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Hanfblüten gegen den Schmerz

Bisher brauchen Patienten, die Cannabis gegen den Schmerz konsumieren, eine Ausnahmegenehmigung. Das soll sich nun ändern. Foto: dpa

Bisher brauchen Patienten, die Cannabis gegen den Schmerz konsumieren, eine Ausnahmegenehmigung. Das soll sich nun ändern. Foto: dpa

Ohne Cannabis wäre er längst blind und könnte vor Schmerzen nicht vor die Tür gehen, ist Bernd Vohwinkel überzeugt. Der Frührentner aus Duderstadt bei Göttingen inhaliert jeden Tag 3,0 bis 3,5 Gramm. Er ist einer von 779 Patienten bundesweit, die eine Ausnahmeerlaubnis zur ärztlich begleiteten Selbsttherapie mit Cannabis besitzen.

 

Die Döschen mit den Hanfblüten bezieht sein Apotheker aus Holland. Manchmal muss Vohwinkel wochenlang auf das Medikament warten. „Wir Patienten werden dann quasi in die Illegalität gezwungen“, sagt der 56-Jährige, den die Augenkrankheit Glaukom, Hepatitis C und chronische Schulterschmerzen seit einem Unfall plagen. Vohwinkel hat bei der Bundesopiumstelle einen Antrag auf Eigenanbau von Hanf gestellt, der wegen fehlender Sicherheitsvorkehrungen abgelehnt wurde. „Die verlangen eine Haustür wie in einer Apotheke, Gitter vor dem Badezimmerfenster, ein Fingerprint-Schloss und eine Überwachungskamera“, erzählt der frühere Kraftfahrer. „Dafür habe ich kein Geld.“ DieKrankenkasse übernehme die Cannabis-Kosten in Höhe von etwa 1300 Euro monatlich nicht. Die Bundesregierung hat vor, schwerkranken Menschen demnächst den als illegale Droge eingestuften Stoff auf Rezept zu ermöglichen – ein entsprechender Gesetzentwurf ist auf dem Weg. In vielen Ländern wie den USA oder Israel ist Cannabis als Medizin schon etabliert. Es wird zur Linderung der Nebenwirkungen von Chemotherapien, zur Appetitsteigerung bei Aids oder bei chronischen Schmerzen eingesetzt. In Deutschland ist Sativex das einzige zugelassene Präparat auf Cannabis-Basis. Kirsten Müller-Vahl erforscht an der Medizinischen Hochschule Hannover die Wirksamkeit von Cannabis bei der Nervenkrankheit Tourette-Syndrom. „Cannabis-basierte Medikamente könnten bei rund 50 Krankheiten helfen. Leider gibt es viel zu wenig Geld für die Forschung.“ Wer sich mit Cannabis nicht auskennt, denkt schnell, dass der Stoff die Patienten high macht. Die Wirkung auf die Psyche ruft fast nur das THC (Tetrahydrocannabinol) hervor. Insgesamt enthält die Hanfpflanze aber mehr als 100 Cannabinoide sowie hunderte weitere pflanzliche Stoffe. „Cannabis ist kein Wundermedikament“, sagt Müller-Vahl. Einigen Patienten berichteten von Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Das Suchtrisiko sei aber sehr gering.

 

Dass die Bundesregierung Cannabis auf Rezept ermöglichen will, findet die Professorin gut. Bisher dürfen die Patienten ihr Medizinalhanf nicht ins Ausland mitnehmen. Dies soll sich mit dem neuen Gesetz ändern. Der Entwurf sieht zudem die Gründung einer staatlichen Cannabis-Agentur vor. Zum Anbau von Cannabis als Arzneimittel soll es ein Ausschreibeverfahren geben.

 

Nicht alle Ärzte finden das positiv. Der Psychiater Rainer Thomasius hält Cannabis für „kein besonders gutes Medikament“. Er warnt vor dem Psychose-Risiko. Cannabis-Patient Bernd Vohwinkel sieht das anders. „Ich kann nicht verstehen, dass sich so viele schwertun mit der Pflanze, die Jahrhunderte als Heilmittel und Medikament gebraucht wurde.“
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