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Der Mann, der in der Kälte bleibt

Saarbrücken. Peter (Name geändert) ist recht zufrieden mit seinem Leben. Dabei hätte er allen Grund, es gerade jetzt nicht zu sein. Der Mittdreißiger ist einer von einer Handvoll Obdachlosen in Saarbrücken und übernachtet draußen. Und das bei Temperaturen, die gewöhnliche Menschen bereits am helllichten Tag bis ins Mark frieren lassen.

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Wie viele Menschen in Saarbrücken keine Wohnung haben, kann niemand genau sagen. „Von zehn, 15 Leuten wissen wir, dass sie draußen übernachten“, sagt Martin Kunz, Sozialarbeiter beim Diakonischen Zentrum in der Evangelisch-Kirch-Straße. Er schätzt, dass die Dunkelziffer etwa um das Doppelte darüber liegt. Bei solchen extremen Temperaturen, wie sie derzeit herrschen, helfen verschiedene Saarbrücker Einrichtungen den Bedürftigen. Sie bieten beispielsweise Übernachtungsmöglichkeiten und geben Schlafsäcke aus, die gegen extrem niedrige Temperaturen schützen. Einen solchen hat auch Martin Kunz dem obdachlosen Peter gegeben. Das Problem sei, dass Leute, die auf der Straße leben, die Kälte oft nicht so extrem empfinden wie Leute mit einem Dach über dem Kopf, weiß der Sozialarbeiter aus Erfahrung.

„Es sind ja nur fünf Grad weniger als gestern“, hört er oft als Argument.

Die Grenze sei eben fließend. Auch für Peter, der seit gut anderthalb Jahren auf der Straße lebt, sind die Temperaturen kein Hindernis. „Im Moment geht's noch“, stellt er fest. „Der erste Winter war unangenehm. Da hatte ich gar nix“, erinnert er sich. Heute hängt an seinem Rucksack eine silbrig glänzende Isomatte. Wenn es nachts zu kalt wird, legt er sich trotzdem lieber auf Pappe. „Ich hab' Karton lieber. Der isoliert besser als die Isomatte. Pappe ist heutzutage das reinste Hightech-Produkt.“ Angst, dass er die Kälte nicht unbeschadet überstehen könnte, hat er nicht. „Manchmal spüre ich, wie die Hände kalt werden“, sagt er. Wird es ihm nachts zu kalt, wird er meist wach. Dann zieht er sich mehr Kleidung an.

Das kann gefährlich werden, weiß Martin Kunz. Er hat schon Obdachlose gesehen, denen die Füße abgefroren sind. Ein Problem dabei ist der Alkohol, der manchen Betroffenen die Sinne vernebelt. Sie nehmen nicht wahr, wenn sie erfrieren. Das Bild, dass jeder Obdachlose ein Trinker ist, sei aber falsch, sagt der Sozialarbeiter.

Auch Peter trinkt nicht. Er hat ordentliche Kleidung an und ist frisch rasiert. Sein gutes Hochdeutsch und sein Auftreten erfüllen nicht das Klischee des Obdachlosen. „Ich lege Wert darauf, dass man es nicht sieht“, erklärt er. In seinem Elternhaus galten Sozialhilfeempfänger und Obdachlose als „Gesocks“, wie er sagt. „Man nimmt was mit“, sagt er, der jetzt selbst auf der Straße lebt.

Wobei Obdachloser streng genommen der falsche Begriff ist. „Eigentlich gibt es nur noch Wohnungslose“, erklärt Elmar Schütz. Er ist Leiter des Awo-Treffs „Promenadenmischung“ an der Berliner Promenade. Jeder könne eine Übernachtungsmöglichkeit bekommen. Wer bei solchen Temperaturen draußen schläft, tut das also meist aus freiem Willen. „In der Stadt gibt es niemanden, dem nicht eine Unterkunft angeboten wird. In Saarbrücken muss keiner auf der Straße leben“, bestätigt auch der Saarbrücker Bürgermeister Kajo Breuer. Viele schämten sich ihres Schicksals oder seien zu stolz, Hilfe von anderen anzunehmen, erklärt Elmar Schütz.

Auch Peter bekommt keine Hilfe vom Amt. Er lebt vom Flaschensammeln. Das hat er sich selbst so ausgesucht. Ärger mit seiner Familie, zwei abgebrochene Studien an der Uni und Platzangst hätten ihn auf die Straße getrieben. „Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ich wollte für mich sein. Frei“, sagt er. Er will noch länger auf der Straße leben. Und sei es auch noch so kalt.
Thorsten Mohr

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