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EU: Praktikanten sollen nicht mehr ausgebeutet werden

Sechs Monate hat EU-Sozialkommissar László Andor gebraucht, um sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Keine Ausbeutung von Praktikanten mehr – so lautete gestern seine zentrale Forderung, als er EU-weite Standards vorschlug. Vor einem halben Jahr stand der Kommissar selbst noch am Pranger. Da hatten nämlich ausgerechnet die Praktikanten der EU-Institutionen Alarm geschlagen. „Wann hattest du das letzte Mal etwas anderes als ein Sandwich zu Mittag?“, lautete ihr Motto, mit dem sie gegen miserable Bezahlung, nicht vorhandene Betreuung und noch schlechtere Anschlussperspektiven im Beruf protestierten.

Das ist längst kein Einzelfall mehr. In Internetforen beschweren sich junge Menschen über „demütigende Behandlungen“. Ein Praktikant müsse den nächsten einarbeiten. Einige wurden am Arbeitsplatz als „minderbemittelt“ beschimpft. Ein anderer beklagte sich, dass er während seines Praktikums tagelang private CDs von Kollegen kopieren musste – im Büro. „Es kann nicht hingenommen werden, dass manche Praktikanten derzeit als unbezahlte und billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden“, sagt EU-Kommissar Andor.

Im Saarland sieht man das genauso. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordere schon lange eine „wirksame Regulierung von Praktika“, betont Thomas Schulz, Sprecher des DGB Saar. Die Problematik „prekärer“ Praktika sei hierzulande ja nicht neu. Es dürfe nicht länger hingenommen werden, dass Praktikanten ausgenutzt werden. Außerdem brauche es klare Vorgaben zur Bezahlung.

Mit neuen Leitlinien will die EU nun die 28 Mitgliedstaaten dazu anhalten, Regelungen zu erlassen, die für mehr Klarheit und Verlässlichkeit stehen. So sollen Praktika auf sechs Monate begrenzt sein. Am Anfang müsse eine schriftliche Vereinbarung zu Lernzielen, Betreuung, Arbeitszeit und eventueller Bezahlung stehen, schlägt Sozialkommissar Andor vor. Schon aus der Ausschreibung soll unmissverständlich hervorgehen, ob es sich um eine bezahlte oder unbezahlte Tätigkeit handelt. Ausnahmen wird es nach den Vorstellungen der Kommission lediglich für Tätigkeiten geben, die Bestandteil des Studiums oder der Berufsausbildung sind. Aber wer in der privaten Wirtschaft, bei Behörden oder staatlichen Organisationen arbeitet, darf künftig auf deutlich bessere Absicherung hoffen. Andor: „Ein Praktikum muss qualitativ hochwertige Arbeitserfahrungen zu fairen Bedingungen sichern und somit die Chancen auf einen Arbeitsplatz steigern.“

Ob eine Empfehlung der EU an die Staaten ausreiche, die Ausbeutung von Praktikanten einzudämmen, bezweifelt Timm Lau. Der Arbeitsrechtler von der Arbeitskammer des Saarlandes fürchtet eine „Luftnummer“, wenn „es sich nicht um eine Verordnung handelt, die in nationales Recht gegossen wird“. Grundsätzlich ziele der Vorstoß in die richtige Richtung, denn „das Problem, dass Praktikanten nichts beigebracht bekommen, nur Hilfsarbeiten machen dürfen und am Ende dann nicht übernommen werden, ist uns bekannt“. Wenngleich sich Betroffene nur selten gegen die Ausbeutung wehrten – aus Scham oder Angst, sich den Weg zur festen Stelle zu verbauen. Ihre Arbeitgeber nutzten dies schamlos aus. „Das ist ein Geschäft mit der Hoffnung“, sagt Lau.

Allein in Deutschland absolvieren derzeit pro Jahr rund 1,9 Millionen junge Leute eine befristete Tätigkeit im Rahmen eines Praktikums. Eine verlässliche Zahl für das Saarland gibt es nicht, sagen die Experten. Denn es gibt, je nach Form des Praktikums, keine Meldepflicht. Auch das trage zur „Grauzone“ Praktikum bei, sagt Lau.

Der Vorschlag aus Brüssel muss nun zunächst von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden. Bis er in Kraft tritt, könnte es 2015 werden.

 

Meinung

Deutlich besser als nichts

Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Viele Erfahrungen sind bitter. Arbeitgeber bedienen sich williger Praktikanten und übertragen ihnen Tätigkeiten, die nichts mit Berufsvorbereitung zu tun haben. Wobei die Lage in Deutschland vergleichsweise gut ist. Vor allem größere Unternehmen haben schon vor Jahren standardisierte Verfahren für die Einstellung und Bezahlung von Praktikanten erlassen. Das Problem sind häufig die mittelständischen und kleinen Betriebe. Das weiß man auch in Brüssel und hat wohl deshalb darauf verzichtet, noch weitergehende Forderungen zu stellen. Deshalb sucht man in der Vorlage vergeblich nach Mindestlöhnen oder umfangreichen Absicherungen. Eine schriftliche Vereinbarung soll die Lösung sein. Das klingt wenig, ist aber angesichts der Situation in einigen Betrieben schon ein großer Schritt.
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