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Eine Treckerreise ins Unbekannte

 Viele Menschen träumen von einer außergewöhnlichen Reise in unbekannte Regionen. Gerade in Zeiten von Billigfliegern scheint Fernes allzu nah. Auch der 65-jährige Horst Kissel aus Kirkel wollte mal weg. Doch was ihn von anderen unterscheidet, ist sein fast 10 Meter langes und mit 22 Pferdestärken ausgestattetes Traktorgespann, mit dem er Deutschland erkundete. Und unterwegs sogar für einen Bankräuber gehalten wurde.

Die Idee mit einem Traktor auf Reisen zu gehen, knüpft an Kindheitserinnerungen an. Kissel wuchs in Bottrop in der Nähe eines Bauernhofes auf. Während der Kartoffelernte im Herbst kletterte er oft auf den Traktor und genoss den Blick über die Felder. „Irgendwie hat mich dieser Traktor verfolgt“, erzählt Kissel, der mit 60 Jahren den Entschluss fasste, die Welt aus einer entschleunigten Perspektive zu betrachten.

Vom Entdeckergeist gepackt, kaufte er sich einen restaurierten 57 Jahre alten Traktor der Firma Kramer, Modell KL 220. Mit Hilfe seines Bruders, der Elektromeister ist, baute er einen Wohnwagenanhänger komfortabel aus und fuhr mit der außergewöhnlichen Kombination probeweise erste kleine Touren im Saarland. Dabei stellte er in philosophischer Manier fest, dass „alleine fahren eine Meditation ist, fast wie Yoga“.

Seine große Deutschland-Tour startete Kissel am 21. Mai in Kirkel. Sie führte ihn zunächst 600 Kilometer nach Oberbayern zu seinem Bruder, wo ein befreundeter Mechaniker den Traktor-Motor überprüfte und das Getriebe generalüberholte. Anschließend lenkte der passionierte Motorsportfan sein Gefährt nach Sachsen zum Motorrad-Grandprix am Sachsenring. Dort besuchte er auch langjährige Freunde. Nach Stationen in Brandenburg und Berlin landete er am Müritzsee inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte, wo er sich in Anlehnung an Goethes Faust dachte: „Augenblick verweile doch! Du bist so schön“. Der See markierte obendrein den Wendepunkt seiner Reise. Von dort ging es wieder ganz gemächlich zurück ins Saarland.

„Den Traktor bring ich auf 20 km/h Spitze, aber ich wollte mir ja Zeit lassen, deshalb ging ich es mit 18 km/h eher gemütlich an“, sagt Kissel mit schelmischem Gesichtsausdruck. So legte er insgesamt rund 2900 Kilometer zurück. Täglich fuhr er um die 60 bis 90 Kilometer.

Unterwegs reagierten die Menschen sehr unterschiedlich auf ihn. Von den verschiedenen Begegnungen und Impressionen wird ihm aber ein Vorfall besonders im Gedächtnis bleiben. Als er am 14. August östlich von Hannover auf der Straße grelles Blaulicht bemerkt, wird er plötzlich von Polizeibeamten gestoppt. „Sie forderten mich höflich, aber bestimmt auf, meinen Ausweis zu zeigen“, berichtet Kissel. Als er wissen wollte, warum, bekam er nur zu hören, dass er ein schweres Verbrechen begangen haben soll. Anschließend wurde er von den Beamten im Polizeiwagen mitgenommen, um auf der Wache seine persönlichen und biometrischen Daten zu erfassen. Später erfuhr er dann, dass ein Zuschauer der Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ vom 12. August, bei der der Fall eines „Senior-Bankräubers“ in Regensburg nachgestellt wurde, ihn in diesen zu erkennen glaubte. „Ich teilte ihnen mit, dass ich zur besagten Tatzeit gar nicht in Regensburg gewesen bin“, erzählt Kissel. Nach der zweistündigen Prozedur durfte er die Wache wieder verlassen. „Selbst meine Frau, die die Sendung gesehen hat, meinte, ich habe Ähnlichkeit mit dem gesuchten Räuber“, berichtet Kissel schmunzelnd.

Nach diesem Intermezzo setzte Kissel seine Heimreise aber ohne Probleme fort. Am 4. September kam er wieder zuhause an und verarbeitet nun die gewonnenen Eindrücke der 107-tägigen Reise an der Seite seiner Frau.

Die meditative Reise ist sozusagen der Gegenpol zu einem turbulenten, oft kräftezehrenden Arbeitsleben. Nach der Wende arbeitete Kissel als Bezirksleiter der IG-Bergbau in Sachsen. Bei der Wahl zum sächsischen Landtag 1994 kandidierte er für die SPD in Chemnitz, musste sich jedoch mit beachtlichen 26,5 Prozent der Stimmen gegen den Direktkandidaten der CDU , Wolf-Dieter Beyer, geschlagen geben.

Da die sonnigen Sommertage nun passé sind, wird der Traktor „jetzt erstmal neben das Motorrad in die Garage gestellt, bevor es nächstes Jahr wieder auf große Reise geht“.
 
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