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„Das Haus steht noch, wir leben“

Aufräumarbeiten in vollem Gang: Mit Baggern wird in Dirmingen den Schlamm- und Geröllmassen zu Leibe gerückt. Fotos: Becker&Bredel

Aufräumarbeiten in vollem Gang: Mit Baggern wird in Dirmingen den Schlamm- und Geröllmassen zu Leibe gerückt. Fotos: Becker&Bredel

"Nein, bitte sprechen Sie mich nicht an.“ Die Frau mit dem kurzen dunklen Haarschopf, die sich gerade am Kofferraum ihres Autos zu schaffen macht, schüttelt energisch den Kopf und hebt abweisend den rechten Arm. „Glauben Sie mir, ich hab jetzt genug mit mir selbst und der Situation zu tun“, sagt sie. Man kann ihr ansehen, dass die Nerven bloß liegen. Hier, am steilen Hang der engen Thalexweiler Straße in Dirmingen, hat das Unwetter am Dienstag mit seinen Wasser- und Schlammlawinen die wüstesten Spuren hinterlassen. Fünf Häuser sind einsturzgefährdet, ihre Fundamente zum Teil unterspült. Sie wurden sicherheitshalber evakuiert, die geschockten Bewohner kamen vorerst bei Kindern und Verwandten unter.

An diesem Mittwochmittag stehen einige von ihnen wie paralysiert vor ihren Anwesen, lassen sich von Gutachtern die Lage erklären. Über mangelnde Anteilnahme können sie sich nicht beklagen, auch der saarländische Umweltstaatssekretär Roland Krämer analysiert mit Gefolge die Lage vor Ort. Kein Durchkommen mehr in dem Sträßchen, das Feuerwehr-, Gemeinde- und Reinigungs- und andere Fahrzeuge beinahe vollständig versperren. Sandsäcke werden aufgetürmt, Geröll weggeschaufelt, Teppiche aus Wohnungen geräumt – während es weiter Bindfäden regnet. Der Wetterbericht hat für den Tag noch keine Entspannung vorausgesagt.

In Susanne Gieses Gemüsebeet sprießen frische hellgrüne Pflänzchen im schwarzen, wasserdurchtränkten Boden. Dahinter zeugen breite rotbraune Furchen, die sich durch Wiesengrün in die Tiefe schlängeln, von frisch abgetragener Erde, die der kleine braun-aufgewühlte Mühlbach nun mit sich reißt. „Der Salat hat's überstanden“, seufzt die 52-Jährige, die noch nicht weiß, wann oder ob überhaupt sie ihr Haus wieder beziehen kann. Wie viele Dirminger übt sich Giese ein wenig in Galgenhumor – doch auch ihr steht Beklommenheit ins Gesicht geschrieben, als sie auf das rechte Nachbarhaus zeigt, das am stärksten einsturzgefährdet und dessen Bewohnerin erst vor wenigen Wochen eingezogen ist. „Wenn das zusammenbricht, gibt es auch für unseres kein Halten mehr“, sagt sie bange. Gieses Nachbarin zur Linken merkt man die Strapazen noch deutlicher an: Zitternd und mit heiserer Stimme schildert die 83-Jährige, dass sie es nur mit Mühe schaffte, sich aus den überfluteten unteren Räumen ihres Hauses zu befreien.

 

Bis zur Thalexweiler Straße schafft es Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer an diesem Tag nicht, wohl aber hat sie wichtige Termine an diesem Mittwoch für einen Ortstermin in Dirmingen abgesagt. Mit Gummistiefeln und im grau karierten Regenmantel bahnt sie sich zusammen mit Eppelborns Bürgermeisterin Birgit Müller-Closset und Dirmingens Ortsvorsteher Manfred Klein einen Weg durch steinig-schlammiges Gelände und spendet Betroffenen Trost. Am Wochenende werde sie mit den Bürgermeistern der von den Hochwasserschäden besonders betroffenen Gemeinden beraten, welche Hilfen nötig seien, sagt sie. Finanzielle Versprechungen will sie freilich noch nicht geben. Allerdings, so erklärt sie, verfüge das Land unter anderem über einen Nothilfefonds für Großschäden. Warum aber hat es einzelne Gemeinden wie Dirmingen so stark getroffen? „Das hat wohl geomorphologische Gründe – die vielen Hügel“, vermutet Bürgermeisterin Müller-Closset. Die genauen Umstände sollen jetzt vom saarländischen Umweltministerium geklärt werden.

 

Hinter der kleinen Brücke, die Kramp-Karrenbauer überquert, sind die Aufräumarbeiten schon in vollem Gange. Geröllwälle sind am Straßenrand aufgeschichtet – abgerissene Äste, Wurzeln, halbe Baum stämme an Wegesrändern warten noch auf Beseitigung. Gleichzeitig werden Dämme aus Sandsäcken gebaut, aus Kellern und Garagen wird Wasser gepumpt. Rund 160 Mitarbeiter des Gemeindebauhofs und der Feuerwehr, teilweise auch aus Nachbarbemeinden, sind im Einsatz, wie Gemeinde-Feuerwehrsprecher Frank Recktenwald sagt.

 

Auch hier in der Böllinger- und Urexweilerstraße hat es mehrere Anwohner heftig gebeutelt. Gabi Schneider (52) musste ihre 78-jährige Mutter aus der Parterre-Wohnung retten: Die ältere Frau kann sich nur mit Mühe von dem Schock erholen. Seit den frühen Morgenstunden ist Schneider zusammen mit Söhnen und Verwandten auf den Beinen, um aufzuräumen und zu putzen. Inzwischen sieht es schon wieder weitgehend proper aus. Immerhin: Es wird gelacht, die Stimmung scheint sich aufzuhellen. Ähnlich auch bei der Familie gegenüber: Marlene Ramosajs Auto wurde von den braunen Fluten, die vom Hügel hinabschossen, mitgerissen und zerstört. Trotz des Hochwassers „haben wir noch Glück gehabt. Das Haus steht noch, wir leben“, sagt die 64-Jährige. „Das ist das Wichtigste.“
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