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Es wird an der Uhr gedreht: Schaltsekunde am Mittwoch verlängert das Jahr 2015 um eine Sekunde

Der Kontrast könnte kaum größer sein: eine klassizistische Villa mit Marmorsäulen und Fresken – und in dieser Pracht stehen Großrechner und hängen Bildschirme mit Zahlenkolonnen an der Wand. Als die Familie Mumm von Schwarzenstein 1903 in die 70-Zimmer-Villa in Frankfurt zog, hätte sich die Champagner-Dynastie wohl kaum träumen lassen, dass 100 Jahre später von hier aus die Drehung der Erde überwacht wird.

Das ist auch am 1. Juli von großer Bedeutung. Denn die Nacht zum Mittwoch dauert eine Sekunde länger: Durch eine Schaltsekunde werden alle paar Jahre zwei Zeitmessungen in Übereinstimmung gebracht: die immer gleich schnell tickende Zeit der Atomuhren und die am Stand der Sonne gemessene astronomische Zeit. Sie verändert sich, weil die Erdkugel nicht völlig gleichmäßig um ihre Achse rotiert: Sie wird langsamer, schwingt und eiert. Ausgelöst wird das durch die Anziehungskraft des Mondes oder durch Hoch- und Tiefdruckgebiete beim Wetter.

Festgelegt werden die Schaltsekunden von einer Pariser Einrichtung. Aber ab wann eine solche Schaltsekunde nötig ist, dazu leisten Mitarbeiter in der Frankfurter Villa einen entscheidenden Beitrag. Dort sitzt der „International Earth Rotation and Reference Systems Service“, kurz IERS. Das Zentralbüro für die Erdrotationsüberwachung ist seit 2000 Untermieter beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG). 200 Mitarbeiter kümmern sich beim BKG um Geo-Daten für Navigationssysteme oder Landkarten. Dazu kommen 70 Kollegen in Leipzig und 25 im Observatorium Wettzell im Bayerischen Wald. Fünf Experten arbeiten für den Erdrotationsdienst IERS.

Ins Weltall schauen und auf der Erde messen – das ist im Kern, was IERS-Direktorin Daniela Thaller und ihr Team tun. Sie werten die Signale aus, die 25 Beobachtungsstationen in Deutschland von den Satelliten im All empfangen, fügen sie mit internationalen Daten zusammen und ziehen daraus Rückschlüsse über die Bewegung der Erde. Wie das IERS-Team die Rotation misst, ist für Laien kaum verständlich. Zu sehen ist ohnehin nichts außer Computern. Im Prinzip, erklärt Thaller, richtet man zwei Teleskope auf den selben Punkt im All, dann sieht man anhand der empfangenen Radiosignale, wie schnell sich die Erde darunter weggedreht hat.

Und was würde ohne die Schaltsekunden passieren? Dann würde „in ein paar Millionen Jahren die Sonne nicht mehr morgens, sondern mittags aufgehen“, erklärt Thaller.

Doch bei der Umstellung könnte es durchaus Probleme geben: Während die meisten Uhren den Sprung bewältigen werden, kommt so manche Software mit einer zweiten 60. Sekunde nicht gut klar. Bei der Schaltsekunde 2012 wurden mehrere Websites lahmgelegt, das Buchungssystem der australischen Fluggesellschaft Qantas fiel zeitweise aus. Inzwischen gibt es viel Widerstand gegen das 1972 eingeführte Zeitsystem. Hauptargument für eine Abschaffung der Schaltsekunden sei, dass Fehlerrisiken und Mehraufwand wegfielen, erklärt Wolfgang Dick vom IERS-Zentralbüro. „Allerdings ist auch klar: Irgendwann muss man korrigieren, schon eine Stunde Differenz ist im Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen deutlich spürbar.“
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