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Das unerhörte Superhirn: Saarbrücker kennt Lebensdaten von 800 Komponisten

Hadschi Halef Omar ist das geringste Problem. Um genau zu sein: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Den Namen der literarischen Figur in Abenteuerromanen von Karl May kann Jürgen Britz wie viele aus seiner Generation aus dem Effeff aufsagen. Aber eben nicht nur das. Hinzu kommen die Geburts- und Todesjahre von 800 Komponisten . Fragt man den 74-Jährigen nach den Lebensdaten von – sagen wir – dem eher unbekannten Schweizer Komponisten Ludwig Senfl, dann schießt es regelrecht aus ihm hervor: „1490 bis 1543.“

Überhaupt spricht Britz ungewöhnlich schnell. Man hat den Eindruck, in ihm brodelt es, und sobald er den Mund öffnet, schießen ihm seine Gedanken über die Lippen, so viele, dass er sich beeilen muss, um sie alle ans Licht lassen zu können. Britz nennt das „nervös sein“. Er sagt: „Ich war schon als Kind nervös.“

Dass er sich so viele Daten merken kann, „das ist Weltrekord“, ist sich Britz sicher. Vor ein paar Jahren ist er deshalb mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Weltmeister“ durch die Stadt gelaufen. „Bei Karstadt haben da auf der Rolltreppe zwei Jungen mein T-Shirt gemustert und ich hörte, wie sie tuschelten: Wenn die Leute graue Haare kriegen, werden die verrückt“, erzählt Britz. Er findet das lustig. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Der Clou – das Wort mag Britz – ist für ihn dabei: „Ich bin solange Weltmeister, bis mich jemand deplaziert. Aber es versucht ja keiner“, sagt er. Zigmal hat er Passanten in der Saarbrücker Fußgängerzone angeboten, für Geld gegen sie anzutreten. Aber niemand habe sich darauf eingelassen.

Mehr als zehn Mal hat sich der gebürtige Ludwigshafener mit dem Talent, die Lebensdaten von 800 Komponisten zu kennen, bei der Fernsehsendung „Wetten, dass…?“ beworben. Doch es kamen immer wieder Absagen. Begründung: Man habe bereits einen Kandidaten gehabt, der die Geburtstage von über 500 Einwohnern eines Ortes auswendig gekannt habe. Und eine gleiche Wette wiederhole man nicht. Britz versteht die Argumentation bis heute nicht. „Ich kann doch noch viel mehr Daten und aus mehreren Jahrhunderten“, sagt er. Das hat er auch dem ZDF geschrieben. Zudem sammelte er in Saarbrücken unzählige Unterstützer-Unterschriften, bat selbst Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz und den verstorbenen SR-Intendanten Fritz Raff um Mithilfe. Auch bewarb er sich bei dem Quiz mit Jörg Pilawa . Alles vergeblich. 2006 bat ihn das ZDF schließlich, keine Bewerbungen mehr zu schicken und die Absage „nunmehr akzeptieren zu können“. Seither bemüht sich Britz nicht mehr. Wenn er davon erzählt, klingt das ein wenig wie Aufgeben. Aber geschlagen sieht Britz nicht aus. Überhaupt nicht.

Angefangen hatte alles mit dem Tod seiner Mutter 1996. Ihm sei so traurig ums Herz gewesen, dass er Händels „Largo“ gehört habe. Und darüber plötzlich seine Begeisterung für klassische Musik entdeckte. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil er in den 60er Jahren als „Elvis von der Saar“ bekannt war, fast das gesamte Elvis-Repertoire drauf hatte, und als Sänger bei den „Thunderbirds“ auftrat. Dann plötzlich der Schwenk zur Klassik. Je mehr klassische Platten und CD's er kaufte, desto mehr Lebensdaten von Komponisten lernte er nebenbei auswendig. Bis er eines Tages beschloss: Ich trete damit im Fernsehen auf. Sein Motiv: „Ich wollte beweisen, was ich kann. Und natürlich wollte ich das Preisgeld haben“, sagt Britz.

Weshalb sein Gedächtnis offenbar überdurchschnittlich gut ist, kann sich der ehemalige Handelsvertreter nicht erklären. „Ich kann mir Dinge einfach gut merken“, sagt er. Immer? „Naja“, sagt Britz und schmunzelt, „manchmal vergesse ich auch, wo der Haustürschlüssel liegt“.


Wie ein gutes Gedächtnis funktioniert


Verknüpfung heißt das Zauberwort für ein gutes Gedächtnis. Und das gilt nicht nur für die Verbindungen in unserem Gehirn, sondern auch für Strate- gien für ein besseres Gedächtnis, erklärt ein Experte.

Manche Menschen haben ein besseres Gedächtnis als andere. Über die Ursachen dieser Leistungsunterschiede wissen Neurowissenschaftler bis heute nur wenig. Vermutet wird, dass Verbindungen zwischen Gehirnarealen eine wichtige Rolle spielen. Entscheidend ist neuesten Forschungsergebnissen zufolge offenbar unter anderem die Verbindung zwischen Vorderhirn und Schläfenlappen. Je stärker diese Verbindung ist, desto besser lassen sich Erinnerungen abrufen. Zudem komme es darauf an, wie stark die Zellen im so genannten Hippocampus (Teil der Schläfenlappen und wichtiger Gedächtnisspeicher) untereinander verknüpft sind, erklärt Professor Thomas Wolbers vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg. Je besser diese Zellen miteinander verknüpft sind, desto besser lassen sich hier Erinnerungen einlagern.

Menschen, die ein gutes Gedächtnis haben, verdankten dies in der Regel zwei Faktoren: der genetischen Konstitution sowie einer bestimmten Strategie, mit deren Hilfe sie sich Dinge besser merken können, erklärt Wolbers. Eine solche Strategie ist etwa die Loci-Technik. Dabei werden Lerninhalte in eine fiktive Struktur „eingeordnet“ beziehungsweise mit Hilfe dieser Struktur auch miteinander verknüpft. Diese Struktur kann ein bekannter Weg sein oder ein realer oder fiktiver Raum. Beim Abschreiten des Wegs oder Raums können die Lerninhalte dann im Gedächtnis einfacher abgerufen werden.

Ob sich die Gedächtnisleistung eines Menschen durch kognitives Training verbessern lässt, ist ungewiss. Tierversuche hätten zwar bewiesen, dass körperliche und geistige Aktivität einen positiven Einfluss darauf hätten. Beim Menschen sei dieser Nachweis aber schon aus methodischen Gründen bislang schwer zu führen, so Wolbers.

 
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