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Dr. Sommer und die „Starschnitte“: Die „Bravo“ wird 60

„Haben auch Marilyns Kurven geheiratet?“ Auf dem Cover der ersten Ausgabe der „Bravo“ kündigt ein „Bericht aus London“ Antwort auf diese drängende Frage an – neben dem Konterfei des größten Sex-Symbols der 50er Jahre. Die „Bravo“ trifft damals das Lebensgefühl der Jugend, eine Mischung aus Rebellion, Coolness und Melancholie. Die Vorbilder sind Marilyn Monroe, James Dean und Elvis Presley. Auf dem Zeitschriftenmarkt erobert sich die „Bravo“ schnell eine führende Position, denn die Macher haben einen guten Riecher für die Sehnsüchte ihrer Leser: „Die Zeitschrift mit dem jungen Herzen“ – das war einst der Untertitel.

 

„Starschnitte“ an der Wand

Stars und Sternchen stehen im Mittelpunkt; 1959 kann man sich mit dem „Starschnitt“ erstmals sein Idol in Lebensgröße ins Jugendzimmer heften. Brigitte Bardot macht den Anfang, die Mädels dürfen wenig später den „deutschen Elvis“ Peter Kraus über dem Bett anschmachten. Gewinner der ersten Otto-Wahl, einer Umfrage zu den beliebtesten Stars der Leser, ist James Dean. 1966 gelingt es der Redaktion, die Beatles zu einer „Blitztournee“ nach Deutschland zu holen. „Deutschlands größte Zeitschrift für junge Leute sorgt für die Beatsensation des Jahres“, war auf den Plakaten zu lesen.

 

„Bravo“-Reporter sind berühmt-berüchtigt dafür, sich für exklusive Stories und die erhoffte Leserbindung recht unkonventioneller Methoden zu bedienen. 1969 bringt Fotograf Bubi Heilemann Tom Jones in einem 600er Mercedes direkt vom Rollfeld zum „Bravo“-Shooting. „Bravo entführt Tom Jones!“ titelt der Boulevard. Abba lassen sich von Heilemann in Frack und Strapsen fotografieren, Fotograf Fryderyk Gabowicz singt angeblich so lange „Let it be“ vor der Garderobe von Paul McCartney, bis der Beatle sich schließlich von ihm ablichten lässt.

 

Nena, unübertroffen

Daneben schafft es die Redaktion, ein vertrauensvolles Verhältnis zu einigen abgeschirmten Superstars aufzubauen, was ihr exklusive und lukrative Stories beschert. Chefreporter Alex Gernandt etwa begleitet Michael Jackson Jahre lang als einziger Journalist zu Videodrehs. Viele Künstler starten ihre Karriere als Titelstars: So ist Nena ab 1982 sage und schreibe 27 Mal auf dem Cover abgebildet. Im August 2005 berichtet das Blatt erstmals über Tokio Hotel. Wenige Wochen später gilt die Band als „Newcomer der Stunde“. Im Herbst 2005 erhält die Redaktion allein 56 000 Liebesbriefe für die Magdeburger Jungs.

 

Doch es sind nicht in erster Linie die Stars, weshalb sich die Teenies die „Bravo“ aus den Händen reißen. Zum roten Tuch für konservative Lehrer und Eltern wird das Magazin durch seine freizügige Sexualberatung, mit der es in den 60er Jahren ein Tabu bricht. Die „Bravo“ reagiert mit diesem Angebot auf die Bedürfnisse der Pubertierenden genauso – für viele Jugendliche ist die Zeitschrift die einzige Quelle sexueller Aufklärung –, wie sie im Wind der sich ankündigenden „Sex-Welle“ segelt. Anfangs vertrauen die Teenies ihre intimsten Gedanken noch der Romanautorin Marie Louise Fischer an (Pseudonym: „Dr. Kirsten Lindstroem“). 1969 übernimmt der Arzt und Psychotherapeut Martin Goldstein alias „Dr. Jochen Sommer“ deren Job, bevor ein Team aus Experten – Ärzte und Psychologen – die Zuschriften der Leser bearbeitet. Aufsehen erregen 1972 zwei „Bravos“ mit Artikeln zur Onanie, die als jugendgefährdend eingestuft und indiziert werden. Auf den Index gerät das Blatt darüber hinaus 1995 wegen Nacktbildern einer 13-Jährigen sowie 1996 wegen Fotos gewaltverherrlichender Bühnenshows sowie pornografischer Liedtexte.

 

Wer in den 50er oder 60er Jahren Teen war, den mögen beim Blick in eine aktuelle Ausgabe nostalgische Gefühle umschleichen. Denn manch legendäre Rubrik – die Foto-Love-Story, Dr. Sommer und der Otto-Leserpreis – hat die Zeiten überdauert. Im Jubiläumsjahr 2006 kaufte knapp ein Drittel aller Teens zwischen 12 und 19 Jahren das Blatt – 2,2 Millionen Jugendliche jeden Monat.

 

Der Absturz

Doch heute liegt die Auflage der Print-Version bei weniger als 200 000 Exemplaren; die Redaktion kämpft mit den roten Zahlen. 2014/2015 setzte man mit einer inhaltlichen und gestalterischen Radikalkur Akzente für die Zukunft. Lesercharts ermittelt die „Bravo“ schon länger per SMS- und Internetvoting. Über Partnerschaft und Sexualität informieren sich Jugendliche heute im Internet. Dem Sparzwang in den Printmedien fiel bei der „Bravo“ schließlich die bis vor zwei Jahren in Amt und Würden stehende langjährige Leitung des Dr.-Sommer-Teams („Was immer dich bewegt – wir sind für dich da“) zum Opfer. Und seit 2014 erscheint die „Bravo“ nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch 14-tägig – vielleicht ist der 60. ihr letzter runder Geburtstag.
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