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Frau wurde als Kind missbraucht – Mutter erschoss den Vater

Gabi Schmitt ist vier Jahre alt, als ihr Vater sie zum ersten Mal zwingt, seinen Penis anzufassen. Drei Jahre später ist ihr Vater tot und ihre Mutter im Gefängnis.

„Mein Vater hätte mich damals besser umgebracht. Lieber tot, als so zu leben“, sagt Gabi Schmitt. Sie ist jetzt Anfang 50, eine scheinbar selbstbewusste Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, sich gewählt ausdrücken kann, gerne lacht. Manchmal. „Wenn ich meine Phase bekomme, mache ich gar nichts mehr, dann glotze ich nur noch vor mich hin, will keine Menschen sehen, gehe nicht ans Telefon.“

Gabi Schmitt heißt nicht Gabi Schmitt. Sie heißt nur in dieser Geschichte so. Die Frau aus dem Regionalverband Saarbrücken will anonym blieben, um ihre Familie zu schützen. Doch noch mehr will sie, dass die Welt von ihrem Leben erfährt, einem unerträglichen Leben. Anfang März hat sie sich bei uns gemeldet – einen Tag, nachdem am Landgericht Verden der Kinderporno-Prozess gegen den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy eingestellt worden war, gegen eine Geldauflage von 5000 Euro. „Das hat mich so aufgewühlt, so wütend gemacht, ich habe den ganzen Tag geweint“, sagt Gabi Schmitt.

„Empörend“ und „ekelhaft“ nennt sie die Strafe von 5000 Euro. Ein Freifahrtschein sei das für alle Pädophilen, sich einschlägige Filme und Fotos zu besorgen, für die Kinder höchstwahrscheinlich missbraucht wurden. Sie würde Edathy gerne mal die Meinung sagen und ihm aus ihrer eigenen schmerzvollen Erfahrung berichten, was es heißt, ein Opfer zu sein: „Aus mir ist ein kranker Mensch geworden. Seelisch und körperlich. Ich habe so viele Psychopharmaka geschluckt, dass meine Leber kaputt ist.“

Sexueller Missbrauch von Kindern: Mindestens 100 000 Mädchen und Jungen sind nach Angaben von Beratungsstellen in Deutschland Jahr für Jahr betroffen. Andere Quellen schätzen die Zahl der Fälle auf eine Million. Fast immer sind Männer die Täter, meist ist es kein böser Fremder, sondern der liebe Onkel, Nachbar – oder der eigene Vater.

Wie bei Gabi Schmitt. Ihr Vater ist ein Tyrann, er verbietet seinen Kindern sogar das Lesen. Und jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Niemand darf die kleine Gabi und ihre beiden älteren Schwestern besuchen. Der Vater will nicht, dass irgendjemand etwas von den schlimmen Zuständen in der Familie erfährt. Immer wieder schlägt er auch übel zu, wegen Kleinigkeiten, mit der Hand, mit einem Stock, einem Gürtel. Gibt es in der Schule schlechte Noten, sperrt er seine Töchter über Stunden in den Keller zu den Ratten. Er bringt andere Frauen mit nach Hause, die Kinder bekommen seine sexuellen Entgleisungen regelmäßig mit.

Und alle drei sind über Jahre selbst Opfer. Wie oft, seit wann oder wie lange genau, hat Gabi Schmitt nie erfahren: „Man redet in der Familie nicht darüber, man schweigt es tot, weil das alles zu heftig ist, zu extrem.“ Das Schlimmste waren die Sonntagsausflüge „mit dem Herrn Papa“. Da wurden die Mädchen fein angezogen, herausgeputzt, dann ging es zur Firma des Vaters. „Während ich draußen mit meiner Schwester gespielt habe, wurde die Älteste von ihm und seinen Arbeitskollegen missbraucht. Er hat seine eigene Tochter gegen Bares verkauft.“ Gabi Schmitt hasst Sonntage bis heute, sie schottet sich dann immer ab. Es ist nur ein Beispiel, um zu erklären, wie ihre Kindheit sie ein Leben lang verfolgt. „Ich bin über 50, doch das ist etwas, was man nie vergessen kann. Selbst wenn man es noch so oft versucht, so etwas kann man nicht verdrängen.“

Für die Feministin Alice Schwarzer ist sexueller Missbrauch „der schlimmste Verrat, den ein Erwachsener einem Kind antun kann: die Zerstörung von Körper und Seele unter dem Vorwand der Liebe.“ Tatsächlich hat der Missbrauch in den meisten Fällen lebenslange Folgen. Laut Schwarzer sind drei von vier Psychiatrie-Patientinnen und neun von zehn Prostituierten missbraucht worden. Die Opfer leiden an zerstörtem Selbstwertgefühl, Angstzuständen, Depressionen und Persönlichkeitsspaltungen, sie neigen zu Magersucht , Drogen, Selbstverstümmelungen, Selbstmord.

Gabi Schmitt ist Psychiatrie-Patientin, alle paar Monate muss sie in eine Klinik. Sie hat zwei Selbstmordversuche hinter sich, einen mit 18, der andere vor zwei Jahren. „Da wäre es mir fast gelungen. Ich hatte alles eingeschmissen, was da war.“

Aber Gabi Schmitt musste in ihrer Kindheit nicht nur die sexuellen Übergriffe ihres Vaters ertragen. Als sie sieben ist, eskaliert die Lage in ihrem desolaten Elternhaus vollends. Jahrelang hatte ihre Mutter weggeschaut, es nicht wahrhaben wollen, was der Vater mit den Kindern tat, aus Angst, aus Schwäche, aus Scham. Aber als ihr Mann damit droht, sie umzubringen, wenn sie ihn anzeigen sollte bei der Polizei , wird die Angst zur Panik. Es ist ein Juli-Tag des Jahres 1970, die Mutter fühlt sich in Lebensgefahr. Also nimmt sie eine der beiden Pistolen ihres Mannes an sich, wartet auf den passenden Moment und tut es: An einem Freitag gegen 3.30 Uhr gibt sie im Schlafzimmer insgesamt sechs Schüsse ab. Vier treffen das Herz ihres schlafenden Ehemannes.

Nach der Tat geht die Mutter zu einem Nachbarn, einem pensionierten Polizisten, und gesteht alles. Die Kripo kommt, ihr Vater wird in einem Zinksarg aus dem Haus getragen, die Kinder müssen in ein Heim. Zu zweieinhalb Jahren wird die Mutter später verurteilt, im vollbesetzten Gerichtssaal klatschen die Menschen Beifall, als das milde Strafmaß verkündet wird. Das Verständnis für die Tat ist groß.

Die Kindheit von Gabi Schmitt ist spätestens zu diesem Zeitpunkt vorbei. In der Schule gilt sie fortan als „Mördertochter“. Keiner darf mit ihr reden oder gar spielen. Sie ist allein, hilflos. „Ich wurde nie angesprochen, alle haben weggeschaut, auch die Lehrer, niemand wollte Schwierigkeiten haben. Das fand ich ganz, ganz bitter.“ Sie sei ein Opfer ihrer Kindheit , sagt Gabi Schmitt heute. Ihr ganzes Leben sei „versaut“ worden: „Versuchen Sie mal auf einem maroden Fundament ein Haus zu bauen – das geht nicht. Für mich ist jeder Tag ein Kampf. Jeden Tag denke ich an das Erlebte zurück.“

Gabi Schmitt macht trotzdem irgendwie weiter. Sie liebt Bücher, ihre Wohnung ist voll davon, auch auf dem Couchtisch neben der Zigarettenpackung liegen welche, 17 Kisten hat sie noch im Keller stehen. Nur mit der echten Welt kommt sie selten klar: „Ich traue den Menschen nicht, ich verlasse mich nur noch auf mich und meine Kraft.“ Ein dicker Kater ist ihr einziger echter Freund. Mit dem würde sie, wenn sie es sich denn leisten könnte, am liebsten in einem Haus im Wald wohnen: „Mit fünf Hühnern, drei Schafen – und ohne Menschen.“
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