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Häftlings-Schuldnerberatung an der Saar droht das Aus

Mit einem Reisekoffer voller Akten betritt Nadine Cremers jeden zweiten Montag das Gefängnis in Saarbrücken. Aus Sicherheitsgründen darf die Schuldnerberaterin weder Laptop noch Telefon mit in die Beratungsgespräche nehmen. Sich im Voraus mit den Klienten abzusprechen, ist kaum möglich. Dennoch sei die Nachfrage groß. „Aktuell möchten 150 Gefangene einen Termin, da gibt es dann Wartelisten“, erklärt Cremers. Sie arbeitet für den Verein zur Förderung der Bewährungs- und Jugendgerichtshilfe (BWH), der einzigen Institution, die im Saarland in den Justizvollzugsanstalten Saarbrücken und Ottweiler Straftätern eine Schuldnerberatung anbietet.

„Durch die Haft entstehen auch Schulden: Das Einkommen fällt weg, noch laufende Verpflichtungen etwa für Wohnung und Unterhalt können nicht mehr gezahlt werden, hinzu kommen die Gerichts- und Anwaltskosten“, erklärt Cremers. Andere haben auch schon vorher Schulden durch Arbeitslosigkeit, Scheidung, Suchterkrankungen oder schlicht durch das Unvermögen, mit ihrem Geld zu haushalten. „Sparen und dann kaufen war früher, heute heißt das Motto bei vielen: kaufen und dann abzahlen“, fasst die Geschäftsführerin des Vereins, Gisela Fechter, zusammen. Daher bringt eine Mitarbeiterin in der anstaltsinternen Berufsschule an der JVA Ottweiler den Jugendlichen den Umgang mit Geld bei, um Schuldenfallen zu vermeiden. „Fast niemand hat den Überblick über seine Schulden, wenn er zum ersten Mal zu mir kommt“, hat Schuldnerberaterin Cremers beobachtet. Daher bietet sie zunächst Gruppentermine an, wo sie Musterformulare verteilt, mit denen die Häftlinge selbst bei Schufa und Gerichtsvollzieher Informationen über ihren Schuldenstand abfragen müssen. Anschließend erarbeitet sie Konzepte, wie die Schulden getilgt werden können, oder beantragt ein Insolvenzverfahren.

„Viele Häftlinge arbeiten im Gefängnis und können so schon während der Haft anfangen, ihre Schulden abzuzahlen“, sagt Cremers. Der Verein bietet ihnen dafür ein Treuhandkonto, auf dem das pfändbare Einkommen angespart wird. Oft reiche die angesparte Summe auch für einen Vergleich mit den Gläubigern. „Die Schuldnerberatung ist ein wichtiger Baustein für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach der Haft“, sagt Nadine Cremers. Sie bezieht auch die Angehörigen in die Arbeit mit ein und betreut auf Wunsch den Entlassenen auch nach der Haft weiter. Mit Schulden wird der Neustart schwieriger: Sie erschweren nach der Haftentlassung die Kontoeröffnung sowie die Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche und ziehen oft Pfändungen nach sich. In der Folge können Entlassene häufig erneut Rechnungen nicht begleichen. Seit 1996 bietet der Verein BWH die Schuldnerberatung für Häftlinge an. Für die rund 105 Erstberatungen und 200 laufenden Fälle pro Jahr benötigt er 105 000 Euro. „Im nächsten Jahr werden wir es noch hinkriegen, doch wenn sich für 2015 finanziell nichts ändert, wird die Schuldnerberatung nicht überleben können“, sagt Fechter.

„Wir brauchen einfach neue Mittel.“ Der Verein BWH finanziert sich vor allem über Bußgelder, die Richter ihnen zusprechen. Diese müssten jedoch verstärkt für den Erhalt anderer Projekte zur Wiedereingliederung Straffälliger eingesetzt werden, bei denen das Land aufgrund der Sparzwänge seine Zuschüsse kürze. Dennoch hoffe man auf Landesgelder für die Schuldnerberatung. Darüber hinaus will sich der Verein verstärkt um private Spenden bemühen. „Es wäre sehr bitter, wenn uns in zwei Jahren ein ehemaliger Häftling um Hilfe bittet und wir ihn abweisen müssten“, findet Fechter.

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