A62 Landstuhl Richtung Nonnweiler AS Nonnweiler-Otzenhausen Unfall (19:46)

A62

Priorität: Normal

7°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
7°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

Die Angst der Saarländer vor Cattenom

Cattenom. „Es wird dringend empfohlen, Unterwäsche zu tragen!“ Über diesen Satz hatten meine Foto-Kollegin und ich lange gerätselt, als wir uns auf den Besuch im AKW Cattenom vorbereiteten. Nun weiß ich, was der Hinweis sollte: Im Reaktorbereich müssen sich alle – Besucher wie Arbeiter – bis auf die Unterwäsche ausziehen, bevor sie die Schutzkleidung anlegen. Am hüllenlosen Anblick der anderen stört sich keiner, auch nicht die Dame am Schalter, die unsere Ankunft registriert.

Atomkraft hat nach der Katastrophe in Japan in Deutschland derzeit keinen guten Ruf. Sieben Meiler gingen erst mal vom Netz, Zukunft ungewiss. Anders in Frankreich, wo man 80 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken bezieht. 58 sind es insgesamt, ein weiteres wird gerade gebaut. Cattenom ist nach Angaben des Betreibers EDF gemessen an der erzeugten Strommenge das zweit- bis drittgrößte in Frankreich. Vier Blöcke mit jeweils 1300 Megawatt Leistung liefern rund acht Prozent des jährlichen Strombedarfs unserer Nachbarn. Damit ist Cattenom sogar das siebtgrößte Kraftwerk der Welt.

Alles ein bisschen verwirrend hier drin. Die schmalen bunten Spinde in blau, grün oder orange erinnern eher an die Umkleide in einem Hallenbad. Die Architektur ist verwinkelt. Ohne die Hilfe von Pressesprecher Denis LeCanu verläuft man sich.
Er ist es dann auch, der mir zeigt, wie man die Schutzkleidung anlegt. Ich bekomme ein weißes T-Shirt mit dem EDF-Logo, ein paar dicke weiße Socken und ein Plastikhäubchen für die Haare. Dann der weiße Overall. In die Tasche rechts oben stecken wir ein Messgerät für Strahlung. Bislang sind nur Nullen zu sehen. Und nachher? Nun noch die dünnen weißen Baumwollhandschuhe bis über die Handgelenke ziehen und schon stehen wir vor der entscheidenden Schleuse, dem Zugang zum nuklearen Bereich. „Hier gibt es zwei Risiken“, erklärt mein Begleiter: „Strahlung und Kontamination, darum die Anzüge.“ Ich ziehe den Reißverschluss meines Overalls bis unters Kinn. LeCanu dreht sich noch einmal um und sagt leise, aber unmissverständlich: „Ab jetzt bin ich für Sie verantwortlich.“ Will heißen: Bitte keine Dummheiten machen.

Dummheit oder nicht – in diesem Jahr wurden bereits drei Arbeiter von Fremdfirmen bei Wartungsarbeiten in Block 3 kontaminiert, in dem Block, den wir uns gerade ansehen. Allen drei geht es nach Auskunft von Kraftwerksdirektor Stéphane Dupré La Tour gut. Der letzte Vorfall liegt gerade ein paar Wochen zurück. „Der Mann hat radioaktiven Staub eingeatmet, aber nur eine geringe Dosis.“ Könnte uns das gleich auch passieren? „Am nächsten Tag hat er aber schon wieder gearbeitet, seitdem ist er unter ärztlicher Aufsicht.“
Den Vorwurf, die saarländischen und luxemburgischen Nachbarn schlecht zu informieren, will er nicht gelten lassen. „Wir arbeiten transparent“, sagt Dupré La Tour. Sein Lieblingswort, er wiederholt es oft.
Der erste Versuch, den Reaktor zu besichtigen, scheitert. Wir werden abgewiesen, weil Strahlenmessungen vorgenommen werden. Dafür führt LeCanu uns zur „piscine“. Kein Schwimmbad, sondern das Abklingbecken. Dort lagern fünf Meter unter Wasser die Brennstäbe. „Wasser ist der beste Schutz gegen Strahlung, zudem schirmen wir den Reaktor mit Blei und Beton ab.“ Ob das reicht? Kritiker haben in der Vergangenheit auf die mangelnde Qualität von Stahl und Beton in Cattenom hingewiesen.

Wir stehen am Beckenrand und blicken hinunter. „Passen Sie bitte auf, dass Ihre Brille nicht reinfällt“, sagt LeCanu wieder auf seine leise, eindringliche Art, „sonst kann ich mir einen neuen Job suchen.“ Dann also einen Schritt zurück.
Links im Becken liegen die wiederverwertbaren Brennstäbe mit Uran, in der Mitte die neuen, rechts die alten, die zur Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague gebracht werden, nach all den Jahren hoch radioaktiv. Da bekommt der Satz „L’essentiel est invisible pour les yeux“ (Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar) eine völlig neue Bedeutung. Unsichtbare Strahlung hatte der Fuchs im „Kleinen Prinzen“ nicht gemeint.

Das Unsichtbare macht zurzeit Saarländern und Luxemburgern Sorgen. Sorgen, die Dupré la Tour vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan nachvollziehen kann. Sicherheitsbedenken weist er aber zurück. Tatsächlich gibt es in Cattenom nur zwei Notstromaggregate zur lebenswichtigen Kühlung der Brennstäbe. In Deutschland sind vier die Regel. „Das allein ist aber nicht entscheidend“, sagt Dupré la Tour. „Wenn es so wäre, warum dann nicht sechs oder zwölf?“ Zur Atom-Debatte in Deutschland möchte er sich gar nicht viel äußern. Nur so viel: Saar-Ministerpräsident Peter Müller hätte sich seinen Brief an Präsident Nicolas Sarkozy mit der Bitte um Überprüfung von Cattenom sparen können. Das habe Sarkozy ohnehin veranlasst.

Zweiter Versuch, den Reaktorkern zu besichtigen. Und es klappt. Wir haben aber nicht viel Zeit. Der Reaktor ist offen, was nur alle 18 Monate passiert, wenn Brennstäbe getauscht werden. Dieses Mal ist die routinemäßige Zehn-Jahres-Überprüfung der Anlass. Im Laufschritt geht es auf die 22 Meter hohe, rote Aussichtsplattform. Heiß ist es und stickig. Und dann sehen wir den Reaktorkern. Größer, als ich ihn mir vorgestellt hätte. Und tatsächlich beeindruckend.
Risiken könne man nicht zu 100 Prozent ausschießen, sagt Dupré la Tour, aber sie kalkulieren. Auch die Entscheidung, Cattenom im Dreiländereck zu bauen, sei nicht etwa unvernünftig, sondern nachvollziehbar gewesen. Seitdem habe man die Reaktorsicherheit jeweils den neuen Erkenntnissen angepasst. Vehement wehrt er sich gegen den Vorwurf, die Zahl der Zwischenfälle nehme zu. Das Gegenteil sei der Fall, sagt er, und zeigt als Beleg auf eine Statistik der französischen Atomsicherheitsbehörde: 2009 habe man 14 meldepflichtige Vorfälle der Kategorie null (keine sicherheitstechnische Bedeutung) gezählt, 2010 seien es nur vier gewesen. Auf Stufe eins der internationalen Skala (Störungen)liege man seit Jahren im Schnitt konstant bei fünf bis sechs Ereignissen pro Jahr.

Zeit, den Reaktorkern zu verlassen. Mehrere Kontrollen müssen wir passieren. Wir treten die Schuhe auf einer blauen klebrigen Matte ab, um radioaktive Teilchen abzustreifen, scannen anschließend Handschuhe und Schuhe. Dann betreten wir nacheinander einen Apparat, in den wir unsere Hände stecken. „Nicht kontaminiert“ leuchtet auf. Vor dem Gang in die Umkleide die letzte Schleuse. Die Schutzanzüge haben wir abgelegt, in Unterwäsche geht es in eine Art Käfig. Ich warte auf das grüne Licht zur Entwarnung. Aber es leuchtet nicht. Werkssprecher LeCanu ist zumindest nervös und bittet mich, die Kabine zu verlassen. Wir lassen einen Arbeiter vor und versuchen es danach erneut. Es blinkt. Grün. Das Messgerät zeigt zwei Mikrosievert, ein Millisievert pro Jahr gilt als unbedenklich. „Dann können Sie dieses Jahr noch 500 Mal wiederkommen“, scherzt Dupré la Tour. Zehn Minuten später bin ich in Zivil wieder draußen und hole tief Luft. Ein schöner Tag, und auch die Sonne strahlt.
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein