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Der Tante-Emma Laden der Szene

Schallplatten, Kippen, Süßigkeiten und Spraydosen – in Hansis Laden „Humpty Records“ im Nauwieser Viertel gibt es so gut wie alles zu kaufen. Foto: Oliver Dietze

Schallplatten, Kippen, Süßigkeiten und Spraydosen – in Hansis Laden „Humpty Records“ im Nauwieser Viertel gibt es so gut wie alles zu kaufen. Foto: Oliver Dietze

„Eine gemischte Tüte, bitte.“ Erinnerungen an die Kindheits-Kiosktheke erwachen. Bonbongläser. Bunt. Süß. Schlümpfe, Lakritzschnecken, Gummitiere. Die gemischte Tüte – es gibt sie immer noch. Zum Beispiel bei Humpty Records an der Kreuzung Försterstraße/Cecilienstraße im Nauwieser Viertel. Der Kunde will aber keinen Süßkram. „Ich brauch' was zum Füllen, so ein Mittelding zwischen Fat-Cap und Skinny“, ordert er. Hansi Müller überlegt nicht lange. Er kennt sich aus. Greift in mehrere Kistchen, die hinter der Theke stehen. Drei hiervon, sechs davon. „Was zum Teufel…“, denkt sich der Nichtkenner. Aber der verirrt sich auch selten in Hansis Laden. Fat-Caps und Skinnies sind Plastikaufsätze für Sprühdosen. 30 verschiedene gibt es davon. Für große Flächen, schmale Linien, fette Lines. Die passenden Farbdosen stehen in den Regalen daneben. Gerade macht ein Kunde einen Großeinkauf. Das Jugendzentrum Försterstraße hat ihn beauftragt, Graffiti für seine Sommeraktion zu sprayen. Mehrere Kisten voll Dosen hat er eingekauft.

 

Aber wie kriegt er die die Straße runter zum Jugendzentrum? Hansi hat für jeden eine Lösung. Er verschwindet kurz und kommt mit dem Klostuhl wieder. „Bald ein Chefsessel“ steht auf dem Aufkleber hinten drauf. So sieht er nicht aus. Einige Transportfahrten hat er wohl schon hinter sich. Die linke Armlehne hängt nur noch an einem Fetzen Klebeband. Worauf sich früher Krankenhauspatienten saßen, transportieren Hansis Kunden jetzt Sprühdosen. „Hab ich ihm gesagt, dass die Räder ab und zu abfallen?“, fragt er lachend, nachdem der Kunde mit dem Stuhl den Laden verlassen hat.

 

Nicht nur Sprayer-Crews kaufen bei Humpty Records ihr Zubehör. Schreiner-Firmen, Auto-Tuner oder Fanclubs vom 1. FC Saarbrücken gehören auch zu den Kunden. „Vor kurzem war sogar der Neunkircher Zoo da“, plaudert Hansi aus der Kundenkartei. Er kaufte Farben, um das Erdmännchen-Gehege neu zu lackieren.

 

Seit 22 Jahren gibt es Humpty Records. Angefangen hat alles als Plattenladen. Elektronische Musik und Hiphop. Hansis Leidenschaft. Später kamen die Sprühdosen dazu. Weil es sie selten gab und Künstler nicht mehr in Fabriken klauen sollten. Heute – und das freut Hansi sehr – „haben junge Menschen ihr Herz für Schallplatten entdeckt“. Viele 16- bis 18-jährige „Bürschchen“ kaufen schwarze, runde Tonträger mit einem Loch in der Mitte. Hansi gefällt das. Beileibe nicht nur geschäftlich. Er liebt Platten, legt sie auf. Im Laden, wenn gerade niemand einen Klostuhl oder Ratschlag braucht. Oder in Saarbrücker Clubs, wie dem „Mauerpfeiffer“ und dem „Silo“. Seit Jahren unterstützt er die lokale Musikszene , verkauft im Laden Aufnahmen heimischer Musiker. Und kann zu jedem was erzählen. Und schließlich handelt Hansi noch mit allerhand zum Rauchen. Tabak, Filter, Zigaretten, Blättchen.

 

Von der Graffiti- und Musikszene bis zur „Oma, die ihren Tabak kauft“. Hansis Kundenstamm ist so bunt wie sein Laden. Nicht jeder, der kommt, will kaufen. Quatschen, Leute treffen, abhängen, fachsimpeln. Süßigkeiten fürs Leben. An der Straßenecke. Im Viertel. „Auch wenn ich außerhalb der Öffnungszeiten hier bin, kommt direkt jemand rein“, erzählt Hansi. Krach. Er knabbert Cashewkerne aus einer großen Tüte auf der Theke. „Man wird alt mit so was“, sagt Hansi.

 

Die Zigarettenschachtel des nächsten Kunden schreibt er auf. Wer pleite ist, kann mal einen Deckel machen. Der Tante-Emma-Laden der Szene. Das funktioniere. „Wir haben noch keine Enttäuschung erlebt“, sagt er. „Wenn mich jemand über den Tisch ziehen wollte, sind das eher die gut situierten Anzugträger.“ Erfahrungen. Erinnerungen.

 

Als Hansi „mit dem Quatsch“ angefangen hatte, konnte er das nicht ahnen. 22 Jahre. „Das sucht man sich nicht aus“, sagt er. „Das wächst so.“ Wie die Zukunft. Die gemischte Tüte und den Deckel zum Anschreiben soll es ruhig noch einige Jahre geben, findet Hansi. Er lächelt zufrieden. Seine Kunden auch. Altes und Beliebtes sollte man bewahren. Nicht nur in Erinnerungen.

 

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