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Die fatale Angst vorm bösen Wolf

Um das typische Begrüßungsritual kommt Wolfsmutti Tatjana Schneider bei den Polarwölfen nicht herum: Die nasse Wolfszunge fährt ihr einmal über das ganze Gesicht. Und jeder will zuerst „Hallo“ sagen. Da gilt es, standhaft zu bleiben. Fotos: Schönberger

Um das typische Begrüßungsritual kommt Wolfsmutti Tatjana Schneider bei den Polarwölfen nicht herum: Die nasse Wolfszunge fährt ihr einmal über das ganze Gesicht. Und jeder will zuerst „Hallo“ sagen. Da gilt es, standhaft zu bleiben. Fotos: Schönberger

Jeder hat ein Lieblingsessen. Für euch ist es Pizza, Pasta oder ein saftiges Steak. Für uns sind es Innereien. Keine Sorge, es sind nicht eure Organe, auf die wir abfahren. Denn auch, wenn viele von euch das glauben, ihr steht nicht auf unserem Speiseplan. Erst wenn es einen zweiten Urknall gibt und im Wald alle Tiere ausgerottet sind, müssen wir nehmen, was übrig bleibt.

Das massive Eisentor öffnet sich einen Spalt breit. Und sie rennen los. Schneeweiß ist ihr Fell. Durch den Spalt hat Tatjana Schneider soeben das Wohnzimmer der Merziger Polarwölfe betreten. Alles Menschliche hat sie vor dem Tor abgelegt. Für den Moment ist sie voll und ganz Wolf.

Es ist Februar. Paarungszeit bei den Wölfen. Das bedeutet Konkurrenz für Tatjana. Das Wolfspaar springt an ihr hoch und schlabbert einmal mit der großen feuchten Zunge über ihr Gesicht. So, wie es die beiden Wölfe immer machen, hallo sagen. Aber dann ist es auch genug für das Weibchen. Und das zeigt es seinem haarigen Partner mit den spitzen Zähnen. Die Wölfin ist bereit zum Paaren. Da braucht sie die volle Aufmerksamkeit ihres Angebeteten. Ein heulender Ausruf von Tatjana reicht, und im Wolfspark kehrt wieder Ruhe ein.

Was ihr Menschen nicht kennt, fürchtet ihr. Von Generation zu Generation habt ihr euren Kindern das Bild vom bösen Wolf eingeflößt und an sie weitergetragen. In die Köpfe von jedem einzelnen hat es sich eingebrannt – das große graue Biest mit den gefährlich scharfen Zähnen.

Dabei waren wir 150 Jahre lang aus eurem Land verschwunden. Bis sich vor 15 Jahren die Ersten von uns wieder getraut haben, in deutschen Wäldern zu wohnen. Aber das macht ihr uns nicht leicht. Seit unserer Ansiedlung im Jahr 2000 habt ihr 18 von uns gegen das Gesetz ermordet. Warum seid ihr so skrupellos? Wollt ihr eure Wälder für euch alleine haben? Oder für die ohnehin zu hohen Wildbestände?

Wir sind keine Sündiger, aber auch keine Heiligen. Wir stehen nun einmal weit oben in der Nahrungskette. Aber eigentlich wollen wir das Gleiche wie ihr Menschen: überleben und für unsere Familie sorgen. Dazu müssen wir jagen.

Im Wolfspark Werner Freund kriegen die 23 Bewohner ihre Mahlzeiten oft serviert. „Wir haben ein gutes Verhältnis zu den umliegenden Bauern, Hobbyzüchtern und Jägern“, sagt Tatjana. Tote Kälbchen oder angefahrenes Wild landet so oft im Gehege der Wölfe . Die artgerechte Fütterung ist der Verhaltensforscherin sehr wichtig. „Unsere Tiere leben hier fast wie in freier Wildbahn. Sie können auch selbst jagen“, sagt sie. Seit 23 Jahren arbeitet sie täglich mit den Wölfen zusammen. Und lernt jeden Tag noch Neues über das Raubtier dazu. Dabei interessiert sie vor allem eines: Wie tickt der Wolf? Um das herauszufinden, verbringt sie täglich viel Zeit im Gehege, mitten unter den Raubtieren. Angst kennt sie dabei nicht. „Ich ziehe sie schon als Welpen mit der Flasche auf. Irgendwann kenne ich jede ihrer Zellen, jedes einzelne Haar.“ Tatjana fühlt sich wie eine Mutter mit ihren Kindern. Und von denen könnten wir uns einiges abgucken. Denn die Arbeitsteilung in der Wolfs-Familie klappt gut. Fellpflege und Erziehung des Nachwuchses geht alle etwas an. „Wir können von den Wölfen sehr viel über Management und Kommunikation lernen. Bei ihnen gibt es kein aber oder sondern, sie sind einfach direkt“, sagt die Wolfsmutti.

Gelernt hat Tatjana bei ihrem Meister und Verhaltensforscher Werner Freund . Er gründete den Wolfspark vor über 30 Jahren und lebte als Wolf unter den Wölfen. Ging für das Rudel jagen. Aß mit ihnen vom selben Stück Fleisch. Als er 2014 starb, führte sie den Park in seinem Sinne weiter.

Unser Familienleben ist also doch eigentlich gar nicht so anders als das Eure. Dass vor allem die Nutztierhalter unter euch sich über uns aufregen und uns den Tod wünschen, finden wir nicht fair. Kaum gibt eines eurer Schafe auf der Weide den Löffel ab, war es der böse Wolf. Einen Sündenbock muss es ja geben. Doof nur, dass bei der DNA-Analyse dann doch meistens herauskommt, dass wir unschuldig waren. Völlig umsonst also eure peinliche Hysterie. Ihr habt Angst, dass wir euch zu nah kommen. Deshalb wollt ihr uns kontrollieren. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Wenn ihr uns in Ruhe lasst, lassen wir euch in Ruhe. Weil Ihr uns nicht kennt, müsst Ihr den Umgang mit uns neu lernen. Schließlich waren wir 150 Jahre nicht da. Wir wollen nicht vergöttert werden. Wir wollen einfach nur Respekt.

Damit das bei den Kritikern ankommt, ist Aufklärung wichtig. Der Bund hat jetzt eine neue „Dokumentations- und Beratungsstelle zum Thema Wolf“ eingerichtet. Sie soll die Länder besser informieren und beratend zur Seite stehen, was einzelne Fälle angeht. Außerdem soll sie die Entwicklung des Wolfes in Deutschland dokumentieren, so das Bundesamt für Naturschutz .

Aber auch Tatjana Schneider will aufklären. Das Bild vom bösen Wolf, wie wir ihn etwa aus dem Rotkäppchen Märchen kennen, gerade rücken. Einmal im Monat bietet sie kostenlose Führungen durch den Wolfspark an. Erklärt Schulklassen oder anderen Gruppen, wie der Wolf lebt und sich verhält. Für ihren Park bleibt ihr noch ein Traum offen: eines Tages hätte sie gerne ihre Lieblingswölfe im Park, Mackenziewölfe aus Kanada.

 

Zum Thema:

 In den Jahren 2014/2015 lebten in Deutschland 31 Wolfsrudel, acht Wolfspaare und sechs sesshafte Einzelwölfe. Der Wolfsbestand hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland zwar positiv entwickelt, die Erhaltungssituation ist trotzdem ungünstig. Die Rote Liste der gefährdeten Tiere Deutschlands stuft den Wolf als eine vom Aussterben bedrohte Art ein. Ein erwachsener Wolf wiegt im Durchschnitt 40 Kilogramm und hat eine Schulterhöhe von 75 Zentimetern. Er benötigt am Tag zirka drei bis vier Kilogramm Fleisch. Zu seiner Nahrung gehören Rehe, Rothirsche und Wildschweine. Untersuchungen zeigen, dass es nur extrem selten zu Übergriffen von Wölfen auf Menschen kommt und nur unter speziellen Umständen, wie zum Beispiel Tollwut. hep

 

Zum Thema:

1977 errichtete Werner Freund das erste Wolfsgehege und gründete damit den Wolfspark. Er lebte 30 Jahre lang eng mit den Wölfen zusammen, um auf diese Weise möglichst viel über ihr Verhalten zu lernen. In seiner einzigartigen Form machte Freund den Wolfspark weltweit bekannt. Im Park leben folgende Wolfsarten in getrennten Gehegen: Der Timberwolf, eine der größeren Unterarten des Wolfes, die hauptsächlich im Norden der USA und in Kanada vorkommt. Seine Fellfarbe variiert von schwarz, über braun, bis weiß. Der Mongolische Wolf hat etwas kürzere Beine. Er kommt ursprünglich aus weiten Teilen des Himalaya, dem nordwestlichen China, bis in die Mongolei. Außerdem leben im Park Schwedische Wölfe und Polarwölfe. Der Polarwolf zeichnet sich durch sein langes, weiches und weißes Fell aus. Er kommt eigentlich aus den arktischen Räumen. Da er aber sehr anpassungsfähig ist, kann er auch in unseren Wäldern gut leben. hep
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