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Die Praktiken der saarländischen Doping-Szene

Von SZ-Redaktionsmitglied Gregor Haschnik

Saarbrücken/Merzig. Als er die Doping-Mittel aufzählt, die junge Saarländer geschluckt oder sich gespritzt haben, stockt Kriminalhauptkommissar Martin Emmerich und legt die Stirn in tiefe Falten – obwohl er ein erfahrener und abgebrühter Beamter ist: „Caniphedrin – ein Appetitzügler. Normalerweise bekommen Hunde das Mittel gegen Inkontinenz. Arimidex – ein schweres Brustkrebsmedikament. Doper nehmen es, um zu verhindern, dass sich bei ihnen eine weibliche Brust bildet. Hinzu kommen die ‚Klassiker’ für den Muskelaufbau: Testosteron, Trenbulon und Nandrolon.“

Waschbrettbauch, mächtige Schultern und Oberarme sowie die Potenz eines Zuchtbullen: Viele Männer sind bereit, jedes Risiko dafür einzugehen, gesundheitlich wie finanziell. An die verschreibungspflichtigen Stoffe, die den Traumkörper versprechen, kommen sie leicht heran, entweder über das Internet oder durch Schwarzmarkt-Händler, von denen sie durch Mund-zu-Mund-Propaganda im Fitness-Studio erfahren.




Der Doping-Markt floriert auch im Saarland. Kürzlich nahm das Landeskriminalamt (LKA) drei Saarländer fest, die seit vielen Jahren in großem Stil mit Dopingmitteln gehandelt haben sollen: einen 34-Jährigen aus St. Wendel, einen 40-Jährigen aus Heusweiler und einen 30-Jährigen aus Saarlouis. Es war einer der bundesweit größten Schläge gegen die Doping-Szene. Einer der drei mutmaßlichen Täter hat im Lager der Merziger Firma Kohlpharma gearbeitet und soll dort einen Teil seiner Ware gestohlen haben (wir berichteten). Die Ermittlungen werden wohl noch Monate andauern. Doch schon jetzt verrät der Fall durch die sichergestellten Medikamente und Computer-Daten viel über die hervorragend organisierte und verschwiegene Doping-Branche (siehe unten) – sowie über den Konsum der Käufer: „Während ihrer ‚Kur’ nehmen die Sportler bis zu zehn verschiedene Präparate gleichzeitig“, sagt Hauptkommissar Emmerich vom LKA. Die bereits genannten Mittel kombinieren die Konsumenten – unter anderem – mit dem Schilddrüsenhormon Thybon, das den Stoffwechsel und die Wirkung der Anabolika beschleunigt, und Insulin, das die Rückbildung der Muskeln während der Trainingspausen verhindert.

Die Risiken, die das Einnehmen dieses Hormon- und Medikamenten-Cocktails birgt, können tödlich sein, so Emmerich: „Leber und Nieren werden so stark belastet, dass die Doper an Organversagen sterben können.“ Eine der zahllosen Nebenwirkungen ist Impotenz, weil der Körper die eigene Testosteron-Produktion irgendwann einstellt. Deshalb greifen viele Doper zusätzlich zu Potenz-Mitteln wie Viagra.

Emmerich betont, dass „die professionellen Body-Builder nur einen kleinen Teil der Konsumenten darstellen, das Gros sind ehrgeizige Freizeit-Sportler“ und verweist auf Studien wie jene der Universität Tübingen. Demnach nimmt fast jeder siebte in Fitness-Studios aktive Sportler gelegentlich oder sogar regelmäßig Anabolika ein. Hochgerechnet auf ganz Deutschland wären das etwa eine Million Doper. Für Emmerich ist Doping ein gesellschaftliches Phänomen: „Der Drang, schön, fit und potent zu sein wird immer stärker. Viele sind bereit, jeden Preis dafür zu zahlen und unterschätzen die Gefahren, vor allem Jugendliche.“



Die Szene ist gut organisiert, vernetzt und abgeschirmt


Die Doping-Branche floriert. Das liegt vor allem daran, dass sie bestens organisiert ist. Wie clever die Macher vorgehen, zeigt der Fall der mutmaßlichen Schwarzmarkt-Händler aus dem Saarland.

Merzig/Saarbrücken. Als Marktplätze und Kommunikationsmittel dienen der Doping-Szene Internet-Foren und E-Mail-Adressen, deren Server – für die Polizei unzugänglich – im Ausland stehen. Zugang zu den Foren bekommt nur, wer eine Empfehlung von Mitgliedern vorweisen kann.

An die Ware kommen die Händler auf verschiedenen Wegen: Gefälschte (und somit oft besonders gefährliche) Medikamente bestellen sie im Internet oder kaufen sie vor Ort ein, etwa in Ost-Europa. An verschreibungspflichtige Original-Ware kommen die Verkäufer unter anderem durch Diebstähle in Pharmafirmen oder Apotheken heran. In Arztpraxen können sie an Rezepte gelangen. Darüber hinaus tauschen die Händler ihre Ware untereinander aus, beispielsweise Anabolika gegen Testosteron.

Für den Geldtransfer werden keine Konten genutzt, sondern der Postweg. In diskreten Briefumschlägen oder Paketen wechseln mitunter mehrere Tausend Euro den Besitzer. Auch die Doping-Mittel werden häufig per Post an den Mann gebracht. Dabei kommen den Tätern die anonymen Pack-Stationen der Post zu Gute. Gleichzeitig sichern sich die Händler dadurch ab, dass sie sich Personalausweise von Dritten und damit deren Identität leihen.
 Der Doping-Markt wird offenbar nicht von einem großen Händler bestimmt. Es scheint viele, regional verankerte Verkäufer zu geben. Viele haben mit dem Handel begonnen, um sich den eigenen Konsum zu finanzieren: Eine ‚Kur’ kostet monatlich etwa 2000 Euro.

Dass das LKA einen Fahndungserfolg landen konnte, liegt auch an der Verschärfung des Arzneimittelgesetzes 2007. Seitdem ist schon der Besitz einer bestimmten Menge von Doping-Mitteln strafbar. Händlern drohen bis zu zehn Jahre Haft. gha



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