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Gelähmt: Siersburger (47) verklagt Dillinger Klinik



Saarbrücken. Neujahr 2012 wird Arno Fritz nie vergessen. An den Tagen rund um den Jahreswechsel nahm sein Leben eine dramatische Wende. 20 Jahre lang hatte der 47-Jährige aus Rehlingen-Siersburg zuvor als Kundendienstmonteur für Kfz- Werkstätten gearbeitet. Heute sitzt er im Rollstuhl, seinen Beruf musste er aufgeben. Es ist der frühe Morgen des 29. Dezember. Mit starken Rückenschmerzen schleppt sich Fitz in die Notaufnahme des damaligen Caritas-Krankenhauses Dillingen (seit April Teil des Marienhaus Klinikums Saarlouis- Dillingen). Es sei bereits das zweite Mal gewesen, erzählt Fritz. Schon tags zuvor sei er mit den gleichen Symptomen vorstellig gewesen – ein Bereitschaftsarzt habe ihm eine Schmerzspritze verabreicht und ihn wieder nach Hause geschickt. Diesmal habe ein Freund ihn fahren müssen, die Schmerzen seien zu stark gewesen. Vor Ort sei nun ein Arzt des Krankenhauses gewesen.

Doch auch der habe entschieden, dass eine Schmerzspritze ausreiche, und ihn wieder weg geschickt. Mehrfach, erzählt Fritz, habe er den Arzt darauf hingewiesen, dass er vor Weihnachten bereits einige Tage stationär in der Klinik war – wegen starker Leistenschmerzen. „Man gab mir das Gefühl, ich solle mich nicht so anstellen“, sagt Fritz. „Ich habe mich hilflos gefühlt.“ Zuhause quält sich Fritz weiter, die Schmerzen sind nun kaum noch auszuhalten. Am Neujahrsmorgen ruft er den Notarzt, der ihn in die Merziger SHG-Kliniken bringt. Von dort wird er sofort in die Klinik Trier überwiesen. Da geht dann alles ganz schnell: Notoperation, künstliches Koma. Als Arno Fritz Mitte Januar wieder erwacht, ist er querschnittgelähmt. Eine Stelle am Rückenmark hatte sich entzündet, der Entzündungsherd breitete sich stetig aus und quetschte das Mark, bis es zu spät war. Könnte Fritz heute noch laufen, wenn die Entzündung rechtzeitig gestoppt worden wäre?

Haben die Dillinger Ärzte versagt? Sind sie den Hinweisen auf die Entzündung nicht ausreichend nachgegangen? Die Klinik- Verantwortlichen verweisen auf ihre Schweigepflicht. Man könne sich zu konkreten Fällen nicht öffentlich äußern, so Heribert Frieling, Sprecher der Marienhaus GmbH. Man bedauere das Schicksal des Patienten sehr, sei sich aber sehr sicher, dass er jederzeit „fachgerecht betreut“ worden sei. Mit der Frage, ob im Fall Arno Fritz alles fachgerecht abgelaufen ist, beschäftigt sich auch Martin Messer. Er ist Referent für Behandlungsfehler bei Fritz’ Krankenkasse, der IKK Südwest. Messer ist eigens dafür zuständig, Patienten bei der Aufklärung möglicher Behandlungsfehler zu unterstützen. Und er hatte noch nie so viel zu tun wie heute. „Die Patienten sind aufgeklärter als früher“, sagt er. „Viele glauben nicht mehr kritiklos an den Halbgott in Weiß.“ Kein Tag vergehe, so Messer, an dem nicht irgendein TV-Magazin über Behandlungsfehler berichte. „Das Thema ist in aller Munde“. 400 Fälle hat Messer in der ersten Jahreshälfte 2012 betreut. Bis 2010 waren es jährlich unter 200. Messer hört sich die Vorwürfe der Patienten an, prüft sie und wägt ab.

Bei Erfolgsaussicht wendet er sich an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), der ein Gutachten in Auftrag gibt. Messers Ziel ist es, mit den beschuldigten Ärzten und Krankenhäusern eine außergerichtliche Einigung zu finden. Das klappe auch in den meisten Fällen, so Messer. Die IKK Südwest wie auch andere gesetzliche Krankenkassen wappnen sich bereits für den 1. Januar 2013. Dann tritt das neue Patientenrechtegesetz in Kraft, das unter anderem den Anspruch der Patienten festschreibt, von den Kassen Unterstützung bei der Aufklärung von Behandlungsfehlern zu erhalten. Die Krankenkassen rechnen mit einer weiteren drastischen Zunahme an Patienten- Beschwerden. Ob die Ärzte im Fall von Arno Fritz eine Mitschuld trifft, wird derzeit vom MDK geprüft. Die Dillinger Klinik hat alle Akten zur Verfügung gestellt.

Fritz hat mittlerweile ein halbes Jahr an Klinik- und Reha-Aufenthalten hinter sich. „Ich habe in den ersten drei Monaten so viel geheult wie in meinem ganzen Leben noch nicht“, sagt er. Mittlerweile habe er sein Schicksal angenommen. Auch für ärztliche Fehlentscheidungen habe er in gewisser Weise Verständnis, sagt er: „Wer beim Arbeiten noch nichts falsch gemacht hat, hat noch nichts geschafft.“ Dass man ihn im Krankenhaus jedoch mit seinen Schmerzen vermittelt habe, er solle sich „nicht so mädchenhaft anstellen“, das könne er nicht vergessen. Fritz wohnt derzeit im Haus von Freunden, die extra für ihn einen Rollstuhl-Zugang zu einem der Räume gebaut haben. Doch das soll nur eine Übergangslösung sein. Fritz sucht eine eigene Wohnung. „Ich muss mein Leben ganz neu planen“, sagt er.

HINTERGRUND

Wer als Patient dem Verdacht eines Behandlungsfehlers durch einen Arzt nachgehen möchte, hat im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Er kann die Schlichtungsstelle der Ärztekammer einschalten. Dies ist kostenlos. Die Schlichtungsstelle holt entsprechende Gutachten ein, allerdings ist eine Beteiligung an dem Verfahren für die beschuldigten Krankenhäuser freiwillig. Zudem haben Patienten ab 1. Januar 2013 Anspruch darauf, dass die gesetzlichen Krankenkassen ihnen Hilfe bei der Aufklärung von möglichen Behandlungsfehlern liefern. Die Kassen wenden sich dann an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), der ein Gutachten erstellt. Dies ist ebenfalls kostenfrei. Außerdem können Patienten auf eigenem Weg ein zivil- oder strafrechtliches Verfahren einleiten. Es empfiehlt sich, einen Rechtsanwalt hinzu zu ziehen. jkl
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