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Der Tag, an dem das Saarland Trauer trug

Völklingen. Es schien ein ganz normaler Arbeitstag zu werden, als die Frühschicht an diesem tristen und verhangenen Februartag, einem Mittwoch, um 6 Uhr einfuhr. Doch es wurde der Tag der größten Katastrophe, die das Saarland je heimgesucht hat: Heute vor genau 50 Jahren, am 7. Februar 1962, ereignete sich gegen 7.50 Uhr im Alsbachfeld der Grube Luisenthal eine verheerende Schlagwetterexplosion, die 299 Bergleute das Leben kostete, 222 Frauen zu Witwen machte, vielen Müttern ihre Söhne und 366 Kindern den Vater nahm.

„Schwarzer Tag für das Saarland – 140 Tote auf Grube Luisenthal – Noch zahlreiche Vermißte – Das ganze Land trauert“, hatte die SZ am 8. Februar 1962 in dicken Lettern getitelt, als das ganze Ausmaß des Schreckens noch nicht klar war. Weiter hieß es über die Ursache des Unglücks: „Um 7.53 Uhr ereignete sich im Alsbachfeld der Grube Luisenthal auf Sohle 4 in einer Tiefe von 600 Metern eine Schlagwetterexplosion, deren Ausmaß auch am späten Mittwochabend noch nicht ganz zu übersehen war.“ Diese Schlagwetterexplosion löste eine Kohlenstaubexplosion aus. Druckwelle und Feuerwalze dehnten sich strahlenförmig nach allen Seiten aus. Erst Tage später wird die offizielle Zahl der Opfer mit 299 Toten und 73 Verletzten bekannt gegeben.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft lief bereits wenige Stunden nach der verheerenden Explosion an: Rettungskräfte aus dem gesamten Saarland waren vor Ort, aus Frankreich eilten Helfer von Grubenwehren herbei, Bundeswehr und US-Streitkräfte halfen mit Hubschraubern, Krankenwagen, Verbandsmaterial, Blutkonserven. Französische Soldaten spendeten Blut.
Horst Trenz war einer dieser Rettungskräfte in der Grubenwehr. Der Steiger, 2008 verstorben, hatte es einem unglaublichen Zufall zu verdanken, dass er nicht ebenfalls unter den Opfern war. Er hätte zur Frühschicht am 7. Februar gehört, war aber nach einem Unfall krankgeschrieben und hielt sich an diesem Tag zur Behandlung im Krankenhaus auf, als er von dem Unglück hörte. Er raste zur Grube und ließ sich in einen Rettungstrupp einteilen. In seinen persönlichen Erinnerungen schilderte er: „Der Anblick beim Überklettern der Schachtsohle ist grauenhaft und schrecklich. Direkt vor uns liegen zwei Tote. Den Mund weit aufstehend, die Augen schrecklich verdreht mit Blut aus Mund und Ohren laufend.“

Es war eine Katastrophe von landesweitem Ausmaß: Kaum eine Gemeinde im Saarland, die keine Opfer zu betrauern hatte. Die meisten Opfer hatte Völklingen mit 32 Toten zu beklagen, Altenkessel trauerte um 23 Mitbürger. Das Saarland fiel in eine kollektive Trauer, alle Fahnen wehten auf Halbmast, das öffentliche Leben wurde von der Katastrophe bestimmt.

Vor dem hermetisch abgeriegelten Grubengelände spielten sich menschliche Dramen unvorstellbaren Ausmaßes ab: Ehefrauen, Mütter, Kinder und andere Angehörige warteten auf Lebenszeichen ihrer Lieben – oftmals vergeblich. Auszug aus der SZ vom 8. Februar 1962: „Eine Bergmannsmutter in der Fenner Straße in Burbach sah ihren Schwiegersohn mit einer blutenden Kopfwunde morgens um 10 Uhr für eine Minute. ,Sag der Frau und den Kindern Bescheid’, rief er, ,daß es mir gut geht. Ich fahre gleich wieder ein. Vater ist noch unten.“Oder: „(. . .) stützte ein alter Arbeiter seinen ergrauten Kopf in die Hand: ,Mein Junge ist da unten. Mein einziger. Einundzwanzig Jahre ist er alt. Lehrsteiger. Ich habe mein Haus in Wallerfangen für ihn gebaut. Wo meine Frau ist, weiß ich nicht. Sie hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und ein Krankenauto hat sie abgeholt – in irgend eins der jetzt überfüllten Krankenhäuser. Wenn mein Bub nicht wiederkommt, dann weiß ich nicht, was ich mache.’“
Tagelang sorgte Luisenthal für Schlagzeilen in den deutschen und internationalen Medien. Die ganze Republik trauerte mit den Saarländern, aus aller Welt trafen Beileids-Telegramme und Spenden für Hinterbliebene ein. Die Fastnacht im Saarland fiel nahezu aus, und viele Bergleute waren so geschockt, dass sie nie mehr unter Tage fuhren oder in andere Berufe wechselten.

Die Trauerfeier, die drei Tage nach der Katastrophe in einem Park am Gelände der Grube Luisenthal stattfand, machte erneut das ungeheure Ausmaß der Schlagwetterexplosion deutlich – und die Folgen für das Leben der saarländischen Bevölkerung, die so eng mit dem Bergbau verbunden war: In der Saarbrücker Zeitung hieß es unter der Überschrift „Glück auf zur letzten Fahrt“ über die zentrale Trauerfeier: „Unter den kahlen Ästen hochstämmiger Buchen standen, von einem hohen Holzkreuz überragt, in neun Reihen 287 Särge. Ein Meer von Kränzen und Blumen deckte sich über sie und versuchte, diesem Bild der ungeheuren Trostlosigkeit und des unvorstellbaren Leids seinen tiefen Schrecken zu nehmen.“ Über 5000 Trauergäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen und Angehörige nahmen an der Feier teil. Bergknappen aus allen Kohlerevieren hielten Ehrenwache. Bundespräsident Heinrich Lübke hielt die Ansprache.
Die Frage, wie es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte, spielte von Anfang an eine große Rolle. Die juristische und politische Aufarbeitung des Unglücks begann. Es wurden zwar Sicherheitsdefizite festgestellt, die Ursache des Katastrophe konnte aber nie bis ins Detail aufgeklärt werden. Folglich wurden in einem Prozess alle 13 angeklagten Aufsichtspersonen – vom Betriebsführer bis zum Fahrhauer – nach 30 Prozesstagen und der Vernehmung von 130 Zeugen freigesprochen.

Auch nach fünf Jahrzehnten sind die damaligen Tage des Schreckens und der Trauer bei allen, die sie miterlebt haben, unvergessen. Vielerorts fanden und finden Gottesdienste und Gedenkveranstaltungen statt. Und in diesem Auslaufjahr des Bergbaus an der Saar wird die Katastrophe von Luisenthal auch in mehreren Büchern aufgearbeitet.

Bergmanns-Lexikon
Schlagwetter oder schlagende Wetter bezeichnen im Bergbau untertage austretendes Grubengas (Methangas), das, mit Luft gemischt, explosiv reagiert. Es kommt zur Schlagwetterexplosion. Bei entsprechendem Mischungsverhältnis kann schon ein Funke genügen, um das Gemisch zu entzünden.
In Kohlegruben ist die Schlagwetterexplosion häufig Vorläufer und Auslöser der in der Wirkung wesentlich zerstörerischen Kohlenstaubexplosion. Schlagwetterexplosionen können den Kohlenstaub aufwirbeln und dieser kann sich dann – auch durch Funkenschlag – entzünden. Dies war auch in Luisenthal der Fall.
Als Schutz dient in erster Linie eine gute Wetterführung (Belüftung) in den Gruben. Auch Wasser- und Gesteinsstaubsperren sind Maßnahmen, um solche verheerenden Unglücke einzudämmen. Als Wetter bezeichnet man im Bergbau die Gesamtheit der in einem Bergwerk befindlichen Luft mit den entsprechenden Beimengungen wie etwa Gase. red
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