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Einer der größten Hindu-Tempel Deutschlands steht in Sulzbach

Die Muttergöttin ist frisch gebadet, in fein gefältelten Stoff gehüllt, Ketten aus Blumen und Zitronen hängen um ihren Hals. Sri Maha Mariamman ist die hauptindische Muttergöttin, ihr ist der gleichnamige Tempel gewidmet, der in Sulzbach-Altenwald in einem unscheinbaren Haus versteckt liegt. 1994 richteten Tamilen ihn in einer ehemaligen Gaststätte ein, als einen der ersten von heute 20 Hindu- Tempeln in ganz Deutschland.

Er ist flächenmäßig der Größte im Südwesten Deutschlands und zieht auch Hindus aus Luxemburg, Frankreich, Rheinland- Pfalz und Baden-Württemberg an. Heute sind nur Sukithasan Sanmugasarma, der Priester, und sein Neffe, Kajen Jegatheesan, im Tempel. Doch an Festtagen kämen bis zu 300 Leute, erklärt Sanmugasarma. Zu den Füßen der Muttergöttin steht eine kleine Schüssel Reis. Dreimal am Tag bringt der Priester ihr Speisen als Opfergabe dar. Jeden Morgen badet er sie und die anderen Götterstatuetten aus Lavastein, kleidet sie an und schmückt sie. „Sie werden wie Menschen behandelt“, erklärt Kajen. Der 25- Jährige studiert Physik und erklärt begeistert die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Hinduismus: „Viele Elemente sind aus den Naturwissenschaften abgeleitet.“ So glauben Hindus etwa an das Karma. „Wenn du etwas Schlechtes tust, kommt etwas Negatives zurück. Tust du etwas Gutes, kommt Positives zurück“, sagt Kajen. Jede Handlung habe unmittelbare Folgen – ähnlich dem dritten Newtonschen Gesetz von Aktion und Reaktion. Für Kajen ist der Hinduismus eine Mischung aus Glaube, Philosophie und Wissenschaft. „Er ist weniger eine Religion als vielmehr eine Anleitung, wie man sein Leben gestalten kann.“

Die höchste Kaste der Hindus Sein Onkel wurde auf Sri Lanka in die Kaste der Priester, die höchste Kaste der Hindus, geboren. Damit war sein Weg vorgezeichnet. Als er sieben Jahre alt war, begannen Gurus, ihn zum Priester auszubilden. 1992 floh der heute 42-Jährige vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Seit 1994 lebt und arbeitet er im Tempel und fühlt sich als Deutscher, wie er sagt: „Ich habe mein halbes Leben hier verbracht.“

Um seine Hüften ist ein Tuch geschlungen, auf seiner nackten Brust ruhen goldene Ketten, Oberarme und Stirn sind mit weißer Asche bemalt, der Vollbart akkurat gestutzt. Normalerweise beträten alle Männer den Tempel mit nacktem Oberkörper, erklärt Kajen. Doch hier in Sulzbach machten das die wenigsten. Zu kalt? „Ja, man muss die Religion ein wenig an die Gegebenheiten anpassen.“

Gerade haben die Hindus Navaratri gefeiert, das Fest der neun Nächte, das den Göttinnen Durga, Lakshmi und Sarasvati geweiht ist. Die Gläubigen haben mehrere Dutzend Götterstatuetten in allen Größen und Farben in den Tempel gebracht. „Jede Hindu-Familie hat zuhause ihren eigenen Schrein, meist in einem eigenen Raum“, sagt Kajen. Nun stehen die Götter aufgereiht im Tempel, über ihren Köpfen blinkt eine bunte Lichterkette. Sanmugasarma wird sie segnen und den Gläubigen nach neun Tagen wieder mitgeben.

Navaratri ist auch eine Zeit des Fastens. „Kein Fleisch, Fisch, Ei, Alkohol und Nikotin“, zählt Kajen auf. Ein Muss für einen guten Hindu? „Bei uns gibt es kein Muss“, erwidert er. Jeder könne sich so verhalten wie er wolle und sei für seine Taten selbst verantwortlich.

„Wenn jemand einen Kreis malt und sagt, das sei von nun an sein Gott, dann darf er das“, erklärt er. Und wer beschließe fortan Hindu zu sein, der sei eben Hindu. „Es gibt keine Taufe, jeder ist willkommen.“

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