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Die fabelhafte Welt der Falknerin vom Linslerhof

Es ist ein ungemütlicher Dezembertag. Drei, vier Grad vielleicht. Und feucht. Hannah Pütz ist dennoch draußen. In grüner Lodenjacke und braunen Stiefeln steht sie auf einer matschigen Wiese hinter dem Linslerhof in Überherrn. Sie schwingt ein Seil durch die Luft, an dessen Ende ein Lederball mit Federn hängt. Das ist das Signal für Pars. Ein graubraun, weiß gefiederter Falke. Eben noch stand der Greifvogel hoch oben in der Luft, jetzt fliegt er einen Bogen über die Dächer des historischen Gutshofs und rauscht blitzartig auf das Federspiel zu. Doch Pütz ist schneller. Auch beim zweiten und dritten Versuch. Dann hat Pars die Beute geschnappt oder „angeschlagen“ wie es korrekt heißt. Zur Belohnung bekommt der Jäger ein Stück Fleisch – und eine Pause.

Zufrieden streichelt Hannah Pütz den Falken kurz über den Kopf. Die Frau mit den langen braunen Haaren, die sie stets zum Zopf gebunden hat, trainiert das Tier bereits seit vier Jahren. Und nicht nur Pars. Auch den leicht mürrisch schauenden, „aber wirklich lieben“ Uhu Alex. Oder den quirligen, jungen Turmfalken Bennie. Pütz züchtet diese Vögel, trainiert sie und geht mit einigen von ihnen auch zur Jagd. Im Sommer wie im Winter. Nur nicht, wenn es regnet oder heftig stürmt. „Das wäre zu gefährlich für die Tiere.“

Hannah Pütz weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet mit den Vögeln nicht nur aus Spaß. Es ist auch ihr Job. Die Frau, die an diesem Sonntag erst 24 Jahre alt wird, ist Falknerin. Und zwar die jüngste Deutschlands, wie die Düsseldorferin stolz betont. Nur: Wie hat es die junge Frau aus dem Rheinland hierher in die saarländische Provinz verschlagen? „Das liegt daran, dass ich eine Frau bin – und an meiner Oma.“

Alles der Reihe nach. Begonnen hat das Ganze in ihrer Kindheit: „Als kleines Mädchen bin ich fast jedes Wochenende mit meiner Oma raus in den Wald gegangen.“ In Gummistiefeln und mit Zopf stapfte Hannah hinter ihrer Großmutter Almuth hinterher und hörte ihr zu, was sie über die heimischen Kräuter wusste, die Bäume, Sträucher – und die Tiere natürlich. „Sie hat mir die Schönheit unserer Wälder gezeigt“, sagt Pütz. Und so stand für die kleine Hannah schon damals fest, beruflich „irgendetwas mit Natur und Tieren“ zu machen.

Nach dem Abschluss an der Waldorfschule hatte sie sich endgültig festgelegt: „Ich will Revierjägerin werden.“ Sie bewarb sich in einer Revierjägerschule in Baden-Württemberg – und scheiterte. „Sie haben mich nicht gewollt, weil ich eine Frau bin“, sagt Pütz. Sie trauten ihr nicht zu, dass sie als hagere Frau die körperlich anstrengende Arbeit schaffe.

Aber Pütz gab ihren Traumjob nicht auf. „Das passt auch nicht zu mir. Dafür bin ich zu dickköpfig“, sagt sie: Nur wie sollte es weitergehen? „Ich beschloss erst einmal, den Jagdschein zu machen.“ Nebenbei arbeitete sie in einer Gärtnerei. Irgendwann verschlug es die Düsseldorferin in die Eifel, zur Greifvogel-Einsatz-GmbH. Eine Firma, die auf Bestellung beispielsweise mit Falken Tauben von Dachböden vertreibt. Die Firma leitete Jack van Aertz. Der Holländer galt bis zu seinem Tod als Greifvogel-Koryphäe. „Er war mein Mentor“, sagt Pütz. Ihr Blick verrät, dass ihr der Verlust bis heute nahe geht. Aertz gab der Düsseldorferin den entscheidenden Tipp: Geh zum Linslerhof: „Was?“ Ins Saarland: „Wohin?“

In der Falknerei der Jagdschule am Gutshof machte sie ihren Falknerschein – in einer Woche. Nach einem weiteren Monat bekam sie plötzlich das Angebot – als Falknerin, Jägerin und Dozentin dort zu arbeiten. „Das hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Natürlich sagte ich sofort Ja.“ Und seit 15. Januar 2013 ist Hannah Pütz quasi die Falknerin vom Linslerhof.

Ein Beruf, der nicht jeden Fehler verzeiht – „weil sie tödlich sein können“, versichert Pütz. Sie öffnet gerade die Holzpforte des Tennisplatz-großen Vogelgeheges. Den Falken Pars auf dem Arm. Er hat inzwischen eine kleine Lederhaube auf dem Kopf („zur Beruhigung“). Würde sie den Vogel hier frei fliegen lassen, würde er sich womöglich über eines der anderen Tiere im Revier hermachen. „Falken sind in der Regel Einzelgänger.“ Um diese blutigen Kämpfe zu vermeiden, quartiert sie einige Tiere einzeln ein, andere bindet sie an Lederbändern auf Stämmen an – wie Pars beispielsweise.

Nein, man will sich nicht vorstellen, wie der Falke seinen scharfen Schnabel in Eva bohrt, eine kleine Schleiereule, die zu jedem kommt – und direkt losfiept. „Sie ist total weltoffen, hat vor nichts Angst“, sagt die Falknerin. Genau wie der kleine Michel, ein brauner Waldkauz. Mit schläfrigem Blick verfolgt das nachtaktive Tier stets die Shows, die Pütz für Schulklassen und Jagdschüler anbietet. Aber Pütz versichert: „Ihm gefällt die Aufmerksamkeit der Leute sehr. Das erkennt man an seinem aufgeplusterten Gefieder.“ Auch der kleine Kauz trägt ein Lederband um einen seiner flauschigen Füße.

Aber ist das nicht Tierquälerei? Diese Frage kommt eigentlich regelmäßig bei Rundgängen durchs Gehege. „Ich quäle die Tiere hier nicht. Im Gegenteil“, versichert Pütz dann immer. Ihre Falken und Eulen seien durchtrainierter und gesünder als viele ihrer Artgenossen in den Wäldern. Auch leben sie fast doppelt so lange. In freier Wildbahn würden sich die Tiere wenig bewegen. „Sie fliegen eigentlich nur, wenn es ums Überleben geht: Das heißt: essen, paaren und Revierkämpfe“, sagt Pütz mit festem Blick. Solche Fragen verunsichern sie nicht. Pütz kennt sie – und beantwortet sie gern.

Diese Momente erinnern Pütz auch an die Zeit, als sie als kleines Mädchen mit ihrer Oma durch die rheinischen Wälder spazierte, und sie mit ihren Fragen gelöchert habe. Heute haben sich die Rollen vertauscht: Nun ist es Hannah, die Kindern die unbekannte Welt der heimischen Wälder beibringt.

 
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