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„Die Mitschüler haben ihn so angenommen, wie er ist“

Am Arnold-Janssen-Gymnasium hat ein Schüler mit dieser Form des Autismus' nun Abitur gemacht.

Am Arnold-Janssen-Gymnasium hat ein Schüler mit dieser Form des Autismus' nun Abitur gemacht.

Ein 16-jähriger Junge sitzt im Klassensaal des Arnold-Janssen-Gymnasiums (AJG). Sein Lehrer stellt ihm eine Frage, aber er antwortet nicht. Nicht, weil er die Antwort nicht weiß. Nicht, weil er rebellisch ist. Sondern, weil es ihm nicht möglich ist. Andreas Scheib leidet unter dem Asperger-Syndrom. Doch das wissen zu diesem Zeitpunkt weder er, noch seine Familie, noch die Lehrer am Gymnasium. Es mag wohl anfangs nur so ein Gefühl der Pädagogen gewesen sein, dass Andreas Scheibs Schweigen nicht mit einer Null-Bock-Einstellung zu tun hat. Doch sie handeln, schalten Schulleiter Hans-Georg Frank ein. Der wiederum stellt den Kontakt zu einem Psychologen her. Jetzt, mit dem Start in die Sommerferien, endet für Andreas Scheib das Kapitel AJG. Er hat das Abitur gemacht (Durchschnitt: 2,5) und einen Preis in Mathematik erhalten. Darauf ist seine Mutter Ursula Scheib sehr stolz, denn sie weiß: „Jugendliche mit dem Asberger-Syndrom landen oft auf der Sonderschule, weil sie verkannt werden.“ Andreas Scheibs Stärke ist – krankheitstypisch – das Logische. Und mit Logik schaffte er auch die Reifeprüfung.

Menschen mit dem Asperger-Syndrom, das zum Bereich des Autismus’ gehört, haben Schwierigkeiten in der Kommunikation, im sozialen Umgang und dem Äußern von Gefühlen. Diese Symptome kennt auch Schulleiter Frank. „Andreas stand öfter allein auf dem Schulhof, mit dem Rücken zur Wand.“ Doch das bedeutete nicht, dass er ausgegrenzt wurde. „Die Mitschüler haben ihn so angenommen, wie er ist.“

Ein Schuljahr musste der junge Mann wiederholen. Nur ein kleiner Stolperstein auf dem Weg zum Abitur. Beim Übergang vom Klassen- ins Kurssystem wurde Andreas Scheib in Sachen Fächerwahl beraten. Eine logische Kombination sollte es sein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn im akribischen Arbeiten, im analytischen und logischen Denken liegen seine Stärken. Mathe, Physik und Erdkunde passten unter diesen Gesichtspunkten am besten. „Ein schwieriger Bereich waren die Sprachen“, erinnert sich Frank. Da blieb nur Latein. Als das Abitur unmittelbar bevorstand, hat der Schulleiter viele Gespräche mit dem Ministerium geführt. Denn es gibt auch einen mündlichen Prüfungsteil. Wie sollte den ein Schüler meistern, der nicht redet? Frank reichte einen Vorschlag ans Ministerium ein, dem schließlich zugestimmt wurde. Andreas Scheib musste in Physik zur mündlichen Prüfung antreten. Seine Aufgabenstellung war in Einzelschritte gegliedert. Die Lösungen durfte er an der Tafel aufzeigen. Auch der Zweitprüfer untergliederte seine Aufgaben in Einzelfragen und wählte Fragen aus, deren Antworten an der Tafel darzustellen waren. Das Ergebnis: 13 Punkte (1-) für den Prüfling.

Als heikelstes Fach in der Abiturprüfung bewertet Frank Deutsch. Doch Andreas Scheib meisterte die Gedichtinterpretation auf seine Weise, konzentrierte sich auf die metrische Analyse: Er bestimmte Reim- und Versmaß. Die Bedeutung zwischen den Zeilen ließ er aus. In seinem Paradefach Mathe heimste der Abiturient 15 Punkte (1+) ein. Dass ein autistischer Schüler am AJG Abitur gemacht hat, ist eine Premiere. Bislang gab es körperlich eingeschränkte Schüler, die das Gymnasium erfolgreich besucht haben. „Wenn die geistigen Fähigkeiten da sind und es nur darum geht, ein paar Hilfestellungen zu leisten, ist das kein Problem“, sagt Frank.

Nach der Schulzeit gilt es nun, die Weichen für die weitere Zukunft zu stellen. „Ich weiß, Andreas würde gerne Mathematik studieren“, sagt Frank. Vom Intellekt her habe er keine Bedenken, aber das universitäre Umfeld und der Ablauf an einer Hochschule schätzt er als schwierig ein. „Ich bin weiterhin für die Eltern da“, versichtert Frank und bietet Hilfe an. Er hat von dem Berliner Software-Unternehmen Auticon erfahren, bei dem Autisten arbeiten und ausgebildet werden. Dessen Gründer ist Vater eines an Asperger-Syndrom erkrankten Jungen.

Andreas Scheib war auch schon bei der Berufsberatung. Ein Test dort ergab, dass ihm viele Berufe offenstünden. Doch welcher zu ihm passt, das sollen jetzt verschiedene Praktika zeigen. Seit die Krankheit bekannt ist, hat der Abiturient bereits Fortschritte gemacht, kann inzwischen Freude zeigen. „Als Mama war mir immer unklar, was mein Sohn fühlt“, sagt Ursula Scheib. Beim Blick auf das Abitur-Zeugnis ist er aber sicher stolz.

Hintergrund

Das Asperger-Syndrom gilt als milde Form des Autismus’. Die Betroffenen haben einen durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen Intellekt, logisches Denken ist ihre Stärke. Die Schwächen liegen in der Kommunikation und im sozialen Bereich. Asperger-Betroffene können sich nicht in die Gedankenwelt anderer hineinversetzten und auch keine eigenen Gefühle zeigen. evy

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