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Esoterik: Boom mit vielen Schattenseiten

Saarbrücken. Die phantastische Reise zu Ihrem idealen Herzenspartner. Von alten Mustern befreien: Heilung durch reines Bewusstsein. Ihr Zuhause als Energietankstelle. Bluthochdruck und Diabetes heilen – statt behandeln. So leicht kann Leben sein: Vom Opfer zum Schöpfer. Heilung aus dem Geist: Kommt, seht und erlebt Wunder.“

Diese und andere Versprechungen stehen im Programmheft der Esoterik-Messe „Spirit & Heilen“. An diesem Wochenende veranstaltet der Pfälzer Verlag „Grenzenlos“ die Messe in der Saarbrücker Congresshalle – und Tausende werden sich die Angebote der rund 100 Aussteller anschauen. In den vergangenen Jahren kamen 3000 Besucher.

Schamanen, Geistheiler und Kartenleger

Die Branche boomt, vor allem im Regionalverband. In der Landeshauptstadt gibt es mehrere einschlägige Verlage und Läden sowie unzählige Schamanen, Geistheiler und Kartenleger, auch in kleinen Stadtteilen.

Sie bieten nicht nur ihre Dienstleistungen an, sondern geben ihr angebliches Wissen in teuren Seminaren an angehende Therapeuten oder Lebensberater weiter. So wird der Markt immer größer, die Anbieter hoffen auf große Gewinne: Die spirituelle Industrie setzt bundesweit 18 bis 25 Milliarden Milliarden Euro pro Jahr um. „Die Esoterik- Szene ist riesig und stark kommerzialisiert: Die Anbieter kreieren Trends, Stars und vollmundige Slogans, um die Nachfrage anzukurbeln. Ein riesiger Marktplatz ist das Internet, es befördert den Boom“, sagt Matthias Neff, Experte für Weltanschauungsfragen beim Bistum Trier. Neff hat in Beratungsgesprächen die gefährlichen Auswüchse der Esoterik kennengelernt: Eine Frau, die sich an einen Voodoo-Meister gewandt hatte, um einen Liebeszauber zu entfachen – und sich nicht mehr vom Meister lösen konnte.

Sie wurde abhängig von ihm, verlor viel Geld. Als sie endlich beschloss, seine Dienste nicht mehr in Anspruch zu nehmen, konnte sie es ihm nicht mitteilen. Sie hatte panische Angst, von ihm verflucht zu werden.

Neff traf auf Eltern, die ihr am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leidendes Kind von einem Schamanen behandeln ließen. Er versuchte, dem Jungen einen Dämon auszutreiben. Ein traumatisches Erlebnis.

Es gab Fälle, in denen schwerkranke Menschen auf einen Heiler vertrauten, Ärzte ablehnten – und schnell starben. „Esoterik ist nicht grundsätzlich gefährlich, es gibt viele harmlose Angebote“, sagt Neff. Esoterik könne aber gefährlich werden – vor allem für Menschen, die in einer Lebenskrise stecken. Wenn diese auf Psychotherapeuten verzichten und stattdessen auf Heiler setzen, riskieren sie, dass sich ihre Situation drastisch verschlimmert: „Sie verlieren dann den Bezug zur Realität, vernachlässigen den Beruf, verschulden sich, kapseln sich von ihrer Familie und ihren Freunden ab.“ Manche Esoterik-Angebote zielten von vornherein darauf ab, ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zu schaffen.

Doch warum blüht die Esoterik- Industrie? „Sie bietet schlichte Antworten auf schwierige Fragen und suggeriert, jeder könne mithilfe einfacher Methoden glücklich werden – und für immer bleiben.“ In einer komplexen, unsicheren und stressigen Zeit kämen einfache Lösungen und Heilversprechen gut an. Zudem würden sich viele Menschen nach Spiritualität sehnen, Religion aber gleichgültig gegenüberstehen.

Blind vor Hoffnung

Roland Häke, Veranstalter der Messer „Spirit & Heilen“ kennt die Kritik an der Esoterik: „In der Esoterik gibt es – genauso wie in der Schulmedizin – unseriöse Angebote. Auf unserer Messe gibt es jedoch nur seriöse Aussteller, die keine Heilversprechen abgeben“, sagt Häke, der die Saarbrücker Messe seit 1999 veranstaltet. Esoterik-Kritik erinnert ihn mitunter an die Inquisition: „Wir sollten die positive Wirkung in den Fokus rücken: Was einige für Humbug halten, hat schon vielen geholfen, gerade bei chronischen Krankheiten.“ Im Übrigen könnten auch Schulmediziner nicht garantieren, dass ihre Behandlung anschlägt. Zudem sei die Frage „welche Motivation hinter der Esoterik-Kritik der Kirchen steckt: Fürsorge oder Angst, Mitglieder zu verlieren?“ Er setze darauf, dass Menschen, die Esoterik-Angebote nutzen, „ihren Verstand einsetzen und kritisch hinterfragen, ob sie es mit einem guten oder schlechten Heiler zu tun haben.“

Matthias Neff sieht solche Appelle kritisch. Viele Menschen, die einen Heiler aufsuchen, könnten diesen nicht hinterfragen: „Sie sind blind vor Hoffnung. Außerdem handelt es sich nicht um ein Verhältnis auf Augenhöhe: Der Heiler spricht sich außergewöhnliche Fähigkeiten zu – und steht über seinem Kunden.“ So entstehe schnell ein Abhängigkeitsverhältnis – in dem der Kunde nicht geschützt sei: „Ärzte haben eine fundierte Ausbildung, ihre Methoden sind wissenschaftlich erprobt. Dennoch klären sie über die Risiken einer Behandlung auf. Heiler hingegen weisen fast immer jegliche Verantwortung von sich.“ Die meisten Heiler sichern sich rechtlich ab, indem sie ihre Kunden unterschreiben lassen, dass kein Heilversprechen gegeben wurde. Die Bezeichnung „Heiler“ ist ebenso wenig geschützt wie „Therapeut“. Daher warnt Neff: „Esoterik ist ein knallharter Markt. Der unkritische Verbraucher ist ihm fast schutzlos ausgeliefert.“

AUF EINEN BLICK

Der Begriff Esoterik ist vom griechischen Wort „esoterikos“ abgeleitet, was „zum inneren Kreis gehörig“ bedeutet. Esoteriker nehmen für sich in Anspruch, über Geheimwissen und besondere Begabungen zu verfügen, etwa mit dem Jenseits zu kommunizieren oder Krankheiten zu heilen. gha

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