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Flucht: Afghane (15) will in Saarbrücken bleiben

Navid Rahimi (l.) und seine Mitschüler aus Afghanistan genießen den Unterricht.

Navid Rahimi (l.) und seine Mitschüler aus Afghanistan genießen den Unterricht.



Saarbrücken. Olia Akbari ist 15 Jahre alt und kommt aus Kundus in Afghanistan. Heute drückt er die Schulbank in Malstatt. Der Redaktionscomputer sagt, das seien 7002 Kilometer bei einer Reise von 3 Tagen und acht Stunden auf zum Teil mautpflichtigen Straßen. Der Computer hat keine Ahnung. Olias Reise nach Saarbrücken war eine Odyssee durch Krisengebiete, an deren Ende ein junger Mann wieder lachen gelernt hat. Als ihn die Bundespolizisten an der Goldenen Bremm aus dem Zug holten, war er am Ziel einer langen Reise. Er kam als Flüchtling in einem Alter, in dem gleichaltrige deutsche Kinder wohlbehütet sind. Olias Familie flüchtete mit ihm aus den Kriegswirren in Kundus in den Iran, der Vater hatte im Krieg einen Fuß verloren. Heute schlägt er sich als Schuhputzer durch. Die iranischen Behörden dulden die Kinder nur, solange sie nicht arbeiten. Wenn sie älter werden, gibt es „Probleme“ – ein Wort, das Olia mehrfach wiederholt. Polizisten hätten ihm nachgestellt, ihn festgenommen und zum Putzen der Polizeitoiletten mit auf die Wache genommen. Manchmal sei er geschlagen worden. „Klo putzen - Schläge - Probleme!“ Er hätte bleiben dürfen, wenn er sich die Arbeitserlaubnis-Karte hätte kaufen können. Flüchtlinge können das nicht.

Olia erzählt seine Geschichte auf Deutsch. Er kann sich verständlich machen, ebenso wie sein Freund Navid Rahimi (16). Navid hat keinen Vater mehr, seine Mutter schickte ihn los. Die beiden Jungs leben heute zusammen in einer SOS-Wohngruppe, beide wurden zusammen im Zug aufgegriffen – als „minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“. Die Jungs wurden von „netten Polizisten“ abgeführt, die hätten sogar Scherze gemacht. Olia war zu Fuß vom Iran in die Türkei und weiter nach Griechenland gewandert, auch Navid hatte sich vom Iran nach Griechenland durchgeschlagen, dann reisten beide mit Schiff und Bahn über Italien und Frankreich nach Deutschland. Saarbrücken war die Grenze.

Die beiden sind keine Einzelfälle. Im letzten Jahr wurden 200 minderjährige Flüchtlinge an der Saar aufgegriffen, die Bahnlinie von Paris nach Frankfurt ist die bevorzugte Verbindung. Heute sitzen die beiden mit 13 gleichaltrigen täglich in in Malstatt und machen den Hauptschulabschluss nach, lernen Deutsch und begeistern ihre Lehrer. Die Klasse mit zwölf Jungs aus Afghanistan und einem Jungen aus Bangladesh ist eine Musterklasse, die jeden deutschen Lehrer begeistern würde. . „Motivation und Aufmerksamkeit sind gar kein Thema“, sagt Mathelehrer Gregor Mertz: „Diese Schüler fehlen nie und es ist für uns ganz leicht, mit ihnen zu arbeiten. Sie wissen, wie wichtig die Stunden sind.“ Mertz ist angestellt beim Zentrum für Bildung und Beruf Saar (ZBB) und macht seit vielen Jahren Kurse für Ausländer oder Menschen, die den Hauptschulabschluss nachholen müssen.

Eine Klasse wie diese hatte er noch nie. Logisch, denn für das ZBB ist der Kurs auch eine Premiere. Mit Merz unterrichten Susanne König und Sabine Conte die Schüler. Die drei Lehrer sind begeistert. Die Jungs lesen Worte von Bildkarten ab, schlagen ständig in Wörterbüchern nach, alles passiert in Deutsch – und es klappt. Olia und Navid haben Pläne. Beide wollen eine Ausbildung in Deutschland machen, wählerisch sind sie da nicht. Und bei der Frage, warum denn Deutschland das Zielland war, sagen beide, dass sie im Land des Fußballs leben wollten. Denn Fußball spielen beide.

Patra Barth von der Saarbrücker Micado Migration GmbH, die die Jungs betreut, weiß aber nicht, wie es am Ende ausgehen wird. Das deutsche Ausländerrecht sei kompliziert, Voraussagen schwierig. Die Jungs aus Afghanistan hätten jedenfalls eine gute Chance, sich ein Bleiberecht zu erarbeiten. Sie weiß aber auch: „Fast täglich kommen weitere minderjährige Flüchtlinge dazu.“ 2011 hätten sich die Zahlen zu 2010 sogar vervierfacht. Saarbrücken sei unmittelbar von der Zuwanderung betroffen und nicht durch die zentrale Lage in Europa außen vor. 13 Heranwachsende haben in Malstatt heute eine neue Chance und jeder dieser 13 hat dies längst begriffen.

„Ich will einen Dolmetscher“, war Navids erster deutscher Satz. Er lernte ihn in Griechenland. Ein Tipp unter Flüchtlingen für den Fall, dass man die Grenze erreicht. Heute kann er schon Fragen eines Reporters beantworten. Dass er den Hauptschulabschluss bestehen wird, bezweifeln seine Lehrer nicht. Ob er in Deutschland bleiben kann, dass wissen jedoch sie nicht. ZBB-Chefin Karin Riga würde es den Jungs wünschen und sieht hier Potenzial gegen den Facharbeitermangel. Denn diese Jungs auszubilden, würde auch Deutschland etwas bringen, ist sie überzeugt. Denn ihr Eifer sei einfach unbeschreiblich.

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