährigen Kulturgutes wehmütig stimmen: Er war selbst einmal ein Junge, der mutmaßlich in der Adventszeit Weckmänner verputzte, um dann mit deren weißen Pfeifchen allerhand Unfug anzustellen. Weckmänner ohne Pfeifen wirken deshalb auf uns Ältere amputiert, es ist wieder ein Stück Abschied von der Kindheit. Doch Traditionen zerbröseln, weil neue Erkenntnisse reifen. Negerküsse gibt es darum in den Bäckereien zum Glück längst nicht mehr. Und wenn die Kinder von heute später ans Rauchen denken, ist es gut so. Nur: Der alte Onkel Helmut Schmidt, der bei „Beckmann“ so ungeniert qualmt, muss nun auch die Zigarette ausmachen.
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