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Deutschlands Fantasy-Szene trifft sich in Reden

Die Bürger der Gemeinde Illingen ahnen es noch nicht, aber sie sind in einem Riesen-Raumschiff unterwegs. Ihr finanzielles Wohl und Wehe hängt an einem Mann: Commander Frank Fark. Ihm vertraut Captain Armin King, Fark allein beherrscht die Haushalts- Bilanzen – und bringt sie alle sicher in die Zukunft. So oder so ähnlich simpel stellt sich der Nicht-Insider die Fantasie-Welt von Benjamin Kiehn (32) vor. Und liegt damit kometenfern von dem, was für Kiehn das Fantasyund Science-Fiction- Genre reizvoll macht. Er mag keine plumpen Gut-Böse- Schemata, sondern überbordend komplizierte Storys wie „Das Lied von Feuer und Eis“. „Man erkennt die politischen Intrigen unserer heutigen Zeit“, sagt Kiehn.

Der Diplomverwaltungswirt arbeitet seit acht Jahren im Illinger Rathaus, seit zwei Jahren ist er Kämmerer. Doch schon seit seinem 13. Lebensjahr trägt er den „Star Trek“-Virus mit sich rum. Seinem Patenonkel gehörte das Illinger Union Kinotheater, es wurde Kiehns zweite Heimat. Als Filmvorführer verdiente er sich was dazu. Heute besitzt er nicht nur 400 Science- Fiction-Filme, er ist auch der Organisator „der größten Fantasy- und Cosplay-Messe im südwestdeutschen Raum“, der FaRK. Sie findet am letzten Augustwochenende in Reden statt. 1300 Akteure haben sich angemeldet. „Es ist Deutschlands größtes Familientreffen“, sagt Kiehn. „Sonst gibt es nur spezielle Messen, aber wir zeigen alle Spielarten.“ Wie hat man sich das vorzustellen? Morbide Exzentriker treffen wild gewordene Faschings-Fetischisten? Sprechen wir lieber von einer ziemlich riesigen Freizeitmesse, die Spezialanbieter versammelt. Händler, Maskenbildner, Schneider und Verleger bieten Kostüme, Rüstungen, Schmuck, Waffen und Filmrequisiten an. Damit der Kommerz nicht alles ist, gibt es Zauber- und Feuer- Shows, Konzerte, Lesungen und Workshops. Die „Star Wars“- und „Star Trek“-Gemeinschaften werden ebenso anreisen wie Klingonen, Hobbits , Mittelalterund Mad-Max-Fans, Endzeit- Krieger und Darth- Vader-Imitatoren. 2,6 Millionen Menschen in Deutschland seien in der Szene aktiv, berichtet Kiehn. Deshalb hält er den Begriff Subkultur für grundfalsch, er fühlt sich nicht kaserniert in einer Randgruppe. Dennoch weiß er um das Kopfschütteln der „Normalos“. Selbst im Freundeskreis, erzählt er, mache sich der ein oder andere über das vermeintlich durchgeknallte Hobby lustig. Dabei gilt laut Kiehn: „Wir sind eine wachsende Gesellschaftsgruppe, ein Wirtschaftsfaktor.“ Die Rollenspiel-Community habe sich lediglich „ein wenig mehr Kindlichkeit bewahrt“.

Wobei Kiehn selbst gar nicht zum harten Kern der Szene zählt. Nur drei bis vier Rollenspiel- Veranstaltungen pro Jahr nehme er wahr, berichtet er. Endzeit ist sein Genre. So stand denn am Startpunkt des Weges zur FaRK weniger das eigene Hobby als der Spaß an Events: „Ich liebe es, Veranstaltungen zu organisieren.“ Um sich während seines Studiums etwas nebenbei zu verdienen, hat Kiehn bei Open-Air-Rockfestivals angeheuert, hat dort die Logistik und die Sicherheit gemanagt. Er kennt also das Geschäft.

Die Hauptmotivation für FaRK lieferte jedoch der Wohltätigkeits-Gedanke. An den führte Kiehn seine Frau Isabelle heran, mit der er seit zehn Jahren zusammen ist. Ein Praktikum in der Lebacher Kinderhilfe „Chillán“ sensibilisierte die Berufsschullehrerin für soziales Engagement. Heute ist sie Vorsitzende des Beirates für Entwicklungszusammenarbeit. „Sie hat mich über die Kante getrieben“, sagt Kiehn. Den Rest erledigte der überraschende Erfolg seiner ersten Spendensammel- Aktion: 2010 brachte ein Transalpin- Lauf mit drei Freunden 11 000 Euro Spenden ein. Diese Erfahrung wiederum motivierte Kiehn zusammen mit einem Freund zur „Erfindung“ des Mittelalter- Marktes in Merzig-Besseringen (20 000 Euro), der dann nach Illingen (25 000 Euro) wechselte. „Dann wollten wir was Neues machen, etwas, das es noch nicht gibt im Saarland.“ Das war die Rollenspiel- Messe. Die Erstausgabe fand 2013 in Illingen statt, über 8000 Besucher kamen an drei Tagen in die Illipse, die sich als zu eng erwies. So kam der Wechsel nach Reden zu Stande. 20 000 Quadratmeter werden jetzt bespielt. „Wie verlangen keinen Eintritt, denn wir wollen unser Hobby für die breite Masse erfahrbar machen. Damit klar wird: Wir sind nicht die Spinner, die abends mit Kettenhemden auf der Couch sitzen.“

Letzteres kommt für den „Macher“ Kiehn sowieso nicht in Frage, der sich einen ausgeprägten Spieltrieb samt überdurchschnittlichem Ideenreichtum attestiert. „Ich schreibe lieber Geschichten als sie zu lesen“, sagt er und ist bereits als Autor beim Ulrich Burger Verlag (Homburg) unter Vertrag. Überhaupt kann man fast ein wenig schwindlig werden, wenn Kiehn aufzählt, in welchen Themenund Berufsfeldern er bereits unterwegs war. Nach einer Bauingenieurausbildung ging er als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Traumjob: Jetpilot. Doch seine Augen spielten nicht mit, Kiehn wurde Fallschirmjäger bei der Saarlandbrigade, war 2001/ 2002 in Afghanistan, beim Luftverladeeinsatz Köln/Kabul. Es folgte ein Bauingenieurstudium während er bei Ford in Saarlouis angestellt war. Kiehn brach es ab, weil er gewahr wurde, wie ausgepowert und familiär abgehängt selbst junge Kollegen wirkten: „Das konnte meine Zukunft nicht sein.“ Also wechselte Kiehn zur Hochschule für Verwaltung in Saarbrücken. Zeitgleich zu seinen Ausbildungen liefen Fortbildungen in Rhetorik und Kommunikation, Kiehn arbeitete als Biostruktur-, Fitnessund Deeskalationstrainer. Ein Tausendsassa? „Ich kann nichts dafür. Überall läuft mein Kopfkino ab“, sagt er. Auch am Standort Reden , an den er glaubt, für den er kämpft. Commander Frank Fark, übernehmen Sie?


AUF EINEN BLICK 

FaRK (Fantasy- und Rollenspiel- Konvent) ist eine Messe rund um die Themen Science-Fiction, Steampunk, Cosplay (Figur- Imitation), Fantasy , LARP (Rollenspiel/Improvisation) und Endzeit. Sie findet am 30. (10 bis 24 Uhr) und 31. August (10 bis 19 Uhr) auf dem alten Grubengelände in Reden statt. Der Eintritt ist frei. Es werden Spenden für das Kinderhospiz Saar gesammelt. Alle Gewandeten bekommen einen 50-Prozent-Nachlass für einen Besuch bei Gondwana, außerdem freien Eintritt zur Bergbau-Ausstellung „Das Erbe“ (www.fark-messe.de). ce
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