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Der Campus bröckelt: Marode Gebäude an der Saar-Universität

Vor dem Gebäude C5.3 der Saar-Uni steht seit Monaten ein Bauzaun. Er soll Passanten vor bröckelndem Putz schützen. Die Balkons sind mit Netzen abgehängt: Betreten verboten, auch sie könnten bröckeln. Gleich nebenan, im Gebäude C5.2, schimmelt das Treppenhaus.

Über die Hälfte der Gebäude der Saar-Uni stammt aus den 1960er und 1970er Jahren. Viele von ihnen wurden damals in Windeseile hochgezogen, um den steigenden Studentenzahlen Herr zu werden. Seitdem sei in den meisten so gut wie nichts mehr passiert, sagt Unipräsident Volker Linneweber . Und so sind auch die Brandschutz- und Sicherheitsstandards der Gebäude oft über 30 Jahre alt.

Was hier bröckelt, schimmelt und tropft lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Auf 320 Millionen Euro bezifferte der Landesrechnungshof in seinem Bericht aus dem Jahr 2010 den Sanierungsstau an der Saar-Uni. „Man kann davon ausgehen, dass es in den letzten Jahren nicht weniger geworden ist“, sagt Linneweber. Die lange Liste der sanierungsbedürftigen Gebäude lässt sich mit dem, was die Uni zur Verfügung hat, nur im Schneckentempo abbauen, sagt der Unipräsident. Auf der Prioritätenliste stünden etwa 30 Baustellen, häufig gelinge es jedoch nicht einmal, die absoluten Notfälle anzupacken.
 

Teure Eiszeit

Ein solcher Notfall war das Gebäude C 4.1 der Anorganischen Chemie. Vor vier Jahren mussten Studenten und Wissenschaftler es nach den Winterferien kurzfristig räumen, weil es von innen vereist war. Für die komplette Sanierung des achtstöckigen Gebäudes reichte das Geld nicht, daher einigten sich Uni und Landesregierung auf einen Kompromiss: Zwei Stockwerke des entkernten Gebäudes ließ man im Rohzustand, damit die Forscher, die derzeit provisorisch in ehemaligen Wohnungen in Dudweiler untergebracht sind, trotz klammer Kassen möglichst bald wieder in ihre Räume zurückkehren können. „Da ist alles abgeklebt“, berichtet Chemie-Professor Guido Kickelbick. „Es eignet sich bestimmt super zum Fußball spielen.“

Auch der Stromausfall an der Uni im vergangenen August sei dem Sanierungsstau geschuldet gewesen, sagt Uni-Sprecherin Friederike Meyer zu Tittingdorf. „Seit Jahren stehen die maroden Leitungen ganz oben auf unserer Prioritätenliste“, sagt Linneweber. Deren Reparatur sei aber wegen dringender Notfälle immer wieder zurückgestellt worden. Wegen eines Defekts in einem Hauptkabel gingen der Uni wichtige Forschungsdaten verloren, Wissenschaftler konnten tagelang nicht arbeiten. Allein der Materialschaden belief sich auf 140 000 Euro.

Wer über den Campus schlendert, dem bietet sich ein höchst widersprüchliches Bild. Während an den Gebäuden der Philosophischen Fakultät der Putz bröckelt, wird ein paar Meter weiter fleißig gebaut. Gerade erst wurde das Richtfest für das Forschungsgebäude des Zentrums für IT-Sicherheit (Cispa) gefeiert. Und auf dem Campus in Homburg wurde vor sechs Wochen das neue Gebäude der Physiologie und Biophysik eingeweiht: Lichte Neubauten mit Glasfassaden, zwölf und 36 Millionen Euro teuer. „Politiker wollen Bänder durchschneiden“, versucht der Unipräsident das Missverhältnis zu erklären. Während Neubauten häufig durch Drittmittel, etwa vom Bund oder der Europäischen Union, gefördert werden, fehlt für Sanierungen das Geld.

Statistisch geht man davon aus, dass jährlich drei Prozent des Neuwertes eines Gebäudes in seine Instandhaltung gesteckt werden müssen. Die Saar-Uni beziffert den Neuwert ihrer Gebäude auf 1,1 Milliarden Euro, für Sanierungen benötigt sie demzufolge jährlich 33 Millionen Euro . Doch was die Uni zur Verfügung hat, sei „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Meike Kunert von der Bau- und Raumplanung der Uni. 3,5 Millionen Euro jährlich fließen für bauliche Investitionen direkt in den Globalhaushalt, dazu sollen laut Finanzministerium jährlich etwa 26 Millionen Euro aus dem Landesbauhaushalt kommen – für Sanierungen, Straßen und Neubauten.
 

47 Prozent unter dem Bedarf

Doch tatsächlich komme am Ende deutlich weniger bei der Uni an, als vorgesehen, beklagt Uni-Vizepräsident Roland Rolles. Zwischen 2010 und 2013 wurden nur etwa 15 Millionen Euro jährlich ausgegeben, sagt Rolles. Dieses Problem sei der Tatsache geschuldet, dass die Universität zwar der Eigentümer der Gebäude ist, der Bauherr jedoch ist das Land. „Dadurch sind einfach zu viele Akteure beteiligt“, sagt Uni-Vizepräsident Rolles. „Wenn nur ein Bauprojekt sich verzögert, kann das bedeuten, dass Millionen Euro in einem bestimmten Jahr nicht ausgegeben werden.“

Laut einer Studie des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung liegen die Hochschulen im Saarland 47 Prozent unter ihrem eigentlichen Bau- und Instandsetzungsbedarf – im bundesweiten Durchschnitt beträgt diese Unterfinanzierung 38 Prozent. „Das ist höchst problematisch“, so Uni-Vizepräsident Roland Rolles. „Daher muss es Ziel im Saarland sein, dass zumindest die veranschlagten Mittel auch in voller Höhe abfließen.“

Das Land allein könne das Problem des Sanierungsstaus jedoch gar nicht schultern, sagt Volker Linneweber . Der Unipräsident sieht den Bund in der Verantwortung. „Der Bund hat jahrzehntelang den Hochschulbau gefördert. Wenn er hohe Studentenzahlen fordert, muss er auch für die Sanierung der Gebäude einspringen.“
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