L125 Neunkirchen Richtung Saarbrücken-Johannisbrücke Kreuzung Neunkirchen-Sinnerthal Vollsperrung, Bauarbeiten bis 01.05.2018, eine Umleitung ist eingerichtet Die Sperrung erfolgt aufgrund von Sanierungsarbeiten am Brückenbauwerk und der Fahrbahn im Bereich "Plättches Dohle" (18.04.2017, 10:58)

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Diese Saarländerin ist Meerjungfrau und stolz darauf

Sie sei ja ein riesiger Fan von Arielle, erzählt Alina. Da ist man fast versucht zu fragen, ob sie den Disney-Zeichentrickfilm vielleicht nicht richtig verstanden hat. Wollte Arielle, die Meerjungfrau, nicht viel lieber ein Mensch sein? Hat sie nicht gesungen: „Flossen, die tragen nicht allzu weit, denn man braucht Beine zum Springen, Tanzen, um zu spazieren“? Und Alina – die hat doch gerade das genaue Gegenteil gemacht und ihre Beine gegen eine Schwanzflosse eingetauscht.

Aber wenn die 19 Jahre alte Saarländerin dann abtaucht in das Schwimmbecken im Saarbrücker „Calypso“-Bad, die Arme nach vorn streckt und mit einigen Flossenschlägen durchs Wasser schnellt – ist man eher versucht zu fragen, was Arielle eigentlich geritten hat, ihre Flosse wegen zweier Beine abzugeben. „Wenn man die Augen zumacht“, sagt Alina, „dann ist das wie Fliegen.“

„Mermaiding“ nennt sich, was Alina Becker-Keipinger da betreibt. Mermaid ist das englische Wort für Meerjungfrau, und damit erklärt sich das eigentlich schon von selbst. Mädchen – und Frauen – verkleiden sich als Meerjungfrau und gehen so schwimmen, im Schwimmbad, im See. Richtige Kurse werden von Schwimm- und Tauchvereinen angeboten, im Internet gibt es zahlreiche Webseiten, auf denen sich Hobby-Meerjungfrauen und auch ein paar -Meermänner zusammenschließen.

In der Region steht Alina, geboren in Saarlouis, gerade erst aus dem Saarland nach Pirmasens gezogen, aber alleine da. Zumindest kennt sie hier niemanden, der die Begeisterung fürs Mermaiding mit ihr teilt. Nicht, dass sie das abhalten würde. Geht sie eben nur für sich ins Schwimmbad. Setzt sich an den Beckenrand, steckt ihre beiden Füße in eine einzelne große Schwimmflosse, streift ein lilafarbenes Fischkostüm über die Beine, robbt ins Wasser und lässt sich fallen, schaltet ab, blendet den Alltag aus.

Der Bademeister muss der Meerjungfrau freilich freundlich gesinnt sein, so ein Flossenschlag kann schließlich auch mal buchstäblich ins Auge gehen. Für die kleinen Mädchen im Schwimmbad ist Alina nämlich so etwas wie die Hauptattraktion. Die schwimmen ihr dann schon mal hinterher und kleben ihr an der Flosse. Und wollen das natürlich unbedingt selbst mal ausprobieren. Wobei die meisten heute nicht mehr Arielle nacheifern, sondern eher den Meerjungfrauen aus der Jugendserie „HO“, die vor ein paar Jahren einen neuen Begeisterungssturm für die Wasserwesen ausgelöst hat.

Meerjungfrau zu sein ist aber gar nicht so leicht und benötigt ein gewisses Maß an Hingabe. Alinas Bikini-Oberteil zum Beispiel ist mit Perlen und Muscheln besetzt, alles selbst angenäht. Und Aussehen ist längst nicht alles. Mit einer Fischflosse muss man erstmal schwimmen können. Man wolle automatisch den Froschbeinschlag mit den Beinen machen, sagt Alina. Aber das gehe ja nicht, weil die in dem Kostüm aneinandergezwängt sind. Und sie habe die Flossenschläge anfangs immer aus den Knien heraus gemacht. Fehler! Aus den Fußgelenken muss das kommen. Nicht, dass einer denkt, das sei ein Kinderspiel.

Was für viele aber am schwierigsten sein dürfte: den Mut aufzubringen, als Meerjungfrau ein Schwimmbad zu besuchen. Da guckt ja jeder. Und mancher findet es lächerlich. Als Alina 2014 angefangen hat mit dem Mermaiding, fragte ihr damaliger Freund: „Ist das nicht ein bisschen kindisch?“ Und Alina: „Nee. Voll mein Ding ist das.“

Die Verwandlung in die Meerjungfrau ist Ausdruck eines ganz anderen Wandels, den Alina durchgemacht hat. Früher, in der Schule, war sie die Außenseiterin, wurde gehänselt, blieb verschüchtert zu Hause. Heute dagegen sagt sie Dinge wie: „Ich bin stolz auf meine Kurven und stehe zu meinem Körper, respektiert das oder lasst es halt bleiben.“ Dieses neue Selbstbewusstsein kam durchs Modeln, das sie neben ihrem Job in der Systemgastronomie betreibt. Und Alina ist kein einfaches Model. Sie bezeichnet sich als „Fetisch-Model“, ihre Genres sind Fantasy und Latex (ohne Nacktheit). Sie steht auch als Meerjungfrau vor der Kamera.

Die Fischflosse ist aber nicht Alinas einzige Verkleidung. Sie wirft sich auch ins Kostüm, um mit ihren Freunden Wikinger- und Mittelalterschlachten nachzuspielen. Verzeihung, „Kostüm“ ist hier der falsche Begriff: „Gewandung“ muss es in dem Kontext heißen, darauf weist Alina hin. Das ist ja keine Fastnacht, sondern „Reenactment“, also die möglichst authentische Nachstellung historischer Ereignisse. Alina lebt so ihre Kreativität aus und lenkt sich ab. „Andere gehen feiern und betrinken sich, ich schlüpfe in eine Gewandung.“

Es mag seltsam erscheinen, dass ein Latex-Model, das Wikinger-Schlachten nachstellt, von Arielle schwärmt und sagt: „Welches Mädchen träumt nicht davon, mal eine Meerjungfrau zu sein?“ Alina meint dazu nur, dass man auch mal kindisch sein müsse. „Erwachsen bin ich lange genug.“ Sie macht das, wozu sie Lust hat. Läuft durch ihre vielen Verwandlungen nicht vor sich davon, sondern entdeckt sich dadurch erst selbst. Das könnte glatt aus einem Disney-Märchen sein.
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