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Ende eines sündhaft teuren Abenteuers: Völklinger Meeresfischzucht macht bis Ende Juni dicht

Vor zwei Jahren wurden die ersten kleinen Störe in Becken der Völklinger Meeresfischzucht eingesetzt.

Vor zwei Jahren wurden die ersten kleinen Störe in Becken der Völklinger Meeresfischzucht eingesetzt.

Im Drama um die Völklinger Fischzucht beginnt der letzte Akt. Nach fünfstündiger nichtöffentlicher Debatte hat der Völklinger Stadtrat am Montagabend beschlossen, die Anlage stillzulegen. Bis zum 30. Juni soll die Liquidation der Meeresfischzucht Völklingen GmbH (MFV), einer Tochter der Völklinger Stadtwerke , über die Bühne sein. „Unverzüglich“, so heißt es im Beschluss, muss die Geschäftsführung nun Doraden, Wolfsbarsche, Kingfische und Störe aus den Becken fischen und verkaufen. Rund 180 Tonnen insgesamt seien das noch, sagt Wolfgang Bintz ( CDU ), Völklinger Bürgermeister und seit Herbst 2014 Geschäftsführer der Stadtwerke . Zugleich sind die Finanzen zu regeln – das wird kompliziert, denn die MFV hat millionenschwere Schulden. Dann fällt der Vorhang für ein Abenteuer, das seit seinem Beginn für endlosen Streit gesorgt hat.

Rückblende: 2007 sucht Völklingens Oberbürgermeister Klaus Lorig ( CDU ) nach einem Zeichen im Strukturwandel. Und nach Gewerbe-Ansiedlungen, um ehemalige Bergbauflächen zu beleben. Irgendwie stoßen Rathausspitze und Stadtwerke-Leitung auf eine neue Technologie zur meeresfernen Aufzucht von Seefischen. Zukunftsträchtig angesichts der Überfischung der Ozeane . Ökologisch korrekt, weil als Kreislaufsystem mit minimalem Abfall angelegt. Die Idee zu Pioniertaten entsteht: Die neue, noch nicht im großen Maßstab erprobte Technik soll in Völklingen ihre industrielle Premiere feiern. Und da für eine Meeresfischzuchtanlage im Binnenland kein privater Investor in Sicht ist, legt die CDU-Stadtführung das Projekt in die Hände der Stadtwerke . Die CDU-Mehrheit im Stadtrat macht mit. Die CDU-Mehrheit im Landtag ändert sogar das kommunale Selbstverwaltungsgesetz: Sie lockert die Regel, nach der Kommunen sich nicht wirtschaftlich betätigen dürfen.

Es wird geplant, es wird gebaut. Begleitet von Pleiten, Pech und Pannen – Partner verschwinden insolvent von der Bildfläche, der Bau verzögert sich, die ersten Jungfische kommen erst mit jahrelanger Verspätung. Die Kosten steigen. Veränderte Mehrheiten nach den Kommunalwahlen 2009 und 2014 machen das Projekt politisch schwieriger, jede Finanz-Entscheidung stiftet Streit.
 

Gute Qualität, kein Vertrieb



Im April 2014 gibt es die erste Fisch-Ernte. Doch trotz guter Qualität des Produkts bleibt der Absatz weit hinter den Erwartungen zurück: Stadtwerke-Chef Jochen Dahm ( CDU ) hat keinen Vertrieb aufgebaut. Anteils-Verkäufe, angeblich reif für den Notar, kommen nie zustande. Hohen Anlaufverlusten und konstanten Betriebskosten stehen minimale Einnahmen gegenüber. Im Herbst 2014 platzt die Blase. Die Fischzucht steht vor der Insolvenz und droht, ihre Stadtwerke-Mutter mitzureißen. Der Aufsichtsrat feuert Dahm und einen Prokuristen . Bintz übernimmt. Externe Berater und Gutachter kommen ins Haus. Die neuen Chefs absolvieren einen Gesprächs-, Stadtrat und Aufsichtsräte einen Sitzungsmarathon. Ziel: die Stadtwerke mit ihren fast 250 Arbeitsplätzen am Leben zu erhalten. Das Riesen-Defizit der MFV hat die ohnehin bestehende Schieflage des Stadt-Konzerns zur gefährlichen Schlagseite gemacht. Und weil den Stadtwerken seit 2012 testierte Bilanzen fehlen, erhalten sie auf normalem Weg keine Darlehen mehr, Notkredite fließen.

Bis Ende März soll die MFV verkauft werden, beschließt der Rat am 11. Februar. Über 20 Interessenten melden sich, doch keiner will mehr als einen Euro zahlen. Jetzt ist der Rat noch immer offen für einen Verkauf, doch er wartet nicht mehr auf den weißen Ritter – er will das Ende der Fischzucht. Das wird teuer. Mehr als 20 Millionen Euro Kredite und eine Million Euro Liquidationskosten zusammengerechnet, sind für die Schließung zu kalkulieren. Mit der Saar-LB ist inzwischen ausgehandelt, dass sie für den nötigen Kreditrahmen einsteht. Das sichert den Stadtwerken die Bilanz-Testate und in der Folge wieder Liquidität . Im Mai soll nach Bintz' Auskunft das frische Geld fließen – für die Stadtwerke ist es überlebenswichtig.

Darf eine Kommune sich einlassen auf ein solches Abenteuer? Nein, sagen heute Rathausspitze und Kommunalpolitiker aller Couleur. Und: Solch ein Vorhaben gehöre in die Hand von Fachleuten. Aber, fügen die einstigen Verfechter der Völklinger Fischzucht hinzu, beim Start habe man von den Risiken nichts geahnt. Und erst im Nachhinein sei deutlich geworden, wie schlecht das Ganze gemanagt worden sei.
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